Philip Ardagh: Schlimmes Ende

Tja, heute gibt es mal eine Kritik von mir zu einem lustigen Buch, das also so gar nicht zu meinem üblichen „Beuteschema“ passt – wer hätte das gedacht? :-)

Edmund, genannt Eddie – oder Jonathan oder Simon – muss sein Elternhaus verlassen. Seine Eltern leiden unter einer Krankheit, durch die sie ganz gelb geworden sind, wellig an den Rändern und zudem einen Geruch nach alten Wärmflaschen ausströmen. Also beschlossen Eddies Eltern, ihren Sohn in die Obhut des Wahnsinnigen Onkels Jack und der Wahnsinnigen Tante Maud zu geben.

Eddie folgt den Anweisungen der Eltern, wie es sich für einen guten Sohn gehört, doch mit dem völligen Irrsinn von Onkel und Tante hat der Junge so seine Probleme. Die Schwierigkeiten fangen aber erst richtig an, als Theaterdirektor Pumblesnook sich der kleinen Reisegesellschaft, die mit der Kutsche nach „Schlimmes Ende“, dem Haus von Onkel und Tante, unterwegs ist, anschließt. Dieser bringt Eddie nämlich bei, sich wie ein richtiger Schauspieler in eine Rolle einzufühlen, komme, was wolle. Und das, was kommt, ist in der Tat übel, und Eddie findet sich plötzlich fälschlicherweise in einem Waisenhaus wieder, wo man ihn nicht gerade gut behandelt …

Von der ersten bis zur letzten Seite strapaziert Ardagh die Lachmuskeln seiner Leser. Wortspiele aller erdenklichen Art und in exzessivem Ausmaß eingebracht sorgen dafür, dass dem Leser das Schmunzeln keinesfalls vergeht. Hierbei stellt sich heraus, dass das Büchlein mit seinen nur 126 Seiten genau den richtigen Umfang hat, denn wer glaubt, Eddies Geschichte in einer halben Stunde bereits gelesen zu haben, der irrt.

Die Wortspiele Ardaghs sind manchmal offensichtlich und selten an der Grenze zur Albernheit, ein Großteil jedoch ist sehr gut überlegt und fordert auch vom Leser, sich auf die Geschichte einzulassen, sie langsam zu lesen, in sich aufzunehmen und sie schlicht und einfach zu genießen. Und genießen kann man die Lektüre wirklich, sei es, sich darüber zu amüsieren, dass Eddies Vater zum Räuspern fachmännisch ein Räusperstäbchen verwendet oder darüber, dass der Wahnsinnige Onkel Jack stets in Fischen seine Rechnungen zu bezahlen pflegt.

Hat man „Schlimmes Ende“ gelesen, versteht man sogleich, dass dieses Werk, teils gespickt mit geradezu urbritischem Humor, mit dem „Luchs“ sowie mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde.

Die Hoffnung am Ende, es könne weitere Geschichten rund um Eddie geben, hat sich für Fans längst bestätigt: Neben der neuen Taschenbuchausgabe sind bei Omnibus auch Teil zwei und drei der Trilogie zu haben, außerdem gibt es einen Sammelband der Geschichten.

Übersetzer Harry Rowohlt hat ganze Arbeit geleistet, die aneinander gereihten Witze des Romans so sauber wie möglich für deutschsprachige Leser zu präsentieren, und die zahlreichen Schwarzweißillustrationen David Roberts geben ihr übriges hinzu, die Karikaturen des Buches noch lebendiger zu gestalten.

Jean-Christophe Grangé: Der steinerne Kreis

Ich habe fast alle Bücher von Grangé gelesen (okay, sind auch nicht so viele), und die meisten haben mich wirklich begeistert. Beim letzten Titel bin ich erst mal ausgestiegen, weil ich so langsam doch den Eindruck habe, dass sich die Inhalte trotz unterschiedlicher Schwerpunkte doch sehr ähneln.

Falls es jemandem ähnlich geht, mag er es vielleicht mal mit „Der steinerne Kreis“ versuchen. Aus meiner Sicht passt dieser Roman von Grangé nämlich so gar nicht in sein „Schema“. Kurz nach der Lektüre war ich entsprechend eher enttäuscht, mittlerweile finde ich das gar nicht mehr so schlecht.

Diane Thiberge ist aufgrund eines Missbrauchsfalles als Kind eine recht verbitterte Frau geworden. Emotionale Kontakte, Berührungen oder gar Beziehungen lehnt sie streng ab und hat Jahre ihres Lebens damit verbracht, sich in Kampftechniken zu schulen. Doch trotz ihrer scheinbaren emotionalen Kälte sehnt Diane sich nach einem Kind. Mit Hilfe der Kontakte ihrer Mutter, zu der sie an sich ein eisiges Verhältnis hat, und deren Lebensgefährten erreicht Diane die Erlaubnis zur Adoption eines Kindes und reist schließlich nach Vietnam, um dort einen Jungen namens Lü Sian, den sie in Lucien umbenennt, zu adoptieren und mit sich nach Frankreich zu nehmen.

Nach einer kurzen Welle des Glücks wird Diane jedoch jäh vom Negativen eingeholt. Mit Lucien auf der Rückbank hat sie einen verheerenden Autounfall, aufgrund dessen Lucien ins Koma fällt. Es steht sehr schlecht um den kleinen Jungen, doch wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein deutscher Heilpraktiker auf und stabilisiert Lucien mit seinen Methoden. Diane, selbst Wissenschaftlerin, ist völlig verblüfft über diese Wendung, doch noch verblüffter ist sie, als sie dankbar von dem Heilpraktiker spricht, der vorgab, mit dem Kinderarzt des Krankenhauses zusammenzuarbeiten, und feststellen muss, dass niemand diesen Heilpraktiker kennt. Groß ist der Schrecken Dianes, als auf dem Krankenhausgelände der Leichnam des Deutschen gefunden wird. Alle Informationen über seine Identität, die er Diane gab, stellen sich als wahr heraus und Diane ist froh, dass somit bewiesen ist, dass sie diesen Heilpraktiker nicht nur erdacht hat, dennoch ist sie schockiert über seinen Tod.

Die seltsamen Begebenheiten geben Diane zu denken, und schließlich ist sie davon überzeugt, dass der Autounfall kein Zufall gewesen ist. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermitteln und besucht einen Hypnotiseur, um die Momente kurz vor dem Unfall noch einmal zu rekonstruieren und dadurch Gewissheit zu erlangen – mit Erfolg.

Weitere Zufälle und Morde begegnen Diane und schließlich findet Diane heraus, dass ihr Adoptivsohn keineswegs aus Vietnam stammt, sondern aus der Mongolei. Sie macht sich auf den Weg, um das Geheimnis, das den Jungen umgibt, zu lüften – und sie stößt auf viel Unwirklicheres als auf einen Heilpraktiker …

Jean-Christophe Grangé ist ja bekannt für seine Thriller, bei denen stets das abgrundtief Böse im Vordergrund steht. Einige Entwicklungen in seinen Büchern erscheinen so manchen Lesern verworren, doch in „Der steinerne Kreis“ schlägt der Autor einen Weg ein, der die Fangemeinde spaltet. In diesem Roman ist es nicht allein das Böse, das Verbrechen, das im Vordergrund steht, sondern es wird begleitet von einer großen Portion Mystik – oder Fantastik, wenn man so will.

