Justine Lévy: Nicht tragisch

207 Seiten hat das Leben der Protagonistin Louise, die eigentlich zugleich die Autorin Justine Lévy ist, Zeit, um die größten Tiefschläge des Lebens aufzuarbeiten und wie der Phönix aus der Asche aus sich selbst zu erwachsen.

Louise ist nicht nur Tochter eines berühmten Vaters, bei dem sie aufwuchs, nachdem die Mutter sie damals verließ. Sie ist auch ein Stück weit verbunden mit ihrer jüngst verstorbenen Großmutter, um die sie nicht weinen kann, mit der Mutter selbst, bei deren Krebserkrankung sie so wenig helfen kann und mit ihrem Ex-Mann Adrien, den sie nicht loslassen kann.
Louise fühlt sich unzulänglich, permanent und eigentlich immer schon. Als sie die Obhut des Vaters in die Partnerschaft mit Adrien eintauscht, der karrierebetont ist und scheinbar alle Hürden des Lebens mühelos hinter sich lässt, bekommt sie Angst. Angst, ihren geliebten Mann zu verlieren, weil sie nicht gut genug ist, nicht eifrig genug, nicht intellektuell genug, nicht schön genug …
Die ersten Amphetamine helfen ihr über das Gefühl der Unzulänglichkeit hinweg, doch bald braucht sie mehr davon, fälscht Medikamente und findet sich irgendwann kraftlos in einer Lebensspirale wieder, in der man immer nur das eine gegen das andere tauscht und doch ständig verliert.
Über vier Monate verbringt Louise in einer Klinik, doch nachdem sie den Entzug hinter sich gebracht hat, eröffnet Adrien ihr, dass er sie verlässt – wegen der Freundin seines Vaters.
Genau das, was Louise stets verhindern wollte, tritt ein und als sie allein zurück bleibt, ist da zunächst nicht mehr als eine große Leere, durch die sich Erinnerungen ziehen.

Der Roman, der deutlich und unverhohlen stark autobiographisch gefärbt ist, ist ziemlich umstritten. Manche halten ihn für Schund, andere für gut, die nächsten wissen lediglich den Klatsch und Skandal zu schätzen, den dieses Buch in Frankreich auslöste. Dabei kommt es hier, wie so oft, wohl auf den Blickwinkel an.

Der Anfang des Buches ist anstrengend. Ein ewig langer Satz jagt den nächsten, und gehetzt von vielen gewollten Wiederholungen und Kommata hat der Leser wenig mehr Chancen, als das Buch augenblicklich aus der Hand zu legen oder sich von der Erzählung vereinnahmen zu lassen.
Unbändige Wut, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, nicht erlaubte Trauer, nicht geduldete emotionale Regungen, all das jagt einander und wechselt sich stellenweise noch im gleichen Satz ab.
Doch schon hier vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, und je weiter die Handlung – oder besser Erzählung, denn an einer Handlung mitsamt rotem Faden fehlt es doch recht stark – voranschreitet, um so ruhiger wird auch die Sprache des Buches, um so mehr wird die starke Unruhe, die auch der Leser empfindet, zuerst von Betäubung, dann von einer letzten Wut, von Gleichgültigkeit und schließlich von einem Funken Hoffnung, der in der Akzeptanz der Dinge lauert, abgelöst.

Die Autorin durchlebt in diesem Buch und mit ihrer Protagonistin die üblichen Phasen einer Trauer, an deren Ende jedoch, wie man weiß, in der Regel eine Art Neuanfang steht. Es kann schlecht in Abrede gestellt werden, dass Justine Lévy dies in erster Linie zur autobiographischen Verarbeitung nutzt, doch auch, wenn man Buch und Autorin vieles nachsagen kann, so doch nicht, sie könne nicht schreiben.
Sicherlich verletzt sie nicht wenige Regeln des Handwerks und vernachlässigt den bereits erwähnten roten Faden einer Handlung sträflich, doch stattdessen schafft sie etwas, das nicht viele können: Sie erreicht das absolute Gefühl der Identifikation mit dem Leser, wühlt ihn auf und lässt ihn fühlen, wie Louise fühlt. Dies alles erreicht sie auch ohne großartige Szenen, in denen auf die Tränendrüse gedrückt wird und tatsächlich nimmt auch die Zeit des Entzuges selbst nur ein paar wenige Seiten des Buches in Anspruch. Dieses Buch hat es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen und muss sich lang nicht hinter anderen Romanen verstecken.

Ein empfehlenswerter, stark autobiographisch durchsetzter Roman, den man lesen kann, weil man einfach mitreden können will. Er empfiehlt sich aber ebenso, um an den starken Emotionen in diesem Buch und einer an sich traurig-tragischen Geschichte, die aber nicht mit den üblichen Mitteln dieses Stils arbeitet, teilzuhaben.

Tahar Ben Jelloun: Yemma – Meine Mutter, mein Kind

Tahar Ben Jelloun ist einer der erfolgreichsten marokkanischen Autoren und ist dafür bekannt, Kritik an staatlicher und religiöser Repression zu üben. In diesem Buch bzw. Hörbuch erzählt er jedoch eine sehr persönliche Geschichte, nämlich die Geschichte seiner eigenen Mutter:
“Yemma – Meine Mutter, mein Kind”.

Die Mutter ist im Alter an Alzheimer erkrankt, und Tahar Ben Jelloun war Zeuge, wie die Krankheit seiner Mutter immer weiter fortschritt. In diesem Buch hielt er die Veränderungen fest, die vor sich gingen sowie die Erinnerungen, die er aus Begegnungen und Erlebnissen mit der erkrankten Mutter mitgenommen hat.
Zunächst weiß die Mutter das eine oder andere nicht mehr, dann verwechselt sie etwas, und im Großen und Ganzen ist dies alles schwer abzugrenzen von der bekannten Persönlichkeit der Mutter, die sich manche Dinge ohnehin noch nie gut hatte merken können. Doch die Krankheit schreitet voran, die Mutter erkennt ihre Kinder nicht, verwechselt ihre Söhne mit ihren verstorbenen Ehemännern, glaubt einen dieser Ehemänner zu Besuch oder glaubt nach einem Umzug von einem Zimmer in ein anderes wegen der veränderten Aussicht, in einer ganz anderen Stadt zu sein. Die Erkrankung der Mutter stellt eine Zerreißprobe für die Familie dar, nicht jeder kann gleich gut mit dem geistigen Verfall der Mutter umgehen, nimmt Verwechslungen persönlich, sieht sich vor allem aber ohnmächtig einer Entwicklung gegenüber, die nicht aufzuhalten ist.
Voller Respekt zeichnet der Autor ein Bild von seiner Mutter, das versucht, sie als Ganzes zu erfassen, nicht nur als „Alzheimer-Kranke“.

Bernt Hahn liest das Buch authentisch vor, so dass man glauben könnte, der Autor selbst lese es. An keiner Stelle kitschig, aber auch an keiner allzu sachlich, liest Hahn die Geschichte in angenehmem Tempo.

„Yemma – Meine Mutter, mein Kind“ ist ein wirklich bedeutungsvolles Buch und auch Hörbuch. Keinesfalls gehört der Titel in die Reihe biographisch angehauchter Langeweile, sondern stellt einen an Alzheimer erkrankten Menschen mit allen Höhen und Tiefen, vor allem jedoch als ganzen, lebenserfahrenen Menschen mit viel Persönlichkeit dar. Zwischen den Zeilen ist die Wichtigkeit erkennbar, mit der an Alzheimer Erkrankte – und auch ganz generell verwirrte Menschen – als Persönlichkeiten mit einer ganz eigenen Biographie wahrgenommen werden müssen. Es zeigt auf, wie leicht sich zunächst sinnlose Äußerungen biographischen Stationen zuordnen lassen, zeigt auf, dass jemand, der in irgendeiner Form dement ist, durchaus ernst zu nehmen ist. Im medizinischen und pflegerischen Bereich ist dies längst bekannt und wird im geriatrischen Bereich auch zunehmend gelebt, doch bietet dieser Titel auch eine Stütze für die Angehörigen, die ständig zwischen Schuld und Ärger schweben – wie auch die Geschwister Tahar Ben Jallouns.
Letzteres ist übrigens der einzige zu findende Kritikpunkt an diesem Werk: der Autor stellt sich trotz seiner Trauer zumeist als der Verstehende der Familie heraus, während seine Geschwister deutlich mehr Probleme mit der Krankheitsentwicklung der Mutter zu haben scheinen. Da Tahar Ben Jelloun dieses wundervolle Zeugnis seiner Mutter jedoch geschrieben hat, möge man ihm dieses verzeihen.

