Mean Creek

Aus den USA und dem Jahre 2004 stammt dieses Drama über und für Jugendliche.

Sam (Rory Culkin) wird von George (Josh Peck), einem dicken und aggressiven Jungen aus recht wohlhabendem Haus, regelmäßig verprügelt. Irgendwann reicht es Sams Bruder Rocky (Trevor Morgan) und er beschließt, George zusammen mit seinen Freunden einen Denkzettel zu verpassen. Ihn umgekehrt zu verprügeln, hält Sam für falsch, und so hecken die Jungen einen ganz besonderen Streich aus: George soll zu Sams angeblichem Geburtstag eingeladen und zu einer Bootsfahrt mitgenommen werden. Fernab der Zivilisation wollen sie ihn durch das Spiel “Wahrheit oder Pflicht“ dazu bringen, sich auszuziehen – um ihn dann nackt ins Wasser zu stoßen und so nach Hause zu schicken, während sie selbst zurückfahren.
Unterwegs wird jedoch immer offensichtlicher, dass George nicht grundsätzlich der Aggressor ist, für den die Jungen ihn gehalten haben. Er ist allein, hat zwar viel Geld für Spielzeug, aber keine Freunde. Der Neid anderer auf seine Besitztümer – George hat beispielsweise eine eigene Digitalkamera – und die Tatsache, dass George dick und nicht sonderlich clever ist, machen ihn einsam und sein aggressives Verhalten braucht er als schützenden Panzer.
Ausgehend von Sams Freundin Millie (Carly Schroeder) sprechen die Jungen sich erneut ab und beschließen, den Plan fallen zu lassen. Nur Marty (Scott Mechlowicz) ist nicht damit einverstanden, George ungeschoren davonkommen zu lassen, willigt aber schließlich halbherzig ein.
Nach einer Weile auf dem Fluss kommt jedoch die Wahrheit ans Tageslicht. George erfährt, dass Sam gar nicht Geburtstag hat und die anderen gestehen ihm auch ihre ursprünglichen Absichten. George fühlt sich erneut verraten und rastet aus – es kommt zu einer Tragödie …

Jeder hat als junger Mensch Probleme, die besonders groß und unüberwindbar erscheinen. Die Protagonisten dieses Films machen dabei keine Ausnahme.
Georges Probleme wurden bereits beschrieben. Sam leidet unter George und ist nervös, weil die Bootsfahrt auch sein erstes Rendezvous mit Millie ist – die ihrerseits nicht weniger nervös ist. Rocky will seinen Bruder schützen, der ebenfalls anwesende Clyde, gespielt von Ryan Kelley, wird gehänselt, weil er bei seinem schwulen Vater und dessen Freund aufwächst. Marty hingegen lebt in einer rauen Umgebung. Sein Bruder kümmert sich um ihn, doch die beiden haben häufig Differenzen und der Vater der beiden nahm sich das Leben, was Marty noch immer nicht verwunden hat.
Und diese explosive Mischung aus verletzten Gefühlen, Sorge und Wut sitzt in diesem Film also im wahrsten Wortsinn in einem Boot … das kann nicht gut ausgehen – und das tut es auch nicht.

Negativ ist vor allem der Schluss des Filmes zu bewerten. Während sich die meiste Zeit über eine latente Spannung aufbaut und hält, fällt diese zum Ende hin abrupt ab und im Grunde wird der Zuschauer letztlich vor ein offenes Ende gestellt, bei dem er sich mehrere Schluss-Szenen selbst ausdenken kann und muss, enttäuschend.

Auch das Zusatzmaterial, das neben einer Trailershow lediglich eine Storyboard-Galerie bietet, ist nicht erwähnenswert.

Der Film wendet sich vor allem an Heranwachsende, die sich am ehesten in die Probleme der Hauptfiguren hineindenken können. Hilfreich dabei ist die wirklich hervorragende schauspielerische Leistung der jungen Darsteller.

Durch den starken Spannungsabfall zum Ende hin ein leider nur durchschnittliches Werk, das sich auch nicht durch weitere Extras aus der Menge der Filme, auch des dramatischen Genres, herauszuheben vermag.

Justine Lévy: Nicht tragisch

207 Seiten hat das Leben der Protagonistin Louise, die eigentlich zugleich die Autorin Justine Lévy ist, Zeit, um die größten Tiefschläge des Lebens aufzuarbeiten und wie der Phönix aus der Asche aus sich selbst zu erwachsen.

Louise ist nicht nur Tochter eines berühmten Vaters, bei dem sie aufwuchs, nachdem die Mutter sie damals verließ. Sie ist auch ein Stück weit verbunden mit ihrer jüngst verstorbenen Großmutter, um die sie nicht weinen kann, mit der Mutter selbst, bei deren Krebserkrankung sie so wenig helfen kann und mit ihrem Ex-Mann Adrien, den sie nicht loslassen kann.
Louise fühlt sich unzulänglich, permanent und eigentlich immer schon. Als sie die Obhut des Vaters in die Partnerschaft mit Adrien eintauscht, der karrierebetont ist und scheinbar alle Hürden des Lebens mühelos hinter sich lässt, bekommt sie Angst. Angst, ihren geliebten Mann zu verlieren, weil sie nicht gut genug ist, nicht eifrig genug, nicht intellektuell genug, nicht schön genug …
Die ersten Amphetamine helfen ihr über das Gefühl der Unzulänglichkeit hinweg, doch bald braucht sie mehr davon, fälscht Medikamente und findet sich irgendwann kraftlos in einer Lebensspirale wieder, in der man immer nur das eine gegen das andere tauscht und doch ständig verliert.
Über vier Monate verbringt Louise in einer Klinik, doch nachdem sie den Entzug hinter sich gebracht hat, eröffnet Adrien ihr, dass er sie verlässt – wegen der Freundin seines Vaters.
Genau das, was Louise stets verhindern wollte, tritt ein und als sie allein zurück bleibt, ist da zunächst nicht mehr als eine große Leere, durch die sich Erinnerungen ziehen.

Der Roman, der deutlich und unverhohlen stark autobiographisch gefärbt ist, ist ziemlich umstritten. Manche halten ihn für Schund, andere für gut, die nächsten wissen lediglich den Klatsch und Skandal zu schätzen, den dieses Buch in Frankreich auslöste. Dabei kommt es hier, wie so oft, wohl auf den Blickwinkel an.

Der Anfang des Buches ist anstrengend. Ein ewig langer Satz jagt den nächsten, und gehetzt von vielen gewollten Wiederholungen und Kommata hat der Leser wenig mehr Chancen, als das Buch augenblicklich aus der Hand zu legen oder sich von der Erzählung vereinnahmen zu lassen.
Unbändige Wut, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, nicht erlaubte Trauer, nicht geduldete emotionale Regungen, all das jagt einander und wechselt sich stellenweise noch im gleichen Satz ab.
Doch schon hier vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, und je weiter die Handlung – oder besser Erzählung, denn an einer Handlung mitsamt rotem Faden fehlt es doch recht stark – voranschreitet, um so ruhiger wird auch die Sprache des Buches, um so mehr wird die starke Unruhe, die auch der Leser empfindet, zuerst von Betäubung, dann von einer letzten Wut, von Gleichgültigkeit und schließlich von einem Funken Hoffnung, der in der Akzeptanz der Dinge lauert, abgelöst.

Die Autorin durchlebt in diesem Buch und mit ihrer Protagonistin die üblichen Phasen einer Trauer, an deren Ende jedoch, wie man weiß, in der Regel eine Art Neuanfang steht. Es kann schlecht in Abrede gestellt werden, dass Justine Lévy dies in erster Linie zur autobiographischen Verarbeitung nutzt, doch auch, wenn man Buch und Autorin vieles nachsagen kann, so doch nicht, sie könne nicht schreiben.
Sicherlich verletzt sie nicht wenige Regeln des Handwerks und vernachlässigt den bereits erwähnten roten Faden einer Handlung sträflich, doch stattdessen schafft sie etwas, das nicht viele können: Sie erreicht das absolute Gefühl der Identifikation mit dem Leser, wühlt ihn auf und lässt ihn fühlen, wie Louise fühlt. Dies alles erreicht sie auch ohne großartige Szenen, in denen auf die Tränendrüse gedrückt wird und tatsächlich nimmt auch die Zeit des Entzuges selbst nur ein paar wenige Seiten des Buches in Anspruch. Dieses Buch hat es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen und muss sich lang nicht hinter anderen Romanen verstecken.

Ein empfehlenswerter, stark autobiographisch durchsetzter Roman, den man lesen kann, weil man einfach mitreden können will. Er empfiehlt sich aber ebenso, um an den starken Emotionen in diesem Buch und einer an sich traurig-tragischen Geschichte, die aber nicht mit den üblichen Mitteln dieses Stils arbeitet, teilzuhaben.

Durchgeknallt

Der Film, der nach dem bereits besprochenen Buch gedreht wurde, war erstaunlich erfolgreich. Es geht um “Durchgeknallt – Girl, Interrupted”.

Der Erfolg des Films, Angelina Jolie bekam für die Darstellung der Lisa sogar einen Oscar als beste Nebendarstellerin, ist vor allem deshalb so überraschend, weil es im Grunde keine nennenswerte filmische Handlung gibt, anders also als beispielsweise bei “A beautiful mind”, der ebenfalls eine psychische Erkrankung im Fokus hat, aber eben einen klaren Verlauf, eine deutliche Geschichte und Absicht verfolgt. Gut, darum hat “A beautiful mind” wohl auch vier Oscars statt einem eingeheimst.

“Durchgeknallt” ist ähnlich tagebuchartig wie Susanna Kaysens gleichnamiger Roman, und so sieht man Susanna, gespielt von Winona Ryder, auch immer wieder mal in ihrem Tagebuch schreiben. Durch diesen Stil geht es im Grunde auch weniger um die Entwicklung der Protagonistin, auch wenn der Film mit ihrer Einweisung in die Klinik beginnt und mit ihrer Entlassung endet, sondern es handelt es sich um eine Art Charakterstudie.
Dabei steht nicht einmal nur Susanna als Borderline-Diagnostizerte im Mittelpunkt, sondern auch die Soziopathin Lisa (Angelina Jolie) und die Magersüchtige Daisy, ebenso wie die anderen Patientinnen der Station, die allesamt eine wirklich gute schauspielerische Leistung abliefern, auch wenn Größen wie Vanessa Redgrave als Leiterin der Einrichtung und Whoopi Goldberg als Krankenschwester eher im Hintergrund bleiben.

Der Film zeigt vier Dinge besonders gut: Die Wackligkeit der – heutzutage – Modediagnose Borderline, gerade im Hinblick auf die 60er Jahre, für die die gesellschaftliche und politische Lage, die im Film am Rande Raum erhält, durchaus relevant sind, Psychiatriealltag in den 60er Jahren, die Dynamik einer psychiatrischen Station und zuletzt, dass ein solcher Film fast nur mit Frauen durchaus auch Brisanz zeigt und spannend ist.
Tatsächlich ist Jared Leto in einer Nebenrolle der einzig erwähnenswerte männliche Darsteller im Film.

Interessant ist auch, dass der Film auf dem Buch basiert, Buch und Film aber dennoch unabhängig voneinander exstieren können und sich sehr gut ergänzen.