Grangé verknüpfte die Inhalte eines Thrillers mit dem Schamanentum der Mongolei, und so ist ein Roman entstanden, der sich keineswegs vorhersehen lässt und dessen vor allem letzte Seiten so manchen Leser ratlos und ungläubig zurücklassen.

Vermag man es, sich auf diesen ungewohnten Stil einzulassen, erwartet einen jedoch ein Thriller, der wie vom Autor gewohnt spannend und atmosphärisch aufgebaut wurde. Die Charaktere sind glaubhaft, Orte und Begebenheiten in ihrem eigenen Rahmen gut recherchiert und realistisch.

Ein kleiner Tipp: Besonderes Augenmerk ist auf die Details im Verlauf des Buches zu legen, denen am Ende noch eine ganz besondere Bedeutung zukommt …

Beim Einbinden des Schamanentums ist Grangé zweifellos selbst aus Sicht der meisten Mystikfreunde haarscharf über das Ziel hinausgeschossen, dennoch lohnt die Lektüre – vorausgesetzt, man verneint mystische beziehungsweise fantastische Elemente in einem Thriller nicht von vornherein

Colin Forbes: Skelett

Hier noch mal ein älteres Buch von 2007, das zudem auch noch mitten aus einer Reihe gerissen ist. Macht aber nichts, denn ich habe bislang auch nur den einen Titel gelesen. :-)

Als man einen Mann aufliest, der offenbar unter Amnesie leidet, zunächst wiederholt „Ich habe Mord gesehen.“ stammelt, dann aber völlig verstummt, überträgt man den Fall dem stellvertretenden Direktor der SIS, Tweed, in der Hoffnung, dass dieser herausfindet, ob sich wirklich ein Mordfall im Zusammenhang mit dem Mann ereignet hat.

Tatsächlich findet Tweed schon sehr rasch heraus, wer der Mann mit dem Gedächtnisverlust wirklich ist: Sein Name ist Michael und er gehört zur Familie Volkanian, den einflussreichen Besitzern der Firma Gantia, dessen Oberhaupt Drago bekanntermaßen auch Waffen produziert, den Ort der Waffenfabrik jedoch bislang nicht preisgegeben hat.

Auf dem Weg, Michael nach Hause zu folgen, wohin der amnesiekranke Mann automatisiert läuft, entdecken Tweed und seine Assistentin Paula Grey eine Leiche am Wegesrand – und durch Zufall entdecken die Polizisten, die Tweed daraufhin verständigt, in unmittelbarer Nähe eine weitere.

Die gefundenen Leichen stellen ein Rätsel in verschiedenerlei Hinsicht dar: Wer sind die Toten? Warum wurden sie so brutal getötet? Und vor allem: Wer hat sie getötet und warum?

Tweed und seine Assistentin verfolgen jede erdenkliche Spur, die zumindest insoweit erfolgreich ist, dass sie innerhalb kürzerer Zeit weitere Leichen an anderen Orten entdecken, die auf dieselbe Weise getötet wurden.

Der Verdacht, dass der Mörder in der Familie Volkanian zu suchen ist und die Morde im Zusammenhang mit einer Veruntreuung von vielen Millionen Pfund stehen, erhärtet sich immer mehr, und doch fehlen Tweed auch nach umfangreichen Recherchen und Verhören noch wichtige Informationen, die ihm den richtigen Hinweis geben könnten. Dennoch ist ein Lösen des Falls dringend erforderlich. Nicht nur, dass die Öffentlichkeit durch reißerische Presseberichte aufgeschreckt ist, sondern Tweed selbst muss erkennen, dass jemand einen Profikiller auf ihn angesetzt hat …

Der größte Pluspunkt des Krimis ist zweifellos, dass er den Leser gefangen nimmt und ihn praktisch bis zur Auflösung des Ganzen nicht mehr zur Ruhe kommen lässt. Das Buch ist außerordentlich spannend zu lesen, so dass man es kaum mehr aus der Hand zu legen vermag.

Dennoch weist „Skelett“ einige Mängel auf. Autor Colin Forbes hat sich zu Gunsten der Spannung ziemlich auf die bestehenden Ermittlungen beschränkt, ohne sich die Mühe zu machen, die auftretenden Figuren besonders zu charakterisieren. Sicherlich ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass Forbes seinen Agenten Tweed zum Mittelpunkt einer Serie gemacht hatte, in deren Rahmen der vorliegende Roman bereits der zwanzigste und zugleich der vorletzte der Reihe vor Forbes’ Tod ist, dennoch sind alle Titel unabhängig voneinander und ohne besondere Reihenfolge zu lesen, so dass die fehlende Ausarbeitung der Charaktere durchaus als Mängel zu werten ist.

Unter anderem durch diese relative Hetze, die Forbes aufgebaut hat, kommt es zu zahlreichen unfreiwillig komischen Stellen, die zum einen störend wirken, eben weil sie nicht komisch gedacht sind, zum anderen auch deshalb, weil sie dem bereits vorgenannten Mängel und dem Bestreben, der Handlung so streng wie möglich zu Gunsten der Spannung zu folgen, entspringt.

Zu guter Letzt würfelte der Autor noch einige Elemente hinzu, die in diesem Krimi schlicht überflüssig sind. Falsche Fährten in allen Ehren, aber wiederkehrende Sekteninformationen und schließlich die politische Bandbreite, die illegal hergestellte und verkaufte Sprengköpfe beinhaltet, sind dann doch ein bisschen zuviel des Guten, zumal diese beiden Aspekte durchaus relativ raumgreifend sind.

Für Leser, für die Spannung im Vordergrund steht bei einer Lektüre, ist „Skelett“ in jedem Fall zu empfehlen, denn Spannung und Tempo sind es, die den Leser durchaus von der ersten bis zur letzten Seite an das Buch fesseln.

Wer hingegen Wert darauf legt, nicht nur reine Unterhaltungslektüre zu haben, sondern stimmige und atmosphärische Bücher lesen will, für den ist Colin Forbes’ „Skelett“ eher nicht geeignet.

Kate Thompson: Zwischen den Zeiten

Kate Thompson, selbst begeisterte Fiddlerin, ließ sich von ihrer Verlegerin zu einem Kinder- und Jugendroman inspirieren. Im Mittelpunkt steht neben Irland und seiner ureigenen Magie die Musik. Ich fand das Buch sehr schön und auch langfristig sehr schön (hab es schon vor längerer Zeit gelesen), so dass ich es hier gern vorstellen möchte.