Merridy Eastman: Nachtschicht

“Nachtschicht” ist wieder ein Titel, der schon 2006 erschienen ist und zwar beim Goldmann-Verlag. Das Taschenbuch umfasst 417 Seiten, und die Geschichte der gebürtigen Australierin Eastman wurde von Maren Klostermann übersetzt.

Merridy ist Schauspielerin, aber trotz Agentin ist sie nicht gerade mit Angeboten gesegnet. Hier mal ein Werbespot und natürlich die Folgen der Kindershow, an der sie teilnimmt, aber das war es im Grunde auch schon. Nichts, wovon es sich wirklich leben ließe. Beim Arbeitsamt kann man Merridy nicht weiterhelfen, ein privater Jobvermittler hat lediglich das Angebot in petto, in Teilzeit als Rezeptionistin in einem Bordell zu arbeiten. Dem Jobvermittler ist das Angebot peinlicher als Merridy, denn die findet den Job eher interessant und lustig als abtörnend.

Merridy bewirbt sich, wobei ihr die Courage zwischenzeitlich dann doch wieder in die Hose rutscht, und tatsächlich bekommt sie den Job! Als Rezeptionistin ist es ihre Aufgabe, einen Überblick über die im Haus befindlichen Frauen zu haben, ihren Aufenthalt in der Küche des Hauses möglichst kurz zu halten und sie stattdessen entweder telefonisch als Escortdamen zu vermitteln oder aber Gäste ins Haus zu lassen, ihnen die Damen vorzustellen und auch sonst für die Koordination zu sorgen. Den Job teilt sie sich mit mehreren anderen Rezeptionistinnen, doch Merridy arbeitet auch “unten”. Das bedeutet, dass nicht jede der Rezeptionistinnen auch direkten Gastkontakt hat – Merridy schon, und das Auffüllen von Handtüchern, Kondomen und Co. zählt ebenfalls zu ihren Aufgaben.

Die Illusionen, die Merridy sich über diesen vermeintlich lustigen Job machte, sind bald schon dahin. Sie ist gestresst und macht viele Fehler, zumal sie nicht gedacht hätte, dass es so vieles bei dem Job zu beachten gibt. Beispielsweise stammen die meisten Anzeigen in den Gelben Seiten von eben jenem Bordell. Ruft der Gast also gerade bei “Australische Schönheiten”, “Asian Girls”, “Busenwunder”, “Fantasy Dreams” oder eine der anderen Leitungen an, muss Merridy die Damen entsprechend beschreiben. Da werden schon mal einige Zentimeter Größe oder Brustumfang mehr oder weniger angegeben, die Frauen jünger oder älter, zu Studentinnen oder Models – wohlgemerkt: bei den immer selben Frauen!
All diese Leitungen im Blick zu haben und für die Sicherheit der Frauen zu sorgen, indem man ein Gefühl für den Charakter des Anrufenden bekommt, seine Kreditkartennummer überprüft und derlei mehr, das ist anfangs alles ein bisschen viel für Merridy.

Nach einer Weile bekommt sie den Dreh aber langsam heraus, lernt die Frauen – Rezeptionistinnen wie Prostituierte – besser kennen, erfährt von den Heimlichkeiten innerhalb des Bordells und Escortservices, und so erlebt und entdeckt sie eine ganz eigene Welt.

Bei “Nachtschicht” habe ich schon auf den ersten zwanzig Seiten herzhaft gelacht, und diese Grundstimmung hat sich bis zum Schluss auch halten können. Nun habe ich vielleicht einen eigenartigen Humor, kann sein, jedenfalls lache ich nicht so leicht beim Lesen und auch Filmkomödien sind mir meist ein Graus. “Nachtschicht” aber hat mir vom Stil des Humors her wirklich gut gefallen. Überhaupt ist der gesamte Erzählstil zwar sehr locker, direkt und amüsant zu lesen, dennoch steckt auch viel Ernstes und Ironisches in der Geschichte. Damit hat die Autorin meiner Ansicht nach genau die Mitte getroffen: Fluffig zu lesen und unterhaltsam, aber nicht auf Kosten der beteiligten Personen geschrieben.

Merridy Eastman glaube ich – im Vergleich zu Sonia Rossi und ihrem “Fucking Berlin” – auch, dass sie dieses Jahr wirklich erlebt hat. Nicht nur, dass ihre auftauchenden Freunde im Buch auch hinten bei den Danksagungen auftauchen, sondern beispielsweise bei der imdb.com findet man tatsächlich eine Merridy Eastman, und diese spielte 1986-1989 wirklich in der Low Budget-Reihe “Playschool” (wohl vergleichbar mit der “Sesamstraße”) mit. Damals war sie also etwa 25-28 Jahre alt, was durchaus zum Alter der Merridy in “Nachtschicht” passt. Und es erklärt auch, warum die Autorin so offen über diverse Heimlichkeiten und Frauen schreibt, denn dieses beschriebene Jahr liegt demnach etwa zwanzig Jahre in der Vergangenheit – da ist die Wahrscheinlichkeit, jemandem auf den Schlips zu treten, also entsprechend gering.

Ich fand “Nachtschicht” sehr lesenswert, sowohl wegen der (selbst)ironischen, witzigen Passagen als auch wegen der ernsten. Es ist schon deshalb glaubwürdig, weil es im Grunde keine Highlights gibt. Es gibt gute Erlebnisse, schlechte Erlebnisse, aber es gibt keine Dramen – und auch kein Happy End. Dieser Roman ist also ein Stück weit auch deshalb zu lesenswert, weil er – mal abgesehen vom beruflichen Umfeld – es ermöglicht, jemanden ein Jahr lang seines Lebens zu begleiten (da spielt natürlich ein gewisses voyeuristisches Interesse … dass wir alle natürlich nicht haben, selbstredend …) und mit seinen Augen etwas Neues zu erleben, etwas zu beobachten, etwas zu erfahren. Und auch, wenn das Buch nicht mit *Krawumm* verläuft oder endet, so hat man doch irgendwie ein bisschen was daraus für sich mitgenommen.

Susanna Kaysen: Durchgeknallt

“Durchgeknallt” – oder “Girl, interrupted”, wie es im Original heißt – ist das, was man einen autobiographischen Roman nennt. Susanne Kaysen, die Autorin, hat es geschrieben und zwar, wie der Begriff autobiographisch ja schon aussagt, hat sie hier einen Abschnitt ihres eigenen Lebens zu einem Roman verarbeitet. Ein weiterer deutscher Titel des Buches lautet “Seelensprung”, aber man hat es umbenannt, als es als Buch zum Film erschien.
Die Verfilmung hatte ziemlichen Erfolg, war mit namhaften Schauspielerinnen besetzt und die Buchauflage wurde erneuert – das ist auch die Vorlage, über die ich hier schreibe – ein Buch zum Film, das es in Amerika tatsächlich in die Beststellerlisten schaffte übrigens.

Susanne Kaysen lebt in Massachusetts und hat zwei Romane veröffentlicht. Um vielleicht einen kleinen Einblick aus dem Buch selbst zu übernehmen, war es aber immer schon ihr Traum zu schreiben, Autorin zu sein, denn dies nimmt auch in Buch/Film “Durchgeknallt” einigen Raum ein.

Das vorliegende Buch zum Film hat insgesamt 220 Seiten.
Auf dem Cover blickt einem eine ernste Winona Ryder (spielt S. Kaysen im Film) entgegen. Gleich über der Nasenspitze ist die Photographie von einem weisen Balken durchbrochen, in dem der Titel des Buches steht.
Schon hier gefällt das Buch, denn es ist optisch für jedermann ansprechend, gerade der weiße Querbalken jedoch fügt sich wunderbar in den Originaltitel “Girl, interrupted” ein. Wie könnte man dies besser gestalten als durch einen weißen Balken mitten im Gesicht der Hauptperson? Sehr gelungen.

Das Buch selbst ist nicht nur einfach ein Roman, sondern es sind ärztliche Berichte über Susanne Kaysen eingefügt. Diese nehmen je eine Buchseite ein und auf der Parallelseite findet sich jeweils eine Übersetzung des Originals. So werden die einzelnen Erzählungen der Autorin untermauert und noch greifbarer gemacht, sind aber nicht aufdringlich und man kann sie auch ohne weiteres überschlagen, vor dem eigentlichen Roman oder danach lesen, wenn man möchte.
Zudem tritt hier nicht der Aspekt auf, dass Seiten gefüllt werden sollten, denn es gibt nur zehn dieser „Unterbrechungen“.

