Neil Gaiman: Erwachen (Sandman)

Die Comics aus der “Sandman“-Reihe, die soviel mehr zu bieten haben als bunte Bilder mit Sprechblasen, gehen mit diesem Sammelband in die letzte Runde. Mit etwa 180 Seiten zieht der Schöpfer Neil Gaiman sich aus den Geschichten der Ewigkeit zurück.

Dieser Band lässt sich in drei Teile gliedern.
Zu Anfang steht “Das Erwachen“ an sich. Morpheus, der Herrscher des Traumreiches und zugleich Dream von den sieben Ewigen, ist tot. Die Figur Dream lebt zwar erneut und zugleich fort in dem ehemaligen Jungen Daniel, doch Morpheus als Persönlichkeit ist weg. Alle, die je seinen Weg kreuzten – und das sind letztlich alle Menschen, da jeder stets träumt, zusätzlich viele Gestalten aus der Welt der Mythen und der Fantasie – treffen zusammen, um sich von ihm bei seiner Beerdigung zu verabschieden. Zugleich wird jedoch klar, dass das Ende von etwas stets auch der Anfang von etwas Neuem ist.

“Exile“ ist eine Geschichte, die zwar auch zur Reihe gehört, jedoch völlig unabhängig von den vorherigen Geschehnissen ist. Ein kaiserlicher Ratgeber aus dem asiatischen Raum wurde ins Exil geschickt. Bei seinem Weg quer durch die Wüste geht er schließlich verloren und tritt eine Reise in das Träumen an, zugleich eine Reise durch die Zeit. Durch den Verlust der vorherigen Realität erkennt er jedoch schließlich eine sehr wichtige Lebensweisheit: “Nur der Phönix steigt auf und fällt nicht. Und alles verändert sich. Und nichts geht wirklich verloren.“

“Der Sturm“ bildet das letzte Kapitel der Serie und widmet sich dem Werk William Shakespeares. Vor langer Zeit bat er um die anhaltende Muse und erhielt sie schließlich von einem der Ewigen. Als Gegenleistung sollte er zwei Werke allein für seinen Gönner, den Meister der Geschichten, verfassen, der selbst keine Geschichte hat. In dieser Geschichte der “Sandman“-Reihe erfüllt Shakespeare seine Aufgabe und verabschiedet sich mit dem Stück “Der Sturm“ von seinen besonderen Fähigkeiten. Im Verlauf der Zeit begann Shakespeare immer mehr an sich zu zweifeln, zu zweifeln, was in all den Stücken von ihm selbst sei und was lediglich durch einen Pakt gegeben. Doch “Der Sturm“ bietet ihm die Möglichkeit, dieses Kapitel abzuschließen, denn darum entsagt Prospero in seinem Stück der Zauberkraft: “Hin sind meine Zauberei’n: Was an Kraft mir bleibt, ist mein, und das ist wenig.“