JJ Liddy erfährt im Streit mit seinem besten Freund, was ihm bisher jeder vorenthalten hat: JJs Urgroßvater soll den damaligen Pfarrer wegen einer Flöte ermordet haben. JJ ist entsetzt und beschließt, sich von seiner Familie und deren Traditionen, vor allem der Musik, abzuwenden. Zum Glück währt diese Entscheidung nicht lang, denn JJs Mutter erkennt, dass ihr Sohn sich verändert hat und erzählt ihm die Geschichte aus Sicht der Liddys. JJ ist gern bereit, seiner Mutter zu glauben und beschließt, doch lieber an der Seite seiner Mutter zum Tanz aufzuspielen, anstatt mit Gleichaltrigen in die Disco zu gehen. Er muss seinem Freund nur noch absagen und auf dem Weg dorthin einen Botengang für seine Mutter erledigen. Doch von diesem Botengang kehrt JJ nicht zurück. Auch nach Wochen gibt es keine Spur, wo JJ geblieben sein könnte.

JJ geht es jedoch gut. Während seine Familie sich große Sorgen macht, ist er in Tír na nÓg unterwegs. Dort macht er nicht nur die Bekanntschaft von Feen, sondern versucht in erster Linie, den Geburtstagswunsch seiner Mutter zu erfüllen: mehr Zeit. Denn immer schneller scheint die Zeit in seiner Welt zu verrinnen, und wie JJ in Tír na nÓg lernt, hat auch die einst zeitlose Welt der ewigen Jugend seit einer Weile Probleme mit fortschreitender Zeit. Es muss ein Leck geben, durch das die Zeit verrinnt – und JJ ist fest entschlossen, dieses Leck zu finden und zu stopfen …

Mit „Zwischen den Zeiten“ ist Autorin Kate Thompson eine wirklich zauberhafte Geschichte gelungen. Es handelt sich keineswegs um die übliche Fantasy, auf die ein Leser allerorten trifft, und der Zauber der Geschichte liegt mitnichten in äußerst magiebegabten Kreaturen. Die Magie der Geschichte liegt im erzählerischen Geschick. Kate Thompson weist beispielsweise zwar wiederholt darauf hin, dass die Zeit immer schneller verrinnt, doch vor allem zeigt sie es ihren Lesern, führt es ihnen vor Augen und lässt es sie damit ein Stück weit selbst erkennen. Durch jeden Verzicht auf Kitsch und Klischees erreicht sie zudem eine Erzähltiefe für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen, die durchaus im Ansatz schon als philosophisch zu bezeichnen ist.

Eoin Colfer, der irische Autor, der mit „Artemis Fowl“ berühmt wurde, bezeichnete dieses Buch als „zauberhaft, verführerisch und absolut fesselnd …“, und so ist es auch.

Besondere Erwähnung soll jedoch noch der Gestaltung des Buches zuteil werden. Die Kapitel sind sehr kurz gehalten und umfassen meist nur wenige Seiten. Zwischen zwei Kapiteln sind aber stets einige Notenlinien eingefügt, die mit Noten ausstaffiert wurden und kurze Musikstücke präsentieren. Diese stammen von Kate Thompson selbst, von angegebenen Komponisten und von unbekannten, und sie sind nicht nur nachspielbar und vermitteln über die reine Handlung, in der Musik eine große Rolle spielt, hinaus eine wunderschöne und zauberhafte Atmosphäre, sondern in der Regel haben sie auch noch einen konkreten Bezug zur gerade laufenden Handlung. Soll JJ etwa an einem Tor, auf dem eine Taube sitzt warten, so findet sich am Ende des Kapitels das Stück „Pigeon on the gate“, stellt sich jemand mit dem Namen Lucy Campbell vor, folgt kurz darauf das gleichnamige Lied. Fast sechzig Lieder wurden auf diese Weise in das Buch integriert und geben diesem damit einen innovativen und besonders passenden Mehrwert.

„Zwischen den Zeiten“ ist ein wirklich großartiges Buch für Jung und Alt. Man kann es nicht nur lesen, sondern der Geschichte durch zahlreiche Musikstücke auch noch nachspielen. Kate Thompson hat ein wunderschön gestaltetes Buch kreiert, dem man die Liebe zu Irland und zur Musik anmerkt. Ein flüssig zu lesendes, spannendes und anrührendes Buch, in das soviel Liebe eingeflossen ist, kann man nur noch als grandios bezeichnen.

Es gibt übrigens auch eine Randomhouse-Webseite zum Buch, die ihr euch mal anschauen könnt:
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Christa Kanitz: Die Venezianerin

Inhalt:

Die Familie des Justus Iserbrook aus Hamburg erfreut sich einer guten Stellung innerhalb der Gesellschaft und eines entsprechenden Reichtums, auch wenn letzterer nach der letzten Besatzung durch die Franzosen, die etliche Verluste nach sich zog für die Hamburger, eher nicht recht greifbarer Natur ist.
Ein Blick hinter die Kulissen der Familie zeigt, dass dort jedoch nicht alles Gold ist, das glänzt: Der älteste Sohn Moritz leitet das venezianische Kontor zwar zur vollen Zufriedenheit seines Vaters, seine Heirat mit einer Venezianerin stieß in der Familie jedoch auch wenig Gegenliebe. Der zweite Sohn ist ein Tunichtgut, der lieber Wein und Weib zuspricht, als sich um die Geschäfte der Familie zu kümmern, und die Tochter der Iserbrooks ist recht gut unter die Haube gekommen, zeigt aber wenig Eigeninitiative im Leben.
Moritz plant, mit seiner Frau Sylvana und den drei Kindern nach Hamburg umzuziehen, was zu einem deftigen Streit führt, doch unbeirrt besteigt Moritz das Schiff gen Hamburg, um eine Warenladung zu begleiten und mit seinem Vater den Umzug zu besprechen. Doch es kommt zu einem Unglück, Moritz kommt dabei um, und plötzlich steht Sylvanas Schwiegervater vor dem Haus in Venedig, um ihr mitzuteilen, dass sie und ihre Kinder dennoch nach Hamburg umziehen werden.
Sylvana fügt sich schließlich, doch Hamburg scheint zu sein wie erwartet: kühl, ganz anders als ihr geliebtes Italien. Sie hat Schwierigkeiten mit der hanseatischen Art und den Gepflogenheiten in Hamburg, noch mehr Schwierigkeiten jedoch bekommt sie mit ihrer Schwiegermutter Vanessa. Die beiden entzweien sich und Sylvana versucht, aus ihrem Los das Beste zu machen, doch als Justus stirbt, bezichtigen die Schwiegermutter und deren Tochter sie des Betrugs und der angebliche Tunichtgut des Hauses stellt auf einmal Ansprüche an das Erbe. Sylvana scheint erneut alles im Leben zu verlieren.

Meine Meinung:

Gleich nach der Lektüre war ich ziemlich begeistert von dem Roman, denn er hatte mich gut unterhalten, war kurzweilig und trotz des Titels und der Protagonistin Sylvana nicht ganz so typisch „Frauen in Hosen“, wie ich angenommen hatte, denn die Venezianerin stößt durchaus an ihre Grenzen im Rahmen des Buches. Gestört hat mich zu diesem Zeitpunkt vor allem der Schluss, den ich unglaubwürdig fand und auch zu offen. Letzteres klärte sich später, als ich erfuhr, dass – natürlich – weitere Bände dieser „Gewürzhändler-Saga“ existieren.

Nachdem der Roman sich mittlerweile ein wenig bei mir gesetzt hat und ich feststelle, dass ich mich zwar nach wie vor an den Darstellungen zum Handel mit Gewürzen, zur Lagerung derselben und derlei mehr erfreue (die entsprechend gegenteilige diesbezügliche Behauptung in einer Amazon-Rezension kann ich daher nicht ganz nachvollziehen), der Rest aber sehr schnell und ohne großen Nachhall in meinem Kopf verschwunden ist, bin ich nicht mehr ganz so begeistert.

Zwar ist die Geschichte kurzweilig, aber entsprechend auch schnell im Verlauf, wenig detailliert und die Dinge passieren nun mal so, wie sie passieren, ohne dass einem dies besonders nahe gehen würde. Das Ganze ist relativ vorhersehbar, überrascht wenig, und mit ein bisschen Distanz muss ich dann doch zugeben, dass die Frauencharaktere zwar nicht so schlimm ausgearbeitet wurden, dass sie meinem Klischee eines solchen „historischen Romans“ entsprechen, aber sehr viel authentischer wirken sie andererseits dann doch wieder nicht. Vor allem das Gefühlsleben von Sylvana fand ich eher hanseatisch kühl als leidenschaftlich italienisch, um mal bei Klischees zu bleiben.
Auch die Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Kontor-Standorten beziehungsweise der jeweiligen Lebensart hätte deutlicher herausgearbeitet werden können, wie so einiges andere auch. Ich denke, das alles war dafür aber zu weit weg vom heutigen Leben und den Vorstellungen der Autorin, so dass all das eher seicht an der Oberfläche bleibt.

Unterhaltsam, kurzweilig und teilweise interessant und informativ, im Großen und Ganzen aber doch eher belanglos und entsprechend wenig fesselnd.

 

Dan Simmons: Drood

Vorweg
„Drood“ von Dan Simmons ist ein Titel, der mir bei seinem Erscheinen gleich ins Auge sprang. Viktorianisch, Grusel & Mystik, das Vorkommen realer Persönlichkeiten und diese noch aus dem Bereich der Literatur, all das hat mich sofort angesprochen. Es hat letztlich dann doch eine halbe (gefühlte) Ewigkeit gedauert, bis ich es gelesen habe.
Wichtig, um meine Meinung einzusortieren, ist in dem Fall vielleicht auch der Hinweis, dass ich bislang nichts (ja, wirklich gar nichts) von Dan Simmons, Charles Dickens und Wilkie Collins gelesen hatte, dass historische Romane und entsprechend historisches Interesse bei mir nur begrenzt vorkommen, und dass ich generell nicht gerne so dicke Schinken lese, wie „Drood“ unbestreitbar einer ist.

Inhalt
Die Schriftsteller Charles Dickens und Wilkie Collins sind eng befreundet, weshalb Wilkie – der Erzähler des gesamten Romans – auch einer der ersten ist, mit denen Charles Dickens über das Zugunglück in Staplehorst spricht, bei dem er zwar überlebte, viele andere jedoch den Tod fanden. Wilkie ist jedoch der Einzige, dem Dickens mitteilt, dass er bei diesem Unglück die Bekanntschaft eines gewissen Drood machte, einer Gestalt, die aussieht wie der leibhaftige Tod und von dem Dickens glaubt, dass er für den Tod einiger Menschen beim Zugunglück maßgeblich und auf mystische Weise verantwortlich sei.
Dickens beschließt, Drood und seinen Machenschaften mit Hilfe von Wilkie auf die Spur zu kommen und ihm nach Möglichkeit das Handwerk zu legen. Wilkie schließt sich diesem Unterfangen mit gemischten Gefühlen und eher ungern an, doch rasch hat Drood auch Wilkie in seinen Bann gezogen.
Im Verlauf der nächsten Jahre trifft Wilkie immer wieder auf Drood und sieht seinen Freund Charles, andere Bekannte und schließlich sich selbst in Gefahr durch diesen Massenmörder, der seinen Ursprung in Ägypten hat und seinem Kult zu neuem Leben verhelfen will.

Meine Meinung
Das Buch ist so vielschichtig, dass man es nicht in wenigen Worten abhandeln kann. Das spricht für den Roman, soviel vorweg.

Der Anfang des Ganzen ist sehr schleppend und ich habe sehr kämpfen müssen, das Buch nicht beiseite zu legen. Und mit dem Anfang meine ich gut und gern das gesamte erste Drittel des Romans – und damit im Grunde schon selbst eine Romanlänge, denn andere haben auf 300 Seiten eine komplette Geschichte von A bis Z erzählt, während Simmons sich da gerade erst aufgewärmt hat.
Man erfährt vieles aus dem Leben von Wilkie Collins, Charles Dickens und auch von deren Verwandten, Freunden, Bekannten und Werken anderer Autoren. Natürlich spielen hier auch das alltägliche Leben, Gepflogenheiten, gesellschaftliche Regeln und derlei eine Rolle. Das alles fand ich sehr stimmungsvoll und auch glaubhaft, doch da das Erzählerische hier im Vordergrund steht (wer mit wem wann und warum … welches Werk mit welchem Inhalt und bei welchem Verlag und in wie vielen Fortsetzungen … etc.), ist dieser Teil doch in erster Linie gähnend langweilig. Unterbrochen wird dies nur von der Szene des Zugunglücks selbst und den ersten Nachforschungen von Wilkie und Dickens in den Katakomben, die einigermaßen spannend und auch ein bisschen gruselig sind, doch diese Szenen gemessen am Gesamtumfang des „Einstiegs“ macht das Lesen insgesamt doch eher zu einer trägen und schwerfälligen Angelegenheit, die es einem schwer macht, Gefallen an der Geschichte oder auch nur an einzelnen Charakteren zu finden.

Wie beim Berliner Ballen ist die Mitte auch bei „Drood“ das Beste.
Hier treten die Personen- und Beziehungsbeschreibungen in den Hintergrund (nicht zuletzt, weil sie zuvor mehr als ergiebig ausgewälzt wurden) und es ist, als habe einer mit einer Klappe mit der Aufschrift „ÄÄÄÄÄKTSCHN!“ im Buch gehockt. Es wird bedrohlicher, sowohl auf mystische und versteckte Weise, als auch ganz offensichtlich durch Raubversuche, hitzige Diskussionen und Auseinandersetzungen. Alles wird in diesem Teil des Buches plötzlich greifbarer und lebendiger, man wird (endlich!) ein Stück weit hineingezogen in die Geschichte.
Dieser Buchteil, der sich bis auf die letzten vielleicht 100 Seiten ausdehnt, weckt viele Emotionen. Ich hab mich hier nicht nur gegruselt oder war vor Spannung kurz vor dem Nägelkauen, sondern mich hat gerade die Entwicklung der Freundschaft zwischen Wilkie und Dickens sehr berührt sowie auch die Entwicklung einiger Nebenfiguren, die teils aus unterschiedlichen Gründen aus der Handlung verschwinden, teils noch am Rande erwähnt werden, teils ihrerseits eine deutliche Entwicklung durchmachen.
Das ist etwas, für das Simmons alles Lob dieser Welt verdient: Haupt- UND Nebenfiguren derart zu gestalten, dass man an allen Entwicklungen gleichermaßen wirklich emotionalen Anteil nimmt (und das nach einem derart harten Einstieg ins Buch durch die Längen), ist in meinen Augen eine absolute Meisterleistung, von der ich mich nicht erinnern kann, sie jemals in der Form beim Lesen erlebt zu haben.