Susanne Kaysen wurde 1967 mit den Symptomen “chaotisches, planloses Leben mit progressiver Dekompensation, Umkehrung des Schlafrhythmus, schwere Depressionen, Suizidgedanken, vorangeganene Suizidversuche, Versenkung in Phantasien, zunehmender Rückzug und Isolation, promiskuitiv” in das McLean Hospital, einem psychiatrischen Krankenhaus, eingewiesen.
Von diesem Zeitpunkt an lässt S. Kaysen an diesem Lebensabschnitt teilhaben, erzählt von ihren Gefühlen und Gedanken, wie sie die Psychiatrie als Institution, das Personal und auch die anderen “Insassen” erlebt. Sie führt den Leser mittenrein in ein verworrenes, scheinbar paradoxes und doch so logisches Leben und belässt die 18 Monate des Klinikaufenthaltes als Zentrum des Ganzen, doch bleibt der Leser auch nicht im Dunkeln, was danach geschah, unmittelbar danach und rückblickend auf die damalige Zeit.

Die Autorin wirft mit Diagnosen nur so um sich, doch das schreckt keineswegs ab. Der Leser erfährt von den Diagnosen wie sie selbst: Unwissend und sich auf die Suche nach Erklärungen dafür machend. So lernt man Schritt für Schritt, wie sie es damals tat, im Wechsel sieht man sich einem Lexikonartikel und dann wieder ihren eigenen Gedanken und Emotionen gegenüber, was dem Ganzen in der Tat eine Erlebbarkeit gibt.
Im selben Stil lernt man auch ihre Mitpatientinnen kennen: Mal begegnet man ihnen mit Verständnis, mal mit Mitleid, dann wieder mit Abscheu oder schlussendlich mit einem Achselzucken.
Der gesamte Roman ist im Stil der Erkrankung geschrieben: Schleppend, wütend, verzweifelt, altklug, mächtig und temporeich sind Eigenschaften, die es alles gleichermaßen beschreiben, in einem Wechsel, der das Lesen anstrengend und doch letztlich umso authentischer werden lässt.

In der Zeit, zu der das Buch spielt, war der psychiatrische Erfahrungsschatz nicht ganz so umfassend wie heute. Gerade darum ist es interessant zu sehen, wie diese Krankheit in den 60ern angegangen wurde, in welchem Kontext man sie sah. Auch die allgemeine psychiatrische Situation der 60er wird dem Leser in diesem Buch sehr deutlich gemacht (z.B. Elektroschocktherapie wird häufig angewandt).

Wer das Buch liest (oder auch den Film gesehen hat), der stellt mit Leichtigkeit fest, dass mit der Betroffenen Susanne “irgendwas nicht stimmt”. Deutlich kommen Zeitsprünge, Wahnideen und auch nicht dissoziative Symptome zur Geltung. Doch gleichzeitig begegnet einem eine junge Frau, die eine sehr eigene Meinung zum Leben und zur Gesellschaft hat, die sich nicht anpassen mag und eine äußerst unkonventionelle Meinung zu den Dingen hat. Ist es “verrückt” oder “gestört”, so zu sein? Weil es nicht ins Bild passt, nicht in die derzeit angesagten Werte und Normen? Dem aufmerksamen Leser bietet sich bei der Lektüre dieses Romans bereits die Frage “Krankes Mitglied der Gesellschaft? Oder krank von der Gesellschaft?” – und das wahrscheinlich, ohne bis dato näheres über das Krankheitsbild zu wissen und ahnungslos, dass gerade der gesellschaftliche Aspekt in letzter Zeit zunehmend diskutiert wird. Umso mehr Gewicht bekommt dadurch aber an sich nur die Diskussion.

Es lohnt sich, das Buch zu lesen, ob man nun den Film kennt oder nicht, jedoch ist erwähnenswert, dass man es geschafft hat, beiden eine eigene Bedeutung zukommen zu lassen. Es gibt in beidem – Buch wie Film – Ausschnitte, die es im jeweils anderen Medium nicht gibt, jedoch bieten beide ein in sich geschlossenes und authentisches Bild und das eine muss sich vor dem anderen nicht verstecken. Auch die Schlussfolgerungen, die man aus beiden ziehen kann, sind identisch. Man hat sich hier an eine doppelte Gratwanderung gemacht: einen authentischen Bericht über eine Erkrankung und Psychiatrieerleben und zudem eine verlustfreie Verfilmung – es ist beides gelungen!.

Hier treffen Psychiatriegeschichte, Psychiatrieerleben, Autobiographie, gesellschaftlicher Appell, Aufarbeitung eines Lebens / einer Jugend und Aufklärungsarbeit aufeinander und nichts kommt dabei zu kurz davon.

Die Autorin selbst hat ihre Beweggründe zum Buch und dessen Inhalt sehr gut beschrieben. Da heißt es gleich zu Anfang:
“Die Leute fragen: Wie bist du da reingekommen? Was sie eigentlich wissen wollen ist, ob sie möglicherweise auch da drin landen werden. Die eigentliche Frage kann ich nicht beantworten. Ich kann nur sagen: Es ist leicht.”

Sonia Rossi: Fucking Berlin

Sonia Rossi ist gebürtige Italienerin, die zum Studium nach Deutschland kommt. Anfangs studiert sie auch artig und fleißig, recht schnell geht ihr jedoch das Geld aus und die Jobberei in Kneipen und Co. bringen nicht viel ein. Schließlich fängt sie mit Erotik-Webcam-Chats an, und von da aus gesehen ist der Weg nicht allzu weit bis zum Telefonsex, zu einem Etablissement für erotische Massagen – und von dort aus ins Bordell.
In ihrem angeblich autobiografischen Roman erzählt die Autorin von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, nicht nur in Bezug auf ihre Arbeit, sondern auch bezogen auf Beziehung, Freundschaften, Nachwuchs und so weiter.

Klares Fazit meinerseits: Seltsames Buch.
Hab es in einem Rutsch gelesen, was nicht weiter schwer ist, weil es sehr fluffig geschrieben ist und der Voyeur in einem ja doch gern wissen möchte, wie es nun weiter geht.
Dennoch:
Ich reihe mich ungeachtet der diversen Interviews mit der Autorin, die ich gelesen habe bei den Leuten ein, die nicht glauben, dass es sich hierbei um eine wahre Geschichte handelt.
Die “Basis” des Ganzen, sich also eher zu prostituieren als auf diverse Annehmlichkeiten zu verzichten, fand ich dabei sogar noch nachvollziehbar und glaubhaft, aber der Rest stimmte einfach nicht.
Jemand, der sehr intelligent ist (und das muss sie ja sein, sonst hätte sie nicht “nebenbei” ein Studium mit solch guten Noten absolviert) und keinerlei psychischen Knacks hat laut eigener Aussage, sondern aus einer wohlbehüteten Familie kommt
- geht nicht so plan- und geldlos einfach mal nach Deutschland zum Studieren
- hat dann auch keine Familie, die einen genau so planlos reisen lässt
- zieht vielleicht noch mit einem “Straßenjungen” rum und mit ihm zusammen, heiratet ihn aber sicherlich nicht spontan; schon gar nicht aus der uninformierten Vorstellung heraus, dann eine Aufenthaltsgenehmigung bzw. Anspruch auf Zahlungen zu haben
- hält einen solchen Mann nicht einfach über zig Jahre aus, auch nicht, wenn er irgendwie lieb und nett ist oder einen versteht
- wäre zumindest mal auf die Idee gekommen, dem guten Mann selbst mal vorzuschlagen, an seinen vormaligen Beruf, eben denselben, anzuknüpfen statt sie mit allem sitzen zu lassen
- …
ZU viel will ich hier auch nicht verraten, darum bleibe ich bei den obigen Begründungen.

Was mich außerdem gestört hat, war die durchgehende Blässe des Ganzen. Im Prostitutionsbereich mag das noch okay sein, weil es dort eine zu derbe Sprache bzw. allzu derbe Details verhindert (andererseits las sich das Repertoire diesbezüglich derart simpel, dass man auch da schon wieder an der Glaubwürdigkeit zweifeln kann – ich fand das alles sehr plump, unkreativ, naiv und ideenlos, was da aufgeboten wurde, was ja nun nicht gerade diesem Berufsbild entspricht; ich denke, eine gewisse (verbale) Kreativität ist da schon nötig, auch ohne ins Derbe abzudriften, oder?). Aber auch der Verlauf ihrer Beziehung bzw. Ehe verlief blass, ihre Affäre verlief blass, eigentlich alles verlief total blass. Ich meine auch wirklich blass und nicht abgestumpft, denn letzteres war es nicht. Alle Schilderungen wirken aufgeweckt und teils verklärt, gerade in Bezug auf all die jungen und attraktiven Kunden.

Und auch, wenn es ein gewisses Auf und Ab sowie ein doch recht loses Ende gibt, war mir da zuviel Spannungsbogen für eine reale Geschichte gegeben. Alles steigert sich nach und nach – erst Webcam, dann Telefon, dann Massage, dann Vollprogramm. Okay, aber warum gibt es beinahe parallele Bögen im Beziehungsleben, im Studium und in ihrer sonstigen Entwicklung?
Nee, ich kauf ihr das alles so nicht ab.

Schmetterling und Taucherglocke

Von dem Buch habe ich im Grundseminar zum Thema Basale Stimulation erstmals gehört. Der Gruppe wurde eines der Kapitel vorgelesen, damit wir uns mehr in die Erlebenswelt von Patienten einfühlen können.

Jean-Dominique Bauby war, wie der Name bereits vermuten lässt, ein französischer Landsmann, und zwar war er Journalist und Chefredakteur der Zeitschrift “Elle”. Als er 43 Jahre alt war, erlitt er einen Schlaganfall, nach dem er in das so genannte Locked-In-Syndrom fiel. Das ist ein Syndrom, bei dem der Mensch seinen Körper nicht mehr bewegen kann, lediglich die Augen (Bauby konnte allerdings auch den Kopf ein wenig drehen, was nicht dem klassischen Locked-In-Syndrom entspricht). Das besonders Dramatische daran: Der Patient bekommt alles mit, ist bei vollem Bewusstsein und – zumindest vermutlich – durchweg in der Lage, alles zu hören, zu sehen und zu verstehen, doch er kann nicht wirklich reagieren und auch nicht sprechen.
Nun war Bauby nicht irgend jemand und man gab sich redliche Mühe, seinen gesundheitlichen Zustand nicht nur zu stabilisieren, sondern ihn auch zu therapieren. Zu seinem Glück stand Bauby unter anderem eine sehr ehrgeizige Logopädin zur Seite, die das Prinzip, sprechgestörte Patienten auf eine Tafel mit allen Buchstaben des Alphabets zeigen und darüber kommunizieren zu lassen, aufgriff und veränderte. Dieses modifizierte Alphabet las sie Bauby immer wieder vor und er blinzelte, wenn sie den Buchstaben nannte, den er aussprechen wollte. So war Bauby in der außergewöhnlichen Lage, trotz des Locked-In-Syndroms mit seiner Umwelt kommunizieren zu können.
Dabei beließ er es jedoch nicht, sondern er griff einen bestehenden Buchvertrag auf und diktierte schließlich ein Buch: “Schmetterling und Taucherglocke”.

In diesem Buch, das nur wenig mehr als 100 Seiten umfasst und viele leere Seiten enthält (Kapitelübergänge), schildert er seine Erkrankung, seine Wahrnehmung der Erkrankung, der Therapien, des gesamten Umfelds. In jeweils sehr kurzen Kapiteln nimmt er den Leser mit auf eine Reise, die einzigartig ist.
Unterbrochen werden seine Schilderungen des Alltags immer wieder von Erinnerungen und “Spinnereien”, also Fantasien, die sich mit der Zeit ergeben und mit denen er sich die Zeit vertreibt.

Gerade diese Fantasien sind es, die mich persönlich beim Lesen ziemlich genervt haben. Ein grundsätzlich großartiges Buch, aber die Menge an Ausschweifungen bei dem geringen Umfang des Buches ist ein bisschen viel des Guten.

Darum kann ich eher den Film empfehlen, der auf Basis des Buches entstand. Dieser ist visuell wirklich gigantisch umgesetzt worden, schafft viel mehr (auch freien) Raum, in dem man auch zwischen den Zeilen lesen und die gesamte Geschichte viel besser verarbeiten kann. Im Vergleich zum Buch ist der Film auch sehr umfangreich (Laufzeit etwa 2,5 Stunden) und bietet Szenen, in denen nicht viel mehr passiert, als dass man sich auf das eingeschränkte Sichtfeld von Bauby konzentriert oder auf die Art und Weise der für uns, nicht aber für den Patienten, alltäglichen Außenreize.

Das Buch erschien 1997, nur drei Tage später ist Bauby verstorben. Der Film wurde 2007 in Cannes uraufgeführt und erhielt einen Preis für die beste Regie.

Empfehlen kann ich summa summarum beides, war vom Film jedoch wie vorbeschrieben mehr angetan.

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