Anthologie: Necrophobia

Zunächst erschien das Hörbuch Necrophobia, von dem es mittlerweile auch einen zweiten und dritten Teil gibt. Erst nach dessen Erfolg entstand 2005 das Buch, in dem sich zwanzig Geschichten des phantastischen Genre tummeln, die von Frank Festa zusammengestellt wurden. Geplant war, einmal jährlich eine solche Anthologie herauszubringen. Aktuell ist es so, dass im zweiten Quartal 2010 der dritte Band mit dem Untertitel “Zart wie Babyhaut” erscheinen soll (Necrophobia 1 trägt den Untertitel “Meister der Angst”, der zweite Teil den Untertitel “Die graue Madonna”).

Das 432 Seiten umfassende Buch spricht bereits beim Ansehen an. Das Coverbild ist atmosphärisch gestaltet und angenehm dezent, der Umschlag ist robust, die Schriftgröße ist die übliche und angenehm zu lesen, das Inhaltsverzeichnis befindet sich vorn und ermöglicht eine Orientierung auf den ersten Blick.
Im gesamten Buch sind praktisch keine Fehler zu finden, am Ende einer jeden Geschichte findet sich ein Urheberhinweis zur Übersetzung der Geschichte und auch zum Originaltitel sowie Erscheinungsdatum und ggf. das Original, aus dem die Geschichte entnommen wurde.
Am Ende des Buches befindet sich eine Danksagung des Herausgebers und auch diese lohnt es sich zu lesen. Selten genug – und insgesamt also ein wirklich hochwertiges Buch, auch wenn es nicht in Leinen gebunden ist oder ähnlich. ;)

Die Geschichten in dem Buch entstammen zwar allesamt dem phantastischen Genre, schon bei der Zuordnung zum klassischen Horror könnte man allerdings streiten. Daher sehe ich diese Geschichten auch eher unter dem breiter gefassten Begriff der Phantastik und unter diesem Aspekt kann man die Sammlung nur als wundervoll und ausgesprochen gelungen bezeichnen.

“In der letzten Reihe” ist die erste Geschichte des Buches. Es ist die Erzählung eines Mannes, der ins Kino geht und dort von dem Paar abgelenkt wird, das hinter ihm in der letzten Reihe seinem Liebesspiel nachgeht … oder nicht?
Diese Geschichte bietet dem Leser gleich zwei Überraschungen, die beide recht gelungen sind, auch wenn die Geschichte selbst vielen Genrefreunden mittlerweile bekannt sein dürfte. Diese Geschichte ist auch auf dem Hörbuch Necrophobia 1 vertreten.

Es folgt Die Stimme in der Nacht, in der ein seltsamer Mann immer wieder im Dunkel an ein Schiff heranrudert, um etwas Essbares zu bekommen. Nach und nach erzählt er den Schiffsleuten die Geschichte, die ihm und seiner Verlobten zugestoßen ist, bevor er schließlich wieder ins Dunkel der Nacht rudert.
Diese Geschichte ist kurzweilig, aber nicht gerade gruselig oder spannend. In die Sammlung passt sie trotzdem, vielleicht schon allein deshalb, weil es eine klassisch altmodische Geschichte ist, die sich mit Seemannsgarn verbindet.
Diese Geschichte ist auf dem Hörbuch Necrophobia 2 vertreten.

Die dritte Geschichte, Die Banner der Hölle, ist eine der Geschichten, die mir am meisten zugesagt haben.
Zu dritt versuchen ein paar Freunde, kleine Roboter zu entwickeln, die dem Menschen implantiert werden, um Krankheiten aller Art von vornherein zu eliminieren. Nachdem jemand aus diesem Kreis verstirbt, ändern sich jedoch die Ziele der verbliebenen Partner und aus der Idee zu ImmunityWorks wird die Idee von MindWorks, das Menschen befähigen soll, mit Toten zu kommunizieren. Doch wie so oft bei Experimenten verläuft auch dieses nicht ganz so wie geplant …
Eine phantastische Vision zwischen Horror und Science Fiction!

Im mindesten gewöhnungsbedürftig ist Die Kunst des Tiphytsorn Glocque.
Sie erzählt die Geschichte eines recht abartigen Künstlers, der nicht nur einen dekadenten Lebensstil führt, seine Eltern ermordet hat und sadistische Neigungen hat, sondern Ruhm zu erlangen versucht, indem er mit der Hilfe seiner Schwester nie da gewesene Körperbemalungen schafft.
Das Ganze spielt in einem eher fantasy-orientierten Setting und glänzt vor allem durch sexuelle Anspielungen und Kraftausdrücke verschiedener Art.
Versöhnlich stimmt jedoch das Ende der Geschichte, das mit den recht seltenen Elementen der Synästhesie arbeitet und diese erstaunlich gut in die Geschichte bettet. Dies ist wohl auch in erster Linie der Grund, dass diese Geschichte in der Sammlung ihre Berechtigung findet.

Echten Horror in doppeltem Sinne bietet Eine Halloween-Überraschung.
Ein Gynäkologe, der kurz vor der Eröffnung seines neuen ambulanten Frauenzentrums steht, ist allein zu Hause und öffnet den Kindern, die Süßigkeiten wollen. Verwundert stellt er fest, dass die meisten Kinder vor seiner Tür Blecheimer in der Hand haben, um die Süßigkeiten zu sammeln. Irgendwas an den Kindern macht ihnen Angst, doch als er sieht, dass einige Eimer bereits mit Blut gefüllt sind, ist das weder der Anfang, noch das Ende seiner Odyssee …
Sicherlich eine Geschichte, über die man streiten kann, hat sie doch einen deutlich erhobenen Zeigefinger, der nicht jedem gefallen dürfte. Die Idee jedoch ist sehr gut, und umgesetzt wurde sie ebenso!

Dem immer wieder gern aufgegriffenen Thema von Gott, Kirche und Dämonen widmet sich, wie der Titel schon andeutet Von Heiligen und Mördern. Diese Geschichte ist mit 60 Seiten die längste in dem Buch und sie ist weniger grausam als klassisch und regt auch heute und trotz der phantastischen Elemente doch auch ein wenig zum Nachdenken an – wenn man möchte.

Rettungslos ist hingegen mit vier Seiten die kürzeste Geschichte der Sammlung und der Horror zeigt sich eigentlich nur, wenn man selbst schon immer fürchtete, lebendig begraben zu werden oder man in einen solchen Gedanken abtauchen kann.

Die Anthologie enthält insgesamt zwanzig Geschichten des phantastischen Genres, die sehr unterschiedliche Themen und Absichten besitzen und daher sicherlich für einen großen Leserkreis interessant sind. Splatterelemente und Sex sind in vielen Geschichten deutlich enthalten, so dass man vielleicht verzichten sollte, wenn man derartige Szenen nicht lesen mag. Ansonsten jedoch deckt die Sammlung eine Vielzahl Themen ab und auch, wenn es deutlich erkennbar stärkere und schwächere Geschichten gibt, so ist doch an sich keine als wirklich schlecht zu bezeichnen.

Anthologie: Hot Blood 2

„Hot Blood“ ist in deutscher Sprache noch nicht lange ein Begriff und wenn, dann eher Genrekennern. Ende 2007 wurde die erste Anthologie der Reihe, die in englischer Sprache bereits mehr als zehn Bände umfasst, im Festa-Verlag veröffentlicht, im Januar 2008 folgte Band 2 mit dem Titel „Fremder in der Nacht“.

Das Buch enthält 18 Geschichten auf insgesamt 288 Seiten, die im Taschenbuchformat erhältlich sind. Autoren und Titel der Geschichten sind schon der Buchrückseite zu entnehmen, so dass Namen wie Graham Masterton, Brian Hodge und vor allem Brian Lumley gleich ins Auge fallen. Die anderen Autoren sind mehr oder weniger unbekannt, und um sie kennen zu lernen, muss man deren Geschichten schon lesen.

Auch wenn der Slogan der Reihe „Ist es denn wirklich Nekrophilie, wenn der Tote den ersten Schritt macht?“ ein wenig reißerisch klingt, sollte man sich von ihm nicht verschrecken lassen. Tatsächlich enthält das Buch zwar kreative und fantasievolle Geschichten, der phantastische Bereich wird allerdings gar nicht so bedient, wie man das zuerst annehmen würde.

Sicherlich, in den Geschichten reden Tote miteinander, werden Männer von chamäleonartigen Frauen verführt, führen andere Frauen Menschen mit ihren verborgenen Tentakeln ins Verderben und Cyberfrauen werden lebendig, doch die meisten Geschichten handeln, und zwar ganz ohne fantastische Elemente, von Mord. Da kann die Hauptfigur ihre Lust am Töten entdecken, einem Mörder in die Falle laufen, ein geplanter Mord kann einen anderen Verlauf nehmen als gedacht, es kann aber auch die Selbstzerstörung sein, die im Mittelpunkt steht.

Tatsächlich liegt der Reiz der meisten Geschichten auch vielmehr in diesen real leicht vorstellbaren Elementen. Der Kopf ist nicht damit beschäftigt, allzu fantastischen Elementen ein Bild zu geben, und somit lassen sich die Geschichten flüssiger lesen und zugleich intensiver verbildlichen. Dies hat den Vorteil, dass die erotischen Elemente, die fast alle stilvoll und keineswegs billig in die Geschichten eingeflochten wurden, mehr wahrgenommen werden können. Gleichzeitig treffen unvorhergesehene Wendungen und brutale Szenen den Leser auf Grund dieses Eintauchens in den Text umso heftiger – und ist nicht der Schreck genau das, was man an Horrorliteratur so mag und wie sie sich definiert?

Schrecken und Erotik sind gleichermaßen in den Geschichten des zweiten Bandes „Hot Blood“ enthalten und können beide gleichermaßen genossen werden. Das zeigt nicht nur, dass beide Bereiche gut miteinander harmonieren können, sondern zeigt einmal mehr, wie eng Horror und Erotik ohnehin miteinander verknüpft sind.

Wer Wert auf niveauvolle Horror- und Erotikgeschichten legt, findet eine Symbiose aus beidem in dieser Anthologie, deren Lektüre sich wirklich lohnt. Und, keine Angst, lachen kann und darf man an so mancher Stelle durchaus auch, ohne dass der Nervenkitzel dabei verloren ginge.

Anthologie: Mauern und Fenster

Der Draupadi-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, südasiatische Literatur – besonders die indische – in den deutschsprachigen Raum zu bringen. In diesem Zusammenhang erschien auch der vierte Band der Reihe „Moderne indische Literatur“, ein 159-seitiges Taschenbuch, in dem elf Geschichten von zehn verschiedenen indischen Autoren versammelt sind.

Die in diesem Buch zusammen gebrachten Erzählungen sind sehr unterschiedlich. Eines ist ihnen jedoch allen gemeinsam: eine unwahrscheinliche Melancholie, die teils zum Träumen einlädt, manches Mal Wehmut hervorruft, einige Male aber auch sehr traurig und nachdenklich macht.

Die ersten Geschichten zeigen hierbei ein besonders offensichtliches spirituelles Flair, beispielsweise das Unglück, das in „Mauern“ durch die ominöse Ziege der Familie erwartet wird, der unerklärbare Rauch, den die Protagonistin in „Rauch! Wo denn?“ wahrzunehmen glaubt, der fragwürdige Baum und seine Vogelfreunde in „Tod eines Baumes“ und vor allem Hiralal in der Geschichte „Der Geist des Hiralal“.
Letztgenannte Geschichte entstammt hierbei aus der Feder von Uday Prakash, einem bekannten indischen Autoren, wohingegen so manch anderer Autor nie zuvor in eine andere Sprache übersetzt worden ist.

Gesellschaftliche Kritik lässt sich in den Geschichten ebenfalls finden, auch wenn sie meist auf leisen Sohlen oder gar in gewisse Absurditäten verkleidet daher kommt. „Die Investition“ ist eine solche Geschichte, vor allem aber „Der Ringkampf“ und „Dein Bruder, Papa“.

Es ist schwierig, die Essenz der einzelnen Geschichten in Worte zu fassen, aber sie alle haben eine solche. Lassen sie sich auch nicht ausformulieren, kann man auch nicht unbedingt den Finger darauf legen, so kann man ihren Geist doch während des Lesens spüren. So plätschernd die meisten Geschichten erzählt sind, so banal sie beginnen oder sich gar fortsetzen: sie alle haben etwas Magisches an sich, das sie alle zu etwas ganz Besonderem macht.

Besonders gelungen ist im Falle dieser Geschichten zudem, dass viele Begriffe nicht übersetzt wurden, sondern im Rahmen eines abschließenden Glossars erläutert werden. Die einzelnen Begriffe behindern das flüssige Lesen hier nicht, ebenso wirkt sich das kurze Nachschlagen nicht störend aus.

Wer sich noch nie mit der indischen Literatur befassen konnte, der sollte bei dieser Anthologie unbedingt einen Anfang wagen, denn sie ist wahrlich zauberhaft!

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