Leider hält Simmons das alles nicht bis zum Ende durch, und so fand ich den letzten Teil des Buches wieder eher quälend in die Länge gezogen. Bin ich beim ersten Teil noch bereit zu sagen „Okay, es war öde, aber es hat sich durch die Geschehnisse der nächsten paar Hundert Seiten und durch die Art, wie man dann emotional als Leser einbezogen war, gelohnt“, kann ich das vom Abschluss nicht wirklich sagen. Spätestens hier wären deutlich und dringend Straffungen sinnvoll und notwenig gewesen meiner Meinung nach.

Apropos „als Leser einbezogen“: Was mir unwahrscheinlich auf den Geist gegangen ist, ist die Tatsache, dass man als Leser dauernd persönlich angesprochen wurde. Dies ist insofern okay, dass der gesamte Roman als ein Manuskript Wilkies, das er als eine Art Nachlass plant, geschrieben wurde, doch Wilkie richtet sich ständig an einen Leser der späten Zukunft (also uns) und nicht direkt an die nächsten Generationen, und ständig werden Überlegungen angestellt, was wohl zu unserer heutigen Zeit immer noch so sein wird wie im neunzehnten Jahrhundert und was anders sein wird. Simmons war nicht so doof, dauernd bei diesen fiktiven Überlegungen Wilkies ins Schwarze zu treffen, sondern bietet auch Fehlannahmen, dennoch sind diese gehäuften Szenen völlig überflüssig und nervtötend.

Was mir wiederum sehr gut gefallen hat ist, dass Simmons – wenn man das so sagen kann – stets in der Zeit geblieben ist. Man wird also des Öfteren mit Gepflogenheiten und Ansichten konfrontiert, die heutzutage nicht nur „out“ sind, sondern bei denen man auch so seine Schwierigkeiten hat. Für mich als LeserIN gehört dazu natürlich das Frauenbild der Zeit und die Annahmen zum weiblichen Gemüt, zur weiblichen Intelligenz(fähigkeit) oder auch der Umgang mit ihnen, der wiederum aus einer bestimmten Auffassung von Frauen, ihrem Wesen und ihren Aufgaben entspringt. In einem anderen Buch wäre ich stellenweise entrüstet gewesen, doch hier bin ich dankbar, dass es nicht „Frauen in Hosen“ sind, die im Roman eine Rolle spielen, und dass Simmons sich auch in solchen Punkten konsequent an der (möglichen) Sichtweise von Wilkie Collins orientiert hat.
Das Ganze betrifft natürlich nicht nur Frauen, sondern auch so manche Ansicht zu gesellschaftlichen Ständen, Haustieren, Dienstboten, Indern, Ägyptern und so weiter sind nicht unbedingt sympathisch, wirken aber authentisch.

Obwohl „Drood“ durchaus auch etliche kleine – teils recht bissige – Schmunzelstellen aufweist, wenn Wilkie sich mal wieder über den einen oder anderen Charakter und seine Verhaltensweisen auslässt, verliert man beim Lesen doch nie die zunehmend düstere Spur. Ich selbst bin ja grundsätzlich eher begeisterte Leserin „blutiger“ Romane, also aus dem härteren Thriller- und auch Horrorbereich, aber die lese ich auch nur deswegen meist ohne größeres Blinzeln, weil ich deren Derbheit und Brutalität nicht wirklich ernst nehmen kann (will, soll, muss). Im Vergleich dazu hat „Drood“ stellenweise durchaus etwas Verstörenderes, weil der Horror, wie er hier stellenweise auftritt, auf der psychischen Ebene funktioniert und damit deutlich brutaler und auch realistischer ist (oder sein kann) als allerlei Gemetzel. Auch wenn z.B. die Beschreibung des Zugunglücks zu Anfang schon eher gemetzelig wirkt, ist diese Form des Brutalen doch eher rar im Roman und nicht stellvertretend.

Insgesamt gesehen bin ich froh, dass ich den Roman gelesen habe, denn ich hätte eine erstaunliche schriftstellerische Leistung verpasst, wenn ich es nicht getan hätte (auch wenn ich in den nächsten Jahren bestimmt keinen Simmons-Roman mehr in die Hand nehme – echt zu ausufernd für mich). In dem Buch steckt eine solch detaillierte Beschäftigung mit Wilkie Collins und Charles Dickens sowie mit ihrer Zeit, ihrem Umfeld und ihren Werken, dass ich nahezu sprachlos bin ob dieser Leistung, ganz ehrlich.
Dass ich mit den Werken der Autoren im Roman nicht vertraut bin, wird sich sicherlich irgendwann ändern und ich hab schon entsprechende Listen angelegt, denn das MUSS nach der Lektüre von „Drood“ einfach sein. Dieser Roman ist also definitiv auch sehr inspirierend.

Auf der anderen Seite mag mir einiges entgangen sein als „unwissende Leserin“ und ich bin sicherlich nicht die richtige Adressatin für dicke Schinken, doch auch davon abgesehen bin ich andererseits froh, dass es mit der Lektüre jetzt auch vorbei ist. Komisches Buch.

 

Willem Elsschot: Käse

Wieder mal ein eher schmales Ding mit 144 Seiten, das 2005 im Unionsverlag erschienen ist:

Vom Seitenumfang darf man sich hier allerdings nicht allzu sehr einlullen lassen, denn die Geschichte ist schon ein bisschen altbacken geschrieben. Der Autor, der eigentlich Alfons de Ridder hieß, lebte in der Zeit zwischen 1882 und 1960, was den etwas antiquierten Stil der Geschichte erklärt.

Laarmans ist ein Büroangestellter auf einer Antwerpener Schiffswerft, verheiratet und mit zwei Kindern gesegnet. Eines Tages macht er die Bekanntschaft eines ihm wohl sehr zugetanen Herren, der ihn zu gemeinsamen … Männerabenden, würde man heute sagen, einlädt. Laarmans folgt der Einladung gern immer wieder, doch eigentlich fühlt er sich im Kreis der Männer unwohl. Alle sind offenbar von Rang und Namen, wohlhabend und einfach aus besserem Kreise als Laarmans selbst. Das bemerkt er schon, als der Gastgeber ihn am ersten Abend vorstellt und keineswegs Laarmans echten Beruf angibt, sondern ein wenig fabuliert, so dass der Eindruck entsteht, Laarmans sei auf der Werft jemand, der richtig was zu sagen habe.
Anstatt dieser ihn fremden Welt jedoch den Rücken zu kehren, gesellt Laarmans sich immer wieder zu den Herren und immer größer wird seine Scham über das, was er macht, hat und ist.
Umso gelegener kommt ihm das wohlwollende Angebot des Gastgebers, sich bei einem gewissen Herrn zu bewerben, der einen Kaufmann sucht und bei dem der Gastgeber der Herrenabende ein gutes Wort für Laarmans eingelegt habe. Laarmans nimmt das Angebot an und ist plötzlich Kaufmann – und verantwortlich für ganz Belgien und Luxemburg.

Seiner Frau zuliebe kündigt Laarmans seinen bisherigen Job nicht, sondern lässt sich krank schreiben, richtet sich ein Büro ein und ist bereit für den sozialen Aufstieg. Einziger Haken: Seine neue Aufgabe, die sein Ansehen auch bei den Herrenabenden von Grund auf positiv verändert, besteht eigentlich darin, als Vertreter Edamer zu verkaufen, und zwar zehntausend Stück.
Doch er selbst und sein Umfeld sind sich sicher: Käse geht immer!


Dieses Buch hat mich mehrfach überrascht. Zuerst negativ, da mir der zeitliche Rahmen, in dem das Buch entstand, vor der Lektüre nicht klar war und ich daher mit etwas Seichterem gerechnet hatte. Alle Eindrücke danach waren aber durchweg positiv.

Die Handlung ist einerseits völlig absurd, grotesk und entsprechend sarkastisch. Dass das Ganze aus heutiger Sicht eher abstrakt und antiquiert wirkt, war für mich zumindest sehr hilfreich. So habe ich dauernd den Kopf geschüttelt und mich amüsiert, mir aber oft auch vor die Stirn geschlagen und mich gefragt, wieso dieser Laarmans das alles macht und warum er so wenig bei sich selbst, also seiner ureigenen Persönlichkeit bleibt. Mensch, dachte ich, der Mann hat eine nette Arbeit, nette Kollegen, eine nette Frau und ebenso nette Kinder. Alle unterstützen ihn, er ist seinem Umfeld wichtig – und dann macht er sich zum Affen wegen dieser Leute beim Herrenabend?

Erst wenn man die Lektüre beendet hat (zumindest, wenn man das Buch recht flott liest, zwischendurch abgelenkt wird oder nicht konkret darauf achtet), merkt man dieses mulmige Pieksen im Magen … und man stellt fest, wie wahnsinnig aktuell das Thema ist, das Elsschot sich mit “Käse” zur Brust genommen hat. Anstatt zu sehen, was wirklich ist und was man wirklich hat, strebt man immer weiter nach oben: Noch höher, noch besser, noch exklusiver! Heute lässt man sich wohl eher von den Medien beeinflussen, doch ich denke, im Leben eines jeden gab oder gibt es auch die Blender, wie man sie in “Käse” findet: Leute, die etwas darstellen, die sich über Symbole definieren. Wie geht man selbst mit solchen Leuten um, was bedeuten sie im eigenen Leben beziehungsweise: Gesteht man ihnen eine besondere Bedeutung zu? Inwieweit hört man eigentlich auf andere anstatt auf sich selbst?

Davon abgesehen behandelt “Käse” auf diesen wenigen Seiten allerdings noch mehr, beispielsweise die Angst vor der Arbeitslosigkeit – auch ein nach wie vor sehr aktuelles Thema.

Mich hat dieses Buch im nachhinein sehr zum Nachdenken angeregt und auch, wenn ich es gleich im Urlaub releast habe (Bookcrossing), ist es eines der wirklich wenigen Bücher, die ich mir bestimmt noch einmal kaufen und auch noch mehrfach lesen kann. Eigentlich lese ich Bücher nur einmal und lasse sie mittlerweile auch nur noch im Regal, wenn ich mit ihnen bestimmte Dinge verbinde, lese sie aber nicht noch mal. Dieses Buch hier ist es allerdings wert, oft gelesen zu werden, damit man sich immer wieder daran erinnert und sich damit auseinandersetzt, wer man ist, was man hat und was man braucht.

Anthologie: Necrophobia

Zunächst erschien das Hörbuch Necrophobia, von dem es mittlerweile auch einen zweiten und dritten Teil gibt. Erst nach dessen Erfolg entstand 2005 das Buch, in dem sich zwanzig Geschichten des phantastischen Genre tummeln, die von Frank Festa zusammengestellt wurden. Geplant war, einmal jährlich eine solche Anthologie herauszubringen. Aktuell ist es so, dass im zweiten Quartal 2010 der dritte Band mit dem Untertitel “Zart wie Babyhaut” erscheinen soll (Necrophobia 1 trägt den Untertitel “Meister der Angst”, der zweite Teil den Untertitel “Die graue Madonna”).

Das 432 Seiten umfassende Buch spricht bereits beim Ansehen an. Das Coverbild ist atmosphärisch gestaltet und angenehm dezent, der Umschlag ist robust, die Schriftgröße ist die übliche und angenehm zu lesen, das Inhaltsverzeichnis befindet sich vorn und ermöglicht eine Orientierung auf den ersten Blick.
Im gesamten Buch sind praktisch keine Fehler zu finden, am Ende einer jeden Geschichte findet sich ein Urheberhinweis zur Übersetzung der Geschichte und auch zum Originaltitel sowie Erscheinungsdatum und ggf. das Original, aus dem die Geschichte entnommen wurde.
Am Ende des Buches befindet sich eine Danksagung des Herausgebers und auch diese lohnt es sich zu lesen. Selten genug – und insgesamt also ein wirklich hochwertiges Buch, auch wenn es nicht in Leinen gebunden ist oder ähnlich. ;)

Die Geschichten in dem Buch entstammen zwar allesamt dem phantastischen Genre, schon bei der Zuordnung zum klassischen Horror könnte man allerdings streiten. Daher sehe ich diese Geschichten auch eher unter dem breiter gefassten Begriff der Phantastik und unter diesem Aspekt kann man die Sammlung nur als wundervoll und ausgesprochen gelungen bezeichnen.

“In der letzten Reihe” ist die erste Geschichte des Buches. Es ist die Erzählung eines Mannes, der ins Kino geht und dort von dem Paar abgelenkt wird, das hinter ihm in der letzten Reihe seinem Liebesspiel nachgeht … oder nicht?
Diese Geschichte bietet dem Leser gleich zwei Überraschungen, die beide recht gelungen sind, auch wenn die Geschichte selbst vielen Genrefreunden mittlerweile bekannt sein dürfte. Diese Geschichte ist auch auf dem Hörbuch Necrophobia 1 vertreten.

Es folgt Die Stimme in der Nacht, in der ein seltsamer Mann immer wieder im Dunkel an ein Schiff heranrudert, um etwas Essbares zu bekommen. Nach und nach erzählt er den Schiffsleuten die Geschichte, die ihm und seiner Verlobten zugestoßen ist, bevor er schließlich wieder ins Dunkel der Nacht rudert.
Diese Geschichte ist kurzweilig, aber nicht gerade gruselig oder spannend. In die Sammlung passt sie trotzdem, vielleicht schon allein deshalb, weil es eine klassisch altmodische Geschichte ist, die sich mit Seemannsgarn verbindet.
Diese Geschichte ist auf dem Hörbuch Necrophobia 2 vertreten.

Die dritte Geschichte, Die Banner der Hölle, ist eine der Geschichten, die mir am meisten zugesagt haben.
Zu dritt versuchen ein paar Freunde, kleine Roboter zu entwickeln, die dem Menschen implantiert werden, um Krankheiten aller Art von vornherein zu eliminieren. Nachdem jemand aus diesem Kreis verstirbt, ändern sich jedoch die Ziele der verbliebenen Partner und aus der Idee zu ImmunityWorks wird die Idee von MindWorks, das Menschen befähigen soll, mit Toten zu kommunizieren. Doch wie so oft bei Experimenten verläuft auch dieses nicht ganz so wie geplant …
Eine phantastische Vision zwischen Horror und Science Fiction!

Im mindesten gewöhnungsbedürftig ist Die Kunst des Tiphytsorn Glocque.
Sie erzählt die Geschichte eines recht abartigen Künstlers, der nicht nur einen dekadenten Lebensstil führt, seine Eltern ermordet hat und sadistische Neigungen hat, sondern Ruhm zu erlangen versucht, indem er mit der Hilfe seiner Schwester nie da gewesene Körperbemalungen schafft.
Das Ganze spielt in einem eher fantasy-orientierten Setting und glänzt vor allem durch sexuelle Anspielungen und Kraftausdrücke verschiedener Art.
Versöhnlich stimmt jedoch das Ende der Geschichte, das mit den recht seltenen Elementen der Synästhesie arbeitet und diese erstaunlich gut in die Geschichte bettet. Dies ist wohl auch in erster Linie der Grund, dass diese Geschichte in der Sammlung ihre Berechtigung findet.

Echten Horror in doppeltem Sinne bietet Eine Halloween-Überraschung.
Ein Gynäkologe, der kurz vor der Eröffnung seines neuen ambulanten Frauenzentrums steht, ist allein zu Hause und öffnet den Kindern, die Süßigkeiten wollen. Verwundert stellt er fest, dass die meisten Kinder vor seiner Tür Blecheimer in der Hand haben, um die Süßigkeiten zu sammeln. Irgendwas an den Kindern macht ihnen Angst, doch als er sieht, dass einige Eimer bereits mit Blut gefüllt sind, ist das weder der Anfang, noch das Ende seiner Odyssee …
Sicherlich eine Geschichte, über die man streiten kann, hat sie doch einen deutlich erhobenen Zeigefinger, der nicht jedem gefallen dürfte. Die Idee jedoch ist sehr gut, und umgesetzt wurde sie ebenso!

Dem immer wieder gern aufgegriffenen Thema von Gott, Kirche und Dämonen widmet sich, wie der Titel schon andeutet Von Heiligen und Mördern. Diese Geschichte ist mit 60 Seiten die längste in dem Buch und sie ist weniger grausam als klassisch und regt auch heute und trotz der phantastischen Elemente doch auch ein wenig zum Nachdenken an – wenn man möchte.

Rettungslos ist hingegen mit vier Seiten die kürzeste Geschichte der Sammlung und der Horror zeigt sich eigentlich nur, wenn man selbst schon immer fürchtete, lebendig begraben zu werden oder man in einen solchen Gedanken abtauchen kann.

Die Anthologie enthält insgesamt zwanzig Geschichten des phantastischen Genres, die sehr unterschiedliche Themen und Absichten besitzen und daher sicherlich für einen großen Leserkreis interessant sind. Splatterelemente und Sex sind in vielen Geschichten deutlich enthalten, so dass man vielleicht verzichten sollte, wenn man derartige Szenen nicht lesen mag. Ansonsten jedoch deckt die Sammlung eine Vielzahl Themen ab und auch, wenn es deutlich erkennbar stärkere und schwächere Geschichten gibt, so ist doch an sich keine als wirklich schlecht zu bezeichnen.

Claudia Frenzel: Nö

Miriam leidet an “polyphasischem Schlafmuster des desorganisierten Typus”, was in ihrem Fall bedeutet, dass sie immer nur etwa zwei Stunden schläft, die aber häufiger über den Tag verteilt. Meist überkommt die Müdigkeit sie schlagartig und egal, wo sie sich befindet, sie muss dann innerhalb kürzester Zeit schlafen gehen – oder schläft einfach ein. Diese Erkrankung macht einen normalen Tagesablauf für Miriam unmöglich. Zum Glück hat sie Eltern, die betucht genug sind, dass Miriam ihre große Wohnung allein bewohnt, während sie auf Reisen sind, zwar hat sie einen Job in einer Redaktion, in dem sie nach Bedarf stundenweise und auch mal von zu Hause aus arbeiten kann, eine reguläre Ausbildung kommt für Miriam aber nicht in Frage. Freunde hat sie – und auch wieder nicht, denn die Freundschafts- und Beziehungspflege ist nicht leicht bei dieser Diagnose, und das alles macht Miriam zu einem nur bedingt verträglichen Typ.

Ich stehe dem Buch ein bisschen gemischt gegenüber. Es ist nicht schlecht, das vorweg, und es ist zügig zu lesen. Miriam ist etwa Mitte bis Ende 20 (das genaue Alter wird nicht erwähnt oder ich habs nicht mehr im Kopf), ihr Verhalten orientiert sich auf Grund der Erkrankung allerdings nicht so wirklich an ihrem Lebensalter.
Einerseits ist sie ein sehr selbstständiger und intelligenter Typ, der einem sympathisch ist, auch und gerade weil sie so vieles an der Gesellschaft an sich und um sich herum zu kritisieren hat. Sie findet alle möglichen Leute schablonenhaft, ihre Selbsthilfegruppe und etliches andere überflüssig und lächerlich. Sie ist enttäuscht und verletzt, weil sie nicht so wirklich ins Bild passt und oft als Arbeitsfaule oder gar Obdachlose angesehen wird, was sie durch ihre oft schlampigen Klamotten und eben den Nachteil, auch schon mal in der Öffentlichkeit einzuschlafen, andererseits unterstreicht.
Natürlich ist auch Liebe ein Thema, aber das – wie alles andere auch – eher auf Teenagerart. Sie will sich binden und dann doch nicht, reagiert sehr überzogen auf Männer im allgemeinen und kann sich nicht so wirklich entscheiden, was sie will.

Genau diese Unentschlossenheit und dieses zunehmend ziellose Gemecker machen Miriam aber zu einem immer mehr nervenden Typ. Mehrfach wird Bret Easton Ellis’ “American Psycho” im Roman erwähnt und ich finde, man merkt deutlich, dass sich die Autorin daran eine Art Beispiel zu nehmen versucht hat. Zwar gibt es keinerlei Gewalttaten oder so etwas, aber die Aufreger und die Verurteilung anderer von Miriam sind teils einigermaßen derb und vor allem das Namedropping hat Claudia Frenzel übernommen – und das passt nicht wirklich.
Gut, das Ganze spielt in München und richtet sich entsprechend gegen die Münchner Schickeria, okay, nette Idee, aber dieses Namedropping von einer eigentlich außen stehenden Person, die sich – angeblich – für all das auch nicht interessiert und durch ihre Bissigkeit auch schon mal eine Party sprengt, das fand ich ätzend bis unglaubwürdig.

Für mich insgesamt ein seltsames, aber relativ spannend und vor allem schnell zu lesendes Buch, aber eines, das nicht genug durchdacht wurde und im Ganzen einfach nicht rund genug geworden ist, sich nicht genug für eine Richtung entscheidet.
Da ich außerdem zu denen gehöre, die sich mit Übergewicht plagen, sind mir auch gerade die Abfälligkeiten über “Dicke”, die mehrfach auftauchen, sehr negativ aufgestoßen, muss ich sagen.

Antonia S. Byatt: Geisterbeschwörung

Lilias Papagay und Sophy Sheeky verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Durchführung von Seancen. Während Mrs. Papagay zeitweise Botschaften aus dem Jenseits durch automatisches Schreiben erhält, besitzt Sophy Sheeky das zweite Gesicht und kann praktisch mühelos in die Geisterwelt sehen, Gestalten und ihre Botschaften empfangen und beschreiben.

Im Rahmen des Buches finden die spiritistischen Sitzungen im Haus von Mrs. Jesse statt und diese Sitzungen scheinen die einzige Einnahmequelle der beiden übersinnlich begabten Damen zu sein.

Mrs. Jesse ist die Ehefrau des ebenfalls an den Sitzungen teilnehmenden Kapitäns Jesse. Die Sitzungen finden im Grunde ihr zuliebe statt, denn Emily Jesse hat den Tod ihres einstigen Verlobten, Arthur Hallam, nie verwunden und liebt ihn noch immer, was von ihrem Gatten mehr oder weniger stillschweigend akzeptiert und in Kauf genommen wird.

Mrs. Hearnshaw nimmt an den Sitzungen teil, weil sie in den letzten sieben Jahren ihre fünf Töchter im ersten Lebensjahr beerdigen musste und verzweifelt Kontakt zu ihnen herstellen möchte.

Als sechste Person nimmt Mr. Hawke an den Sitzungen teil, ein sachlicher, skeptischer, dozierender Mann und Diakon der Swedenborgianischen Kirche des Neuen Jerusalem.

Während Sophy Sheeky wirklich in erster Linie übersinnlich begabt scheint, hat Mrs. Papagay aus der Not eher eine Tugend gemacht. Sie selbst ist Witwe, denn ihr Mann Arturo blieb auf See und sie hat nichts mehr von ihm gehört. Durch die Sitzungen versucht sie, Kontakt zu ihm aufzunehmen um herauszufinden, ob Arturo noch lebt oder als Geist zu ihr spricht. Sie erhält jedoch keine klaren Antworten.

Der Roman berichtet von den unterschiedlichen Sitzungen, ihren Ergebnissen, zwischenzeitlichen Ereignissen und Auswirkungen.

Obwohl das Buch gerade mal 185 Seiten umfasst, habe ich lange daran herumgekaut. Grund dafür sind unterschiedliche Punkte:

Einen großen Teil nimmt – nicht zuletzt durch Mr. Hawke – die Swedenborgianische Lehre ein, bei der ich mich sozusagen als gebranntes Kind bezeichnen kann, denn ich habe mich 2005 mal durch „Himmel und Hölle“ gequält und spreche daher nicht sonderlich gut auf Emanuel Swedenborg an (wobei ich das Buch damals ganz gut bewertet hatte als Ganzes). Das Ganze wird dann noch reichlich verglichen mit diversen Bibelstellen und derlei, was interessant ist für Leser, die sich für beides erwärmen können – für mich aber eben nicht.

Ebenfalls viel Raum nimmt Mrs. Jesses Biografie beziehungsweise der Verlust ihrer großen Liebe, Arthur Hallam, in Anspruch. Sie ist übrigens die Schwester von Alfred Tennyson, durch den sie Arthur Hallam auch kennen gelernt hatte. In den Botschaften des automatischen Schreibens wird häufig aus „In Memoriam“ von Alfred Tennyson zitiert, das er nach dem Tod seines Freundes Arthur Hallam (17 Jahre später) veröffentlicht hatte. Die Geschichte rund um Emily Jesse, ihren Bruder, ihren einstigen Verlobten und ihren späteren Gatten Richard Jesse ist historisch und daher durchaus interessant, allerdings habe ich zu diesen Personen absolut keinen Bezug und nie – außer jetzt in Byatts Buch – etwas von oder über sie gelesen.

Von diesen thematischen Aspekten abgesehen ist die gewählte Ausdrucksform eine höchst umständliche und antiquierte. Dass praktisch ständig „von Hölzken auf Stöcksken“ erzählt wird und die Erzählung ausgesprochen reich an Adjektiven ist, macht die Lektüre nicht gerade leichter. Ich fand das Ganze äußerst gestelzt und schwafelig.

Hinzu kommen die Namen, mit denen ich unheimliche Schwierigkeiten hatte. Zwar sind die Darstellungen alle sehr ausufernd, aber es ist mir nicht gelungen, die Personen eindeutig voneinander zu trennen oder ein Bild von ihnen im Kopf entstehen zu lassen. Dadurch haben mich Nuancen ständig ins Stolpern gebracht und ich musste dauernd neu überlegen, wer jetzt noch mal wer war und mit welchem Background er oder sie noch mal zu den Sitzungen geht. Das hat die Lektüre für mich zusätzlich sehr unentspannt gemacht.

Wenn man sich trotz dieser Kritikpunkte durch die Geschichte beißt (oder von ihnen auf Grund persönlicher Präferenzen oder so gar nicht erst betroffen ist), ist sie dennoch nicht schlecht. Es gibt teils tatsächlich eine Art Auflösung für einige Personen des Romans, und gerade die hinsichtlich Emily Jesse und auch die zu Lilias Papagay haben mir gefallen, und auch einige weitere Szenen, etwa die ausführliche Kontaktaufnahme von Mrs. Hearnshaw mit ihren verstorbenen Kindern, haben mich sehr berührt.

Der Klappentext bezeichnet „Geisterbeschwörung“ übrigens als „Prosakunstwerk, ernsthaft und ironisch, witzig und geheimnisvoll zugleich“. Für diese Kunstform bin ich definitiv nicht wirklich zu haben, die Ernsthaftigkeit, das Geheimnisvolle und teils auch das Ironische ist unschwer zu entdecken, witzig fand ich das Buch allerdings keinen Moment lang – aber Humor ist ja eine sehr breit gefächerte Sache.

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