Theophile Gautier: Die liebende Tote

Im Juni 2008 veröffentlichte Titania Medien die 26. Folge aus der Reihe „Gruselkabinett“. Dieses Mal war es die Geschichte „Die liebende Tote“ von Theophile Gautier, die als 57-minütige Hörspielfolge aufbereitet wurde.

Ein junger Mönch hat sich verliebt und vertraut sich dem alten Mönch Romuald an. Trotz dieses Vertrauens fühlt sich der junge Mann unverstanden und glaubt nicht, dass Romuald nachempfinden kann, wie ihm zumute ist. Romuald jedoch überrascht den jungen Mönch mit einer Geschichte, die ganz anderes offenbart:

Am Tag seiner Priesterweihe begegnet Romuald der Frau seines Lebens. Sie vermag nicht zu verhindern, dass Romuald dennoch sein Gelübde ablegt, doch sie verschwindet durch dieses auch längst nicht aus seinem Leben. Romuald trifft sie wieder, als er es am wenigsten erwartet, und durch diese eigenartige und zugleich schicksalhafte Wiederbegegnung entscheidet Romuald sich für die Liebe. Er brennt mit seiner geliebten Clarimonde durch und gibt sich fortan den Ausschweifungen des Lebens hin. Als Clarimonde schließlich erkrankt, muss Romuald jedoch herausfinden, dass nur Blut sie retten kann, und auf eben jenes Blut verzichtete Clarimonde aus Liebe zu Romuald …

„Die liebende Tote“ ist eine klassische „Gothic Novel“, was im Deutschen – etwas unzureichend – üblicherweise mit „Schauermärchen“ übersetzt wird. Der Schauer hierbei ist lediglich subtiler Art, Gruseleffekte treten praktisch gar nicht auf, die Geschichte wird von Romantik und Tragik beherrscht. Besonders tritt hierbei zu Tage, dass auf eine klassische Schwarzweiß-Erzählung verzichtet wurde. Clarimondes Gefühle sind wahrhaft, die des Abtes, der Romuald schließlich auf den „lichten“ Pfad zurückführt, sind es nicht …

Die melancholische Liebesgeschichte wurde sehr professionell in ein Hörspielformat gebracht. Ton und sonstiges Sounds sind sauber und die Sprecher sorgfältig ausgewählt. Die unfreiwillige Komik, die gerade Hörspiele aus dem Grusel- und Horrorsektor der Achtzigerjahre begleitet, fehlt hier völlig.

Die Stimmen, die bei diesem Hörspiel eingesetzt wurden, sind im Audiobereich eher unbekannt und somit unverbraucht, beispielsweise mit Christian Rode, der die Rolle des Abtes Serapion übernahm, treten jedoch auch bekannte Stimmen auf, so auch Torsten Michaelis (beispielsweise deutsche Synchronstimme von Wesley Snipes) .

„Die liebende Tote“ ist eine klassische Schauergeschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert, die von Titania Medien gekonnt und mit viel Gefühl ins Hörspielformat gebracht wurde, so dass Flair und Tragik der Geschichte in genau richtigem Maß erhalten bleiben und an den Hörer weitergegeben werden konnten.

Peter Høeg: Der Plan von der Abschaffung des Dunkels

Im Januar 2008 veröffentlichte Der Hörverlag eine Hörspielversion von „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“. Peter Høegs Titel erschien als Buch in Dänemark 1993, 1995 dann erstmals in deutscher Sprache. Bei dem Hörspiel auf zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 134 Minuten handelt es sich um eine Produktion des Südwestdeutschen Rundfunks.

Peter ist Schüler des Internats von Biehl. Diese sehr exklusive Schule wählt zeitweise einen Waisen oder ein grundsätzlich nicht für die Schule geeignetes Kind aus und nimmt dieses im Internat auf. Warum sie das tun, ist Peter ein Rätsel, und auch Katharina, mit der er sich anfreundet, ohne dass der Kontakt überhaupt erlaubt wäre, versteht es nicht. Peter und Katharina wollen dieses Geheimnis jedoch ergründen und entwickeln eine Theorie, die auf Zeit basiert. Katharina ist der festen Überzeugung, dass es verschiedene Formen der Zeit gibt und will dies beweisen. Der Schritt, auf diesem Weg auch gleich die wahren Hintergründe von Biehl und seiner Privatschule zu enttarnen, scheint für die beiden nur ein kleiner zu sein.

Dann wird eines Tages der schwer erziehbare August an der Schule aufgenommen, der sehr viel extremere Probleme als Peter und Katharina hat, sich in den Schulalltag einzufinden, und der somit auch dem Schul- und Strafensystem mehr ausgesetzt ist. Wie Eltern nehmen Peter und Katharina den Jungen unter ihre Fittiche und versuchen, ihn vor der Schule und ihren Mechanismen zu schützen.

„Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ ist ein wirklich wichtiges Buch, das man gelesen haben sollte, und wer wenig Zeit und Muße zum Lesen anführt, dem sei das Hörspiel empfohlen. Beim gegebenen Umfang zeigt dieses natürlich deutliche Kürzungen im Vergleich zum mehr als dreihundert Seiten umfassenden Buch, doch ist die Kernhandlung komplett enthalten, ebenso sind ganze Dialoge aus der Vorlage wortgetreu übernommen worden.

Der Titel hat einen sehr ausgeprägten philosophischen wie auch kritischen Anteil, mit dem es sich näher zu beschäftigen lohnt. Die Schlüsse, die man daraus ziehen kann, sind sehr unterschiedlich. So heißt es, das Buch sei in erster Linie autobiographisch, zumal die Hauptfigur wie der Autor Peter heißt. Die einen sagen, bei diesem Titel gehe es in erster Linie darum, was für eine Machtposition die Zeit und ihre Instrumente im Leben der Menschen einnehmen könne, die nächsten sehen in der Geschichte vor allem eine Kritik an bestimmten Erziehungsmethoden und wieder andere denken, dass die Kinder gegen einen an sich guten Versuch ankämpfen, nämlich den, unterschiedliche Charaktere an einem Ort friedlich nach denselben Regeln leben und sich entwickeln zu lassen, und dass die Hauptfiguren somit falsch liegen in ihrem Tun und sich vielleicht sogar ein wenig wahnhaft verhalten.
Ich denke, jeder sollte da seine eigenen Schlüsse ziehen, zumal alle möglichen ohnehin sinnvolle Gedanken und Diskussionen zum jeweils erkannten Schwerpunkt bergen. Bei der Produktion des Hörspiels scheint man ähnlich gedacht zu haben, denn auch, wenn sich durchaus Schwerpunkte der Produzenten erkennen lassen, lassen sie dem Hörer wie auch das Buch die freie Wahl. Gerade dieser Umstand macht den Titel erst recht zu einem sehr gelungenen, da trotz unvermeidbarer Kürzungen im Rahmen eines Hörspiels die letztliche Entscheidung beim Hörer verbleibt.

Die Sprecher wurden sehr sorgfältig ausgewählt. Gerade die Hauptfiguren Peter (Ludwig Trepte), Katharina (Rosalie Thomass) und August (Nikolas Artajo-Kwasniewski) vermitteln den Ernst ihrer Lage und ihrer Theorien sehr ernsthaft und eindringlich. Hier zeigt sich deutlich die schauspielerische Ausbildung der jungen Sprecher, die wie alle anderen des Hörspiels auch im Audiobereich zudem frische und unverbrauchte Stimmen haben. Bekanntester Sprecher und Schauspieler in „Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ ist Peter Fricke, der Direktor Biehl verkörpert.

Die Aufmachung des Titels ist schlicht, und doch enthält er alles, was ein gutes Hörspiel braucht. Ein mehrseitiges Booklet ist im Papp-Case eingeklebt, das die Sprecherliste und einige biografische Daten des Autors und der Hauptsprecher enthält.

„Der Plan von der Abschaffung des Dunkels“ ist eine sehr gelungene Hörspielumsetzung, die es schafft, das Vage in Peter Høegs Roman einzufangen und zu präsentieren, ohne dass sich der Hörer verloren oder schlecht unterhalten fühlt. Gleichzeitig lässt es dem Hörer die freie Wahl, sich einfach nur unterhalten zu lassen oder verschiedene Aspekte des Hörspiels in den Vordergrund zu stellen, um darüber nachzudenken oder mit anderen zu diskutieren.

Emily Brontë: Sturmhöhe

Klassisch wird es nun einmal mit der Vorstellung des Hörbuches “Sturmhöhe”:

Das einzige Werk von Emily Brontë erntete im neunzehnten Jahrhundert vor allem Verachtung, ist heute allerdings sehr angesehen. Dieser Tatsache und dem Interesse an dem Buch Rechnung tragend, wurde 2005 eine gekürzte Hörbuchfassung auf vier CDs mit 255 Minuten Gesamtlaufzeit bei Patmos veröffentlicht.

Mister Lockwood, der Pächter von Thrushcross Grange, macht die Bekanntschaft des Eigentümers Heathcliff, des Burschen Hareton und der anmutigen Cathy. Alle drei Personen sind völlig unterschiedlich und Mister Lockwood fragt sich, worin wohl der Grund dafür zu finden sei. Er übernachtet bei ihnen auf Wuthering Heights und erlebt in der Nacht die Erscheinung eines Geistes. Später trifft Lockwood auf Nelly Dean, schon seit Ewigkeiten Haushälterin und bestens informiert. Diese erzählt ihm bereitwillig die Geschichte, die beide Gutshöfe und die auf Wuthering Heights lebenden Personen verbindet:
Catherine Earnshaw wuchs mit ihrem Bruder Hindley und dem Findling Heathcliff aus Liverpool auf Wuthering Heights auf. Catherine und Heathcliff sind mehr als nur befreundet, vielmehr verbindet sie eine Art tiefer Seelenverwandtschaft. Einige Jahre später jedoch lernt Catherine Edward Linton von Gut Thrushcross Grange und seine Schwester Isabella kennen. Weil sie ihre Bindung zu Heathcliff verkennt und umgekehrt auch ihre Bedeutung für ihn, heiratet sie Edward – und Heathcliff verschwindet Hals über Kopf und schwer gekränkt und verletzt.
Erst Jahre später taucht er wieder auf, diesmal mit der Absicht, die Familien zu zerstören, die aus seiner Sicht ihn zerstörten.
Er beginnt bei Hindley Earnshaw, der ihn in seiner Kindheit malträtierte, um Eigentümer von Wuthering Heights zu werden. Dann macht er Isabella Linton den Hof und heiratet sie schließlich, nur um sie danach derart zu schikanieren, dass sie schließlich vor ihm flieht. Bei einem Gespräch mit Catherine macht er ihr deutlich, dass sie ihrer beider Verbindung verraten habe. Kurz darauf stirbt Catherine nur Stunden nach der Geburt von Cathy, der Tochter Catherines und Edwards.
Die Zeit vergeht, doch Heathcliffs Rache hat noch kein Ende gefunden. Er zieht Hindley Earnshaws Sohn Hareton auf und bietet dabei enorme Brutalität und Isolationsversuche auf, um Hass in dem Jungen zu schüren und jegliche Bildung zu verhindern. Er soll sich so entwickeln, wie wie es Hindley einst Heathcliff vorwarf.
Als Cathy herangewachsen ist, sorgt Heathcliff nicht nur für Begegnungen mit ihr, bei denen sie gegen Cathys Vater Edward hetzt, sondern versucht auch erfolgreich, sie mit seinem Sohn Linton zu vermählen. Da Linton bald sterben wird, will er damit Cathy ins Unglück stürzen und zugleich auch noch Macht über das Gut Thrushcross Grange erlangen.
Kurz nach dieser Situation trifft Mister Lockwood die drei Personen an, doch die Geschichte nimmt noch weiter ihren Lauf, bis Heathcliff schließlich stirbt und die bestehende Ordnung beständig scheint.