Leser der vorangegangenen Bände haben den Untergang von Morpheus bereits erlebt und sind bei der Lektüre nun Zeuge einer Beerdigung, die zwar noch einige Fäden löst, jedoch keine wahre Bewegung mehr in der Geschichte erkennen lässt. Am interessantesten sind wohl die Reden bereits vertrauter Gesichter und die der Geschwister, zumal nicht alle von ihnen im Verlauf der Serie eine wirkliche eigene Stimme bekamen. Endlich kommt man beispielsweise Despair ein wenig näher, doch abgesehen von diesen kleinen Bonbons wird hier eigentlich eine Geschichte erzählt, die bereits einen sehr guten Abschluss gefunden hatte. Viel passiert nicht auf diesen Seiten, was bei der hohen Erwartungshaltung an einen Band dieser Reihe letztlich zur Enttäuschung führt.
Vielleicht hatte Gaiman Schwierigkeiten, loszulassen und sich zu verabschieden. Vielleicht ist darum auch “Exile“ die nächste Geschichte, in der es um eben solche Dinge geht und die daher den Abschluss eines Epos aus einer völlig losgelösten Sicht- und Zeichenweise ermöglicht.
Einen kleinen Rückblick in die Geschichte von Morpheus und den Ewigen bietet schließlich die letzte Geschichte um Shakespeare. Ein letztes Mal im “Sandman“ läuft Gaiman hier zur Hochform auf, wenn es darum geht, Fantasie Grenzen sprengen zu lassen und nicht zu erklären, zu analysieren und zu deuten, sondern einfach erleben zu lassen. Der dargestellte Shakespeare ist ein Mensch, dem es selbst nicht am Drama fehlt, der sich unzulänglich fühlt und sich seiner Dinge zugleich so sicher und so unsicher ist. Hier zeigt sich die Kritik der Außenwelt an seinen Werken, spricht Shakespeare mit einem Freund über Marlowe, der angeblich wahrer Autor von Shakespeares Werken sein soll, wenn man die existenten Theorien verfolgt, hier trifft man sogar auf den Revolutionär Guy Fawkes und spinnt bei einem freundschaftlichen Spaziergang den Satz, der seinen Weg in einem ganz anderen Comic und dessen späterer Verfilmung fand: “Remember, remember, the fifth of November – gunpowder, treason and plot“ – ja, auch “V wie Vendetta“ hat somit Raum in dieser Erzählung, auch wenn dieser Raum sich nicht auf V, sondern auf Guy Fawkes bezieht.

Insgesamt, so kann man wohl erkennen, ist dieser abschließende Band des Epos einer, der in die Reihe passt, in dem man Gaimans Fantasie ebenso erkennt wie die Geschichte, die nun nach 75 Einzelheften abgeschlossen wurde.
Dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack, der nicht allein von dem Bedauern herrührt, dass es nun vorbei ist und neue Geschichten ihren Raum finden müssen.
So sind die Zeichnungen nicht so schön wie bei den Vorgängerbänden, alles erscheint blasser, grober und mit vielen Schatten angereichert. Die Beerdigung Morpheus’ ist eine Geschichte, die nicht viel Neues hervorzubringen weiß, die anderen beiden Geschichten lehnen am “großen Ganzen“ an, mehr aber auch nicht. Sie stehen letztlich gut für sich, weisen – wie stets bei “Sandman“ zu finden – viele gute Gedanken und philosophische Ansätze sowie kleine Seitenhiebe auf Reales auf, dennoch sind sie nicht der Teil und Stil des “Sandman“, den man über all die Bände so liebgewonnen hat.
Immerhin jedoch fällt der Abschied dadurch nicht allzu schwer.

Neueinsteiger sollten natürlich nicht hinten anfangen, dennoch eignet sich dieser Band durchaus, wenn man die erste Geschichte ausklammert. Deren Inhalt nämlich bleibt nebulös, wenn man nicht um die Zusammenhänge weiß.
Für alle anderen Leser ist “Das Erwachen“ ein guter Abschluss mit einigen Highlights, der dennoch ein wenig enttäuscht aufgrund seines Inhalts und des verwendeten Zeichenstils.

Neil Gaiman: Die Gütigen II (Sandman)

Mit den Einzelheften 57 bis 63 wurde die Geschichte begonnen, die letztlich zur Zerstörung von Morpheus, dem Herrscher über das Traumreich, führen sollte. Zusammengefasst wurden sie im ersten Teil des Sammelbandes “Die Gütigen“.
Der zweite Teil umfasst die ursprünglichen Einzelhefte 64 bis 69 und führt die Geschichte zu Ende.

Um diesen Band verstehen zu können, muss man die vorangegangenen Geschehnisse kennen:
Hippolytas Sohn Daniel wird entführt. Hippolyta ist außer sich, verrennt sich in einen Wahn und macht sich schließlich auf, um Rache an dem zu nehmen, dem sie die Schuld für den Verlust ihres Sohnes gibt: Morpheus. Hippolytas Suche findet ein Ende, als sie auf die Gütigen, auch als Eumeniden und Furien bekannt, trifft. Sie sind gewillt, Hippolytas Wunsch nach Rache nachzukommen und sie haben die Macht dazu. Den Eumeniden ist es gestattet, Blutschuld zu rächen und Morpheus machte sich einst dieses Vergehens schuldig.

Im vorliegenden Sammelband nun ist dem Leser von Anfang an klar, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen wird. Morpheus schickte Gesandte, um den Jungen Daniel zu finden. Das Kind wird auch gefunden, doch für eine Umkehr der bereits eingeläuteten Rache ist es bereits zu spät. Die Furien dringen in das Traumreich ein und beginnen, es zu zerstören. Morpheus versucht, das Reich zu retten und ist bereit, sich selbst dafür zu opfern. Zahlreiche Figuren, die bereits im Sandman-Zyklus auftraten, spielen eine Nebenrolle und fast alle versuchen sie, Morpheus vor seinem drohenden Ende zu bewahren, während andere sich todesmutig den Furien entgegen stellen, um die Traumwelt zu retten. Morpheus hingegen will gar nicht gerettet werden. Selbst seine Schwester Death, der Tod höchstpersönlich, muss dies schließlich einsehen.
Doch der Tod ist ohnehin lang nicht das Ende einer Geschichte …

Die Geschichte, die in den Bänden erzählt wird, kann getrost als Epos bezeichnet werden. Obwohl Einzelschicksale durchaus Bedeutung haben und derartige Charaktere wiederholt auftreten, ist es letztlich die Geschichte der Existenz, des Lebens und des Todes. Figuren, die älter als die Götter sind, agieren ebenso wie Götter aus verschiedensten Mythologien selbst. Und als wäre dies noch nicht großartig genug, kommen Gestalten aus Traum, Wunsch und Fantasie hinzu und bereichern die Reihe um noch einmal einiges mehr.
Doch vor allem in der Geschichte des Traums selbst, in der Erzählung von Morpheus’ Untergang, steckt neben der Tragik stets auch die Hoffnung, und ein Buch, das “nur“ ein Comic ist, vermag es, dem Leser einen kleinen Hauch der Ewigkeit, wie sie möglicherweise ist oder sein kann, verstehen zu lassen – großartig!

Für Einsteiger in die Reihe eignet sich dieser Sammelband im Grunde nicht. Zunächst einmal sollten die Geschehnisse aus dem ersten Sammelband unbedingt bekannt sein, um seinen Nachfolger verstehen zu können, zum anderen spielen hier viele zentrale Figuren der Serie nur eine Nebenrolle, deren Bedeutung man kaum einzuordnen weiß, wenn man sich in dem “Sandman-Universum“ praktisch nicht auskennt.

Für alle anderen ist dieses stilvolle Softcover-Buch jedoch eine wundervolle Empfehlung, für alle Fans der Reihe ein wirkliches Muss. Auch, wenn jemand das Träumen längst verlernt hat – mit der “Sandman“-Reihe fängt jeder wieder damit an.

Neil Gaiman: Die Gütigen (Sandman)

Die Sandman-Reihe hat sowohl bei Comic-Fans als auch bei solchen von Neil Gaiman seit Jahren einen gewissen Kultstatus. Ursprünglich als übliche Comic-Hefte auf dem Markt, sind nun auch Sammelbände erhältlich. Dies ist auch deshalb sinnvoll und erfreulich, weil die Sandman-Bände dazu neigen, ausverkauft zu sein.
Der vorliegende Sammelband enthält die ursprünglichen Hefte 57 bis 63. Angegeben wird die Seitenzahl häufig mit ungefähr 150, tatsächlich sind es jedoch über 190 Seiten, mit denen diese Sammlung aufwartet. Zählen muss der Leser, der es genau wissen will, allerdings selbst, da keine Seitenzahlen vorhanden sind.

Im Zentrum der in diesem Sammelband erzählten Geschichte stehen “Die Gütigen”, auch bekannt als die Furien, Erinnyen oder Eumeniden. Ihre Namen sind in dieser Geschichte andere als die in der griechischen Mythologie, doch ihre mythologische Bedeutung besteht: Es handelt sich um drei Frauen drei verschiedener Lebensalter. Die eine spinnt den Lebensfaden, die zweite misst ihn ab und die dritte schneidet ihn durch.
Mit diesen Tätigkeiten, die über Leben und Tod entscheiden, verwoben ist auch Hippolyta, als ihr Sohn Daniel verschwindet. Albträume führen sie zu den Frauen, doch Hippolyta ist noch nicht bereit, Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Immer wahnhafter wird Hippolytas Erleben, und als sie schließlich erfährt, dass ihr Sohn tot ist, macht sie sich auf, um die Furien zu finden, denn sie will Rache.

Neben dieser übergreifenden Erzählung steht Dream, einer der sieben Endlosen, die älter als die Götter sind, immer wieder im Vordergrund. Etwas braut sich zusammen, wird geschehen und beschwört Düsternis herauf – doch die Auflösung findet sich nicht im vorliegenden Band.
Auch andere Figuren, die eine Verbindung zu Hippolyta, Dream oder beiden haben, bekommen in diversen Nebenschauplätzen Raum für ihre Geschichten. Diese stehen im Grunde für sich, führen letztlich aber alle wieder zurück zu der großen Geschichte von Hippolyta und ihrem Rachebedürfnis.

Zahlreiche Zeichner waren an der Umsetzung der Sandman-Reihe beteiligt, und so ist es kein durchgängiger Zeichenstil, der den Leser erwartet, sondern ein sich stets ändernder. Nach einer kurzen Eingewöhnung erscheint dies in Anbetracht der unterschiedlichen Geschichten innerhalb der Reihe passend und in diesem Band fallen auch die unterschiedlichen Schriftarten, die je nach Charakter oder Erzählstrang variieren, stark auf. Doch auch diese sind nach einer gewissen Eingewöhnung sehr hilfreich, die komplexe Erzählung erfassen und zuordnen zu können.

Die Geschichte, die in den Bänden erzählt wird, kann getrost als Epos bezeichnet werden. Obwohl Einzelschicksale durchaus Bedeutung haben und derartige Charaktere wiederholt auftreten, ist es letztlich die Geschichte der Existenz, des Lebens und des Todes. Figuren, die älter als die Götter sind, agieren ebenso wie Götter aus verschiedensten Mythologien selbst. Und als wäre dies noch nicht großartig genug, kommen Gestalten aus Traum, Wunsch und Fantasie hinzu und bereichern die Reihe um noch einmal einiges mehr.

Neben den Coverabbildungen der Sandman-Hefte beinhaltet das Softcover-Buch auch diverse Kommentare von Neil Gaiman und Cover-Illustrator Dave McKean dazu. Das mehrseitige Vorwort wurde von Frank McConnell verfasst.

Für Einsteiger in die Reihe eignet sich dieser Sammelband nur bedingt. Während der Vorgänger World’s End wenig mit den Hauptfiguren der Reihe arbeitet und praktisch nichts voraussetzt, sind die sieben Endlosen, vor allem Dream, hier sehr wichtig. Auch sind zwar einige Dinge durch den Zusammenhang erkennbar, doch grundsätzlich wird einiges an Vorwissen vorausgesetzt.

Insgesamt jedoch in jedem Fall ein lohnenswertes und sehr stilvolles Buch mit hohem Anspruch an den Leser. Ein Hinweis darauf, dass es sich um einen Comic für Erwachsene handelt, wäre – wie auch Seitenangaben – wünschenswert gewesen, sind jedoch beide keine Bedingung für eine inhaltlich geniale und von der Aufmachung her ansprechende Lektüre.

Neil Gaiman: World’s End (Sandman)

Die Sandman-Reihe hat sowohl bei Comic-Fans, als auch bei solchen von Neil Gaiman seit Jahren einen gewissen Kultstatus. Ursprünglich als übliche Comic-Hefte auf dