Vorweg
„Drood“ von Dan Simmons ist ein Titel, der mir bei seinem Erscheinen gleich ins Auge sprang. Viktorianisch, Grusel & Mystik, das Vorkommen realer Persönlichkeiten und diese noch aus dem Bereich der Literatur, all das hat mich sofort angesprochen. Es hat letztlich dann doch eine halbe (gefühlte) Ewigkeit gedauert, bis ich es gelesen habe.
Wichtig, um meine Meinung einzusortieren, ist in dem Fall vielleicht auch der Hinweis, dass ich bislang nichts (ja, wirklich gar nichts) von Dan Simmons, Charles Dickens und Wilkie Collins gelesen hatte, dass historische Romane und entsprechend historisches Interesse bei mir nur begrenzt vorkommen, und dass ich generell nicht gerne so dicke Schinken lese, wie „Drood“ unbestreitbar einer ist.

Inhalt
Die Schriftsteller Charles Dickens und Wilkie Collins sind eng befreundet, weshalb Wilkie – der Erzähler des gesamten Romans – auch einer der ersten ist, mit denen Charles Dickens über das Zugunglück in Staplehorst spricht, bei dem er zwar überlebte, viele andere jedoch den Tod fanden. Wilkie ist jedoch der Einzige, dem Dickens mitteilt, dass er bei diesem Unglück die Bekanntschaft eines gewissen Drood machte, einer Gestalt, die aussieht wie der leibhaftige Tod und von dem Dickens glaubt, dass er für den Tod einiger Menschen beim Zugunglück maßgeblich und auf mystische Weise verantwortlich sei.
Dickens beschließt, Drood und seinen Machenschaften mit Hilfe von Wilkie auf die Spur zu kommen und ihm nach Möglichkeit das Handwerk zu legen. Wilkie schließt sich diesem Unterfangen mit gemischten Gefühlen und eher ungern an, doch rasch hat Drood auch Wilkie in seinen Bann gezogen.
Im Verlauf der nächsten Jahre trifft Wilkie immer wieder auf Drood und sieht seinen Freund Charles, andere Bekannte und schließlich sich selbst in Gefahr durch diesen Massenmörder, der seinen Ursprung in Ägypten hat und seinem Kult zu neuem Leben verhelfen will.
Meine Meinung
Das Buch ist so vielschichtig, dass man es nicht in wenigen Worten abhandeln kann. Das spricht für den Roman, soviel vorweg.
Der Anfang des Ganzen ist sehr schleppend und ich habe sehr kämpfen müssen, das Buch nicht beiseite zu legen. Und mit dem Anfang meine ich gut und gern das gesamte erste Drittel des Romans – und damit im Grunde schon selbst eine Romanlänge, denn andere haben auf 300 Seiten eine komplette Geschichte von A bis Z erzählt, während Simmons sich da gerade erst aufgewärmt hat.
Man erfährt vieles aus dem Leben von Wilkie Collins, Charles Dickens und auch von deren Verwandten, Freunden, Bekannten und Werken anderer Autoren. Natürlich spielen hier auch das alltägliche Leben, Gepflogenheiten, gesellschaftliche Regeln und derlei eine Rolle. Das alles fand ich sehr stimmungsvoll und auch glaubhaft, doch da das Erzählerische hier im Vordergrund steht (wer mit wem wann und warum … welches Werk mit welchem Inhalt und bei welchem Verlag und in wie vielen Fortsetzungen … etc.), ist dieser Teil doch in erster Linie gähnend langweilig. Unterbrochen wird dies nur von der Szene des Zugunglücks selbst und den ersten Nachforschungen von Wilkie und Dickens in den Katakomben, die einigermaßen spannend und auch ein bisschen gruselig sind, doch diese Szenen gemessen am Gesamtumfang des „Einstiegs“ macht das Lesen insgesamt doch eher zu einer trägen und schwerfälligen Angelegenheit, die es einem schwer macht, Gefallen an der Geschichte oder auch nur an einzelnen Charakteren zu finden.
Wie beim Berliner Ballen ist die Mitte auch bei „Drood“ das Beste.
Hier treten die Personen- und Beziehungsbeschreibungen in den Hintergrund (nicht zuletzt, weil sie zuvor mehr als ergiebig ausgewälzt wurden) und es ist, als habe einer mit einer Klappe mit der Aufschrift „ÄÄÄÄÄKTSCHN!“ im Buch gehockt. Es wird bedrohlicher, sowohl auf mystische und versteckte Weise, als auch ganz offensichtlich durch Raubversuche, hitzige Diskussionen und Auseinandersetzungen. Alles wird in diesem Teil des Buches plötzlich greifbarer und lebendiger, man wird (endlich!) ein Stück weit hineingezogen in die Geschichte.
Dieser Buchteil, der sich bis auf die letzten vielleicht 100 Seiten ausdehnt, weckt viele Emotionen. Ich hab mich hier nicht nur gegruselt oder war vor Spannung kurz vor dem Nägelkauen, sondern mich hat gerade die Entwicklung der Freundschaft zwischen Wilkie und Dickens sehr berührt sowie auch die Entwicklung einiger Nebenfiguren, die teils aus unterschiedlichen Gründen aus der Handlung verschwinden, teils noch am Rande erwähnt werden, teils ihrerseits eine deutliche Entwicklung durchmachen.
Das ist etwas, für das Simmons alles Lob dieser Welt verdient: Haupt- UND Nebenfiguren derart zu gestalten, dass man an allen Entwicklungen gleichermaßen wirklich emotionalen Anteil nimmt (und das nach einem derart harten Einstieg ins Buch durch die Längen), ist in meinen Augen eine absolute Meisterleistung, von der ich mich nicht erinnern kann, sie jemals in der Form beim Lesen erlebt zu haben.
Leider hält Simmons das alles nicht bis zum Ende durch, und so fand ich den letzten Teil des Buches wieder eher quälend in die Länge gezogen. Bin ich beim ersten Teil noch bereit zu sagen „Okay, es war öde, aber es hat sich durch die Geschehnisse der nächsten paar Hundert Seiten und durch die Art, wie man dann emotional als Leser einbezogen war, gelohnt“, kann ich das vom Abschluss nicht wirklich sagen. Spätestens hier wären deutlich und dringend Straffungen sinnvoll und notwenig gewesen meiner Meinung nach.
Apropos „als Leser einbezogen“: Was mir unwahrscheinlich auf den Geist gegangen ist, ist die Tatsache, dass man als Leser dauernd persönlich angesprochen wurde. Dies ist insofern okay, dass der gesamte Roman als ein Manuskript Wilkies, das er als eine Art Nachlass plant, geschrieben wurde, doch Wilkie richtet sich ständig an einen Leser der späten Zukunft (also uns) und nicht direkt an die nächsten Generationen, und ständig werden Überlegungen angestellt, was wohl zu unserer heutigen Zeit immer noch so sein wird wie im neunzehnten Jahrhundert und was anders sein wird. Simmons war nicht so doof, dauernd bei diesen fiktiven Überlegungen Wilkies ins Schwarze zu treffen, sondern bietet auch Fehlannahmen, dennoch sind diese gehäuften Szenen völlig überflüssig und nervtötend.
Was mir wiederum sehr gut gefallen hat ist, dass Simmons – wenn man das so sagen kann – stets in der Zeit geblieben ist. Man wird also des Öfteren mit Gepflogenheiten und Ansichten konfrontiert, die heutzutage nicht nur „out“ sind, sondern bei denen man auch so seine Schwierigkeiten hat. Für mich als LeserIN gehört dazu natürlich das Frauenbild der Zeit und die Annahmen zum weiblichen Gemüt, zur weiblichen Intelligenz(fähigkeit) oder auch der Umgang mit ihnen, der wiederum aus einer bestimmten Auffassung von Frauen, ihrem Wesen und ihren Aufgaben entspringt. In einem anderen Buch wäre ich stellenweise entrüstet gewesen, doch hier bin ich dankbar, dass es nicht „Frauen in Hosen“ sind, die im Roman eine Rolle spielen, und dass Simmons sich auch in solchen Punkten konsequent an der (möglichen) Sichtweise von Wilkie Collins orientiert hat.
Das Ganze betrifft natürlich nicht nur Frauen, sondern auch so manche Ansicht zu gesellschaftlichen Ständen, Haustieren, Dienstboten, Indern, Ägyptern und so weiter sind nicht unbedingt sympathisch, wirken aber authentisch.
Obwohl „Drood“ durchaus auch etliche kleine – teils recht bissige – Schmunzelstellen aufweist, wenn Wilkie sich mal wieder über den einen oder anderen Charakter und seine Verhaltensweisen auslässt, verliert man beim Lesen doch nie die zunehmend düstere Spur. Ich selbst bin ja grundsätzlich eher begeisterte Leserin „blutiger“ Romane, also aus dem härteren Thriller- und auch Horrorbereich, aber die lese ich auch nur deswegen meist ohne größeres Blinzeln, weil ich deren Derbheit und Brutalität nicht wirklich ernst nehmen kann (will, soll, muss). Im Vergleich dazu hat „Drood“ stellenweise durchaus etwas Verstörenderes, weil der Horror, wie er hier stellenweise auftritt, auf der psychischen Ebene funktioniert und damit deutlich brutaler und auch realistischer ist (oder sein kann) als allerlei Gemetzel. Auch wenn z.B. die Beschreibung des Zugunglücks zu Anfang schon eher gemetzelig wirkt, ist diese Form des Brutalen doch eher rar im Roman und nicht stellvertretend.
Insgesamt gesehen bin ich froh, dass ich den Roman gelesen habe, denn ich hätte eine erstaunliche schriftstellerische Leistung verpasst, wenn ich es nicht getan hätte (auch wenn ich in den nächsten Jahren bestimmt keinen Simmons-Roman mehr in die Hand nehme – echt zu ausufernd für mich). In dem Buch steckt eine solch detaillierte Beschäftigung mit Wilkie Collins und Charles Dickens sowie mit ihrer Zeit, ihrem Umfeld und ihren Werken, dass ich nahezu sprachlos bin ob dieser Leistung, ganz ehrlich.
Dass ich mit den Werken der Autoren im Roman nicht vertraut bin, wird sich sicherlich irgendwann ändern und ich hab schon entsprechende Listen angelegt, denn das MUSS nach der Lektüre von „Drood“ einfach sein. Dieser Roman ist also definitiv auch sehr inspirierend.
Auf der anderen Seite mag mir einiges entgangen sein als „unwissende Leserin“ und ich bin sicherlich nicht die richtige Adressatin für dicke Schinken, doch auch davon abgesehen bin ich andererseits froh, dass es mit der Lektüre jetzt auch vorbei ist. Komisches Buch.