“Sturmhöhe”, übrigens die Übersetzung von “Wuthering Heights”, ist keine leichte Kost, umso weniger, weil der Hörer eine gekürzte Fassung präsentiert bekommt. Es sind viele Personen, die auftreten, und obwohl die Perspektive kaum wechselt – Mister Lockwood und die Erzählungen der Nelly Dean bestimmen diese -, fällt es teils ein wenig schwer, der Handlung zu folgen.
Zur Verwirrung tragen vor allem zwei Aspekte bei: Zum einen die sehr aufwühlende und deprimierende Geschichte voller Verluste, Schmerz und Gewalt, zum anderen die Tatsache, dass es einem nicht gelingt, den Stil der Geschichte so recht einzuordnen.
“Sturmhöhe” ist ein Drama, soviel ist sicher, doch birgt es Aspekte der typisch viktorianischen Literatur, die vor allem in der angestrebten und dargestellten Tugendhaftigkeit der weiblichen Figuren zum Tragen kommt, Elemente des erst Jahrzehnte später aufkommenden Naturalismus sowie typische Darstellungen einer “Gothic Novel”. Eine klare Einteilung der Geschichte ist nicht vorzunehmen, was dem Werk eine gewisse Unberechenbarkeit – zumindest in der ersten Hälfte – verleiht.

Wenn auch hoch gelobt, so zeigt “Sturmhöhe” – zumindest in der gekürzten Hörbuchfassung – durchaus einige Mängel, die sich vor allem in der Charakterisierung der Frauen zeigt. So redselig, wie sich Nelly gegenüber ihrem Herrn etwa die ganze Zeit über zeigt, ist die Position einer Vertrauten und Geheimnisbewahrerin sehr unglaubwürdig. Auf der anderen Seite scheinen sowohl Catherine, Isabella und auch Cathy trotz aller Klugheit, die ihnen zugestanden wird, nicht viel mehr im Sinn zu haben, als sich zielstrebig in den offensichtlich falschen Mann zu verlieben, ihn zu heiraten und dann auf einer Enttäuschung sitzen zu bleiben, vor der zuvor massenhaft gewarnt wurde.
Sehr reizvoll hingegen erscheint das Gesamtbild der Charaktere und der wenigen Schauplätze – die beiden Gutshöfe -, die zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten eröffnen, die sich sogar zu einem zeitintensiven Hobby entwickeln könnten.

Die Umsetzung der Hörbuchproduktion ist solide. Den kleineren Teil der Lesung bestreitet Wolfram Koch als Mister Lockwood, Nelly Dean wird von Eva Mattes gesprochen, die entsprechend auch den deutlich höheren Redeanteil hat.
Mister Lockwood taucht eher als Rahmenfigur auf, die der Geschichte Anfang und Ende gibt, daher sind die wenigen Zwischenlesungen von Wolfram Koch vor allem störend. Die Betonungen sind in Ordnung, die Modulationen fallen ein wenig zu seicht aus, doch insgesamt wird hier eine gute Lesung präsentiert.

Umrahmt werden die einzelnen Abschnitte von etwa zwanzig Sekunden langen Musikeinspielungen, die als etwas zu lang empfunden werden können und zum Ende des Hörbuches unangenehm und auch ungeachtet der Entwicklung der Geschichte unpassend disharmonisch erklingen. Auch längere Pausen zwischen einzelnen Abschnitten fallen eher unangenehm auf.

Die Verpackung des Hörbuches besteht aus aufklappbarem Pappkarton, in den die CDs eingesteckt wurden. Die Gestaltung in dunklem Grün passt zum Hörbuch, die einzelnen Tracks sind angegeben und zudem finden sich Informationen zu den Sprechern sowie eine recht ausführliche Biographie der Autorin.

Ein anspruchsvolles Werk, das als Hörbuch nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, jedoch sehr empfehlenswert ist, wenn man sich für Dramen erwärmen kann. Vor allem, weil “Sturmhöhe” recht einzigartige Elemente bietet, sollte man nicht auf ein Kennenlernen verzichten.

Arthur Schnitzler: Sterben

Die Novelle, die Hörbuch Hamburg im September 2007 als von Monica Bleibtreu gelesenes Hörbuch veröffentlichte, schrieb der österreichische Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler bereits 1892.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Felix und Marie, ein innig verbundenes Paar, das durch eine ärztliche Prognose auf eine harte Probe gestellt wird: Ein Jahr hat Felix nur noch zu leben, so sagt man es ihm, und beide, Felix wie Marie, können mit dieser Aussicht nicht umgehen. Die Novelle beschreibt die beiden und ihr Erleben im Verlauf des Jahres von der Prognose an.

Felix wirkt zunächst gefasst, Marie kurzzeitig aufgelöst, dann jedoch sehr aufgeräumt. Spontan beschließt sie, das letzte Lebensjahr von Felix mit ihm zusammen zu verbringen und zugleich, es auch zu ihrem eigenen letzten Lebensjahr zu machen. Wenn es mit Felix zu Ende geht, so verkündet sie, dann will sie selbst sich das Leben nehmen und mit ihm zusammen sterben.

Diese klassisch romantisierte Sicht vom Tod ist jedoch nur der Anfang der knapp 140-seitigen Novelle, die in Hörbuchform ungekürzt vorgelesen wird. Schnitzler hat diese Geschichte im weiteren Verlauf zu etwas ganz anderem verwoben. Nach und nach wird immer deutlicher, welche inneren Konflikte in den beiden Figuren toben. Sie versuchen beide, an ihren Zusagen festzuhalten, doch immer größer wird die Angst. Felix versucht zunächst, Marie dieses Leid zu ersparen und sie loszuwerden, doch diesem Großmut kann er nicht lang treu bleiben und Misstrauen und Missgunst machen sich in ihm breit. Wird sie ihr Wort halten und ebenfalls sterben? Oder macht sie ihm nur etwas vor und genießt nach seinem Tod das Leben? Die Tatsache, dass sie die Wahl hat und er nicht, lastet schwer auf Felix. Umgekehrt will Marie ihrer großen Liebe und ihrem Wort treu bleiben, spürt jedoch mit der Zeit immer deutlicher den Drang zu leben, nimmt – zunächst peinlich berührt und aus den Augenwinkeln – andere Männer wahr …

„Sterben“ erzählt nicht die Geschichte des Sterbens selbst, sondern eine Geschichte über die Auswirkungen des Todes vor Augen – aus der Sicht dessen, für den er unweigerlich vor der Tür steht, und aus der Sicht derer, die sich noch gegen ihn entscheiden könnte. Die Novelle mutet wie eine Studie an, ist durchweg nachvollziehbar und realistisch, leidenschaftlich und kühl zugleich.

Sicherlich spielt es eine Rolle, dass „Sterben“ autobiografische Züge enthält. Schnitzler selbst war einmal mit der Diagnose Tuberkulose konfrontiert und erholte sich in Meran davon – in dem Ort, in dem auch Felix und Marie schließlich Erholung suchen.

„Sterben“ ist ein wirklich gelungenes Werk, ein nachdenklich machendes und aufwühlendes. Etwas schwierig könnte der Ausdruck des Ganzen sein, denn die Novelle wird nicht in modernisierter Form gelesen und enthält viele entsprechend altbacken wirkende Formulierungen aus der Jahrhundertwende. Die ausgezeichnete Sprecherin Monica Bleibtreu liest das Buch souverän, betont allerdings – vermutlich ungewollt – den dramatischen Einschlag des Ganzen ein wenig zu sehr, so dass man ein wenig Geduld und Langmut mitbringen sollte. Gerade zu Anfang ist das zahlreich vorkommende „Felix! Oh, Felix!“, ebenso verzweifelt klingend wie gelesen, recht anstrengend und nicht allzu unterhaltsam.

Manil Suri: Vishnus Tod

“Vishnus Tod” ist schon ein älterer Roman aus Indien; in deutscher Sprache erschien er Ende 2002.
Es handelt sich um den Debütroman eines indischen Mathematikers, der allerdings seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in den USA lebt.

Der Titel des Romans ist namensgebend, denn letztlich dreht sich alles um Vishnu, der auf dem Treppenabsatz eines Mietshauses in Bombay lebt und im Sterben liegt. Während er sich an seine Kindheit und an seine große Liebe erinnert, von einer Vision zur nächsten dämmert, geht um ihn herum das Leben weiter – und es geht hoch her.
Die einzelnen Mieter haben ihre eigenen Probleme, mit sich, mit ihren Partnern und Kindern, mit den anderen Mieters. Vor allem aber haben sie ein Problem mit Vishnu, der für alle offenkundig in absehbarer Zeit sterben wird.
Die vorrangigen Probleme hierbei sind durchweg materialistischer Art: Wer soll die Reinigung der Treppe und den Abtransport der Leiche zahlen? Könnte man Vishnu jetzt noch retten? Aber falls ja: Wer kommt für den Krankenwagen auf?

Um solche und ähnliche Fragestellungen rankt sich das Buch und wirft damit einen sehr guten Blick auf die ärmlichen Verhältnisse der Mieter, auf Alltags- und Gefühlsregeln und vielerlei mehr.

Der Roman ist sehr intensiv, auch wenn es eine Weile dauert, bis man sich eingelesen hat. Im Grunde für mich übrigens – mal wieder – ein typisches Buch für Indien, denn all die Aspekte, die ich so typisch finde, kommen vor: 1001 Verhaltensregel, an die man sich hält oder die man zu umschiffen versucht, ärmliche Bedingungen, aus denen die Menschen das Beste zu machen versuchen, die Diskrepanz zwischen Jugendträumen und der späteren Realität, aufwändige Heiratspläne und -vorbereitungen, eine große Kelle spiritueller Inhalte und eine mindestens ebensolche an Bigotterie, wobei ich gerade in dieser Hinsicht nicht die Bigotterie selbst so spannend finde, sondern die Eigenart indischer Romane – zumindest habe ich noch keinen erwischt, in dem es anders gewesen wäre -, diese so lebendig, gefühlvoll und nachvollziehbar zu beschreiben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es einfach ein ganz anderer Alltag und ein grundsätzlich anderes Lebensgefühl ist, das einem mit Indien präsentiert wird, aber die Loser in indischen Geschichten verlieren meist auf Grund einer bestimmten Entwicklung und besonderer Umstände und handeln darum auch so, wie sie es tun. Das empfinde ich nicht als berechnend oder bösartig, und gerade dieser Aspekt kommt in “Vishnus Tod” besonders deutlich zur Geltung (bei den Nachbarinnen Parthak und Asrani).

Wohl genau wegen dieser Wahrnehmung indischer Geschichten hat mich auch das doch sehr extrem Visionäre und Surreale des Buches überhaupt nicht gestört; ich fand es stimmig und atmosphärisch.

Besonders gut gefallen hat mir, hier mal Aspekte eingebracht zu finden, die ich in anderen Geschichten bislang nicht entdeckt habe. Einmal die Prostituierte Padmini, auch wenn diese für mich ein bisschen blass geblieben ist, und dann das Vorkommen muslimischer Nachbarn, Umgang und Meinung unter- und voneinander. Außerdem ist dieser Roman der erste, den ich gelesen habe, in dem die typischen Bollywoodfilme eine gewisse Rolle spielen. Ist mir nur aufgefallen, einen Bezug dazu habe ich nicht – denn während ich indische Romane bislang durchweg sehr gerne lese, finde ich Bollywood grässlich.

Übrigens hat “Vishnus Tod” mir ein bisschen das Essen verdorben. Ich hatte knapp die Hälfte gelesen, es schien die Sonne und mir war so ein bisschen danach, summend durch die Gegend zu laufen. Ich habe also Ylang-Ylang-Öl in meine Duftlampe gekippt und es mir schließlich mit leckerem indischen Essen gemütlich gemacht (Hähnchenfilets mit getrockneten Pflaumen, Aprikosen, Bananen und Gemüse in milder Currysauce, dazu Chapattis mit Knoblauch und Ghee – yamm!), um so richtig stilecht im Buch weiterschwelgen zu können. Dummer Zeitpunkt, denn das war in etwa genau die Hälfte, ab der das gesamte bisher aufgebaute Bild, trotz aller Tragik doch auch angenehm träumerisch und spöttisch zugleich, zu kippen begann und das ganze Drama eskalierte. Hmpf.

Einzig nicht so gelungen bei diesem Buch ist die Übersetzung. Das häufige Vorkommen von “wallah” empfand ich als ausgesprochen nervig. Da hätte man für die deutsche Ausgabe wenigstens ein paar entsprechend anders übersetzen können – so wie ich auch nicht verstehe, warum zum Beispiel das Wort für Rettich einmal direkt verwendet wurde, im nächsten Satz als Rettich übersetzt wurde und wegen der einmaligen Verwendung im Satz zuvor gleich im Glossar landete. Das sind überflüssige Aspekte, die auch nicht zur Gesamtstimmung beitragen, wenn man sie im Original stehen lässt, also wozu dann sowas?
Aber das ist letztlich alles Kritik an der Übersetzung, nicht am Inhalt.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, wobei ich es nicht unbedingt “Indien-Einsteigern” empfehlen würde. Am besten liest man erst den einen oder anderen sonstigen indischen Roman, und wenn man für diese seine Liebe entdeckt, ist man sicherlich auch mit “Vishnus Tod” sehr gut beraten.

Dieser Titel wurde mit der “Corine” 2001 ausgezeichnet.

Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

“Der Gott der kleinen Dinge” ist das bislang merkwürdigste Buch, das ich aus Indien gelesen habe. Dieser Debütroman von Arundhati Roy erlangte internationale Bekanntheit, wobei ich gleich zu Anfang gestehen muss, dass mir der Grund dafür nicht so ganz eingängig ist.

Das Ganze beginnt mit Rahel, die nach Jahren zurück in ihr Elternhaus fährt, weil ihr Zwillingsbruder Estha, der seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, sich derzeit dort aufhält. Doch umso tiefer man Einblick nimmt in diese ungewöhnliche Familie und umso näher man den familiären Geheimnissen kommt, desto (er)drückender wird die Stimmung …

Ich glaube, was mich an diesem Buch so stört, ist vor allem die Holzhammermethode in westlichem Stil. Üblicherweise – ich habe ja nun schon einiges über indische Romane erzählt – sind die einzelnen Romane für mich so kraftvoll wegen der kleinen Dinge, die hier Titel gebend sind. Ich habe noch keinen indischen Roman gelesen, in dem das Kastensystem, Armut, Vorschriften (echte sowie “selbst gemachte”), der Unterschied zwischen den unterschiedlich Religiösen, Glaube und Aberglaube sowie viele kleine Aspekte, die den indischen Romanen in praktisch jeder Zeile Leben einhauchen, thematisch fehlen würde.

Bei “Der Gott der kleinen Dinge” wurde das Pferd allerdings aus meiner Sicht von der falschen Seite her aufgezäumt. Sehr langatmig, weitschweifig, mit zahllosen Bildern, Vergleichen, Metaphern, Beschreibungen wird eine Familiensaga im kleinen Stil aufgebaut und ihre Geheimnisse werden nach und nach gelüftet, eher entblättert, so dass sich am Ende der Zwiebelschale eine Tragödie ergibt.

Sicher, das Ganze spielt in Indien und alle Kritikpunkte oder auch Eigenheiten, die man Indien zuschreiben kann und die ich vorhin schon erwähnte, finden auch hier Eingang. Aber sie werden beschrieben, sind nachvollziehbar für den Leser, aber nicht erfahrbar durch die Lektüre. Immer wird durch den allgemein beobachtenden Erzähler eine Distanz gehalten, die es einem zusätzlich schwer macht, in die Geschichte zu finden.

Wer es mit den “echten” Dingen zwischen den Zeilen nicht so hat oder sich generell (noch) nicht für die indischen Romane erwärmen kann, aber ein Herz für Familientragödien und ähnliches hat, der wird sich mit diesem Roman bestimmt wohl fühlen. Das erklärt auch, warum dieser Roman die Lager spaltet – die einen finden es großartig, die anderen sehr bescheiden. Ich glaube, die Leser, die dieses Buch großartig finden, kennen sich mit indischen Romanen entweder nicht so aus, mögen lieber am westlichen Stil orientierte Bücher lesen oder in ihrem Fokus steht einfach die erzählte Tragödie.

Zugegeben, wer sich bislang eher mit Familiendramen beispielsweise aus Australien oder Schottland kennen gelernt hat, findet in “Der Gott der kleinen Dinge” viel Neues auch abseits der Kulisse, und damit lohnt auch die Lektüre auf jeden Fall. Wer hingegen vor allem all die kleinen Dinge in der indischen Literatur bereits lieben gelernt hat, bleibt bei diesem Buch – um bei der Bildhaftigkeit zu bleiben – eher ratlos vor der Schale als vor der Zwiebel sitzen.

Anne Enright: Das Familientreffen

„The Gathering“ von der irischen Autorin Anne Enright gewann den Man Booker-Preis 2007. Nicht zuletzt deswegen und wegen der Jury-Begründung, in der es beispielsweise heißt: „Ein starkes, unbequemes und zuweilen sogar wütendes Buch … Ein schonungsloser Blick auf eine trauernde Familie in harter, beeindruckender Sprache … Ein sehr lesbarer Roman.”, machte der Roman auch deutschsprachige Leser neugierig. Im September 2008 erschien das Buch dann auch unter dem Titel „Das Familientreffen“ bei der DVA als Hardcoverausgabe in deutscher Sprache und die neugierigen Lesefreunde sind aufgefordert, ihre Nase in die 343-seitige Geschichte zu stecken und die Ich-Erzählerin Veronica zu begleiten.

Veronica ist außer sich vor Zorn, Trauer, Verwirrung, schlicht angefüllt mit allen denkbaren Emotionen, die man sich nur vorstellen kann. Ihr Lieblingsbruder Liam hat sich das Leben genommen, einfach so, ohne Abschied zu nehmen oder Gründe zu nennen. Veronica trifft der Verlust hart, aber auch die Tatsache an sich, dass sich überhaupt jemand aus ihrer Familie das Leben genommen hat. Liam scheint für eine solche Aktion der Naheliegendste gewesen zu sein, und doch trifft Veronica diese Nachricht bis ins Mark. Obwohl ihre Mutter noch lebt und Veronica eines von neun überlebenden Kindern ist (zieht man die verstorbenen Geschwister und die zahlreichen Fehlgeburten der Mutter ab), bürdet sie sich doch die meiste Arbeit auf: Sie kümmert sich um die Beerdigung, organisiert sie, delegiert Aufgaben und versucht, die Familie zu diesem Anlass zusammen zu bringen. Parallel dazu stellt sie sich die Frage nach dem Warum. Doch Veronica arbeitet damit nicht nur Liams Selbstmord auf, sondern sein gesamtes Leben, das Leben ihrer Mutter und ihrer Geschwister, sogar das Leben ihrer Großeltern – all das, um letztlich auch den Schlüssel zu ihrem eigenen Leben und ihrem eigenen Ich zu finden. Die Definition, verheiratet und Mutter zweier Kinder zu sein, ist Veronica plötzlich nicht mehr genug, vielmehr erscheint ihr diese Definition absurd. Veronica macht sich auf die Suche nach mehr, nach eigentlich allem …

Ein simpel erscheinendes und dennoch sehr aufrührendes und spannendes Thema, das den Mittelpunkt von Enrights Roman darstellt. Rasch wird man von der Geschichte gefangen genommen, die keineswegs poetisch, plätschernd oder sonstwie gemächlich erzählt wird, sondern mit dem ganzen Groß an Emotionen und Fragmenten, die Veronica durch den Kopf gehen. Der Leser ist auf diese Art und Weise erschreckend nah dran an ihrer Geschichte beziehungsweise der Suche nach derselben. Man bekommt die ganze Wucht von Wut und Trauer ins Gesicht geschleudert, die Verzweiflung, die Ohnmacht – dann jedoch auch die Nerven beruhigende Erinnerungen, die allerdings selten ein ebenso beruhigendes Happy End aufzuweisen haben.
Die Geschichte einer Familie und die eines Trauerfalls auf mehreren Hundert Seiten abwechslungsreich, authentisch wirkend und niemals rein klischeebeladen auszubreiten, erfordert eine Kunst, die Anne Enright mit Sicherheit beherrscht – nicht umsonst gewann sie den Booker-Preis.

„Das Familientreffen“ ist schon vom Thema her keine seichte Unterhaltungskost, für den zarter besaiteten Leser wird die Lektüre stellenweise und zunehmend jedoch auch anstrengend. Die Sprache beziehungsweise die zum Ausdruck gebrachten Gefühle sind fast durchweg derb, und immer mehr Raum nimmt der Sex in Enrights Roman einen Platz ein. Ist es anfangs die eher absurde Idee einer zarten Romanze der eigenen Großmutter lang vor Veronicas Geburt, so finden sich im Verlauf immer mehr sexuelle Themen ein. Die Abscheu Veronicas vor dem Sex mit dem eigenen Mann, diverse Liebhaber ihrer Jugend, erdachter Sex … und irgendwann nervt es einen dann schon.
Knapp zweihundert Seiten vergehen, bis erstmals die Sprache auf das ominöse Ereignis kommt, an das Veronica sich zu erinnern glaubt, und das sie verantwortlich für den Selbstmord des Bruders macht, dabei nicht wissend, ob dies wirklich geschah oder ebenfalls ihrer Fantasie entspringt. Immer mehr entfernt die Geschichte sich vom Aufhänger selbst und lässt die Erzählerin von einem Sex zum nächsten stolpern, von einer Derbheit in die nächste.

Dass Enright hohes literarisches Talent aufweist, ist keine Frage und auch in „Das Familientreffen“ eindrucksvoll belegt und für jedermann nachzulesen, und doch bleibt nach der Lektüre ungeachtet aller Lobeshymnen ein schaler Beigeschmack und die leise Frage, ob die Autorin sich an mancher Stelle nicht auch ein wenig verzettelt und zu dick aufgetragen hat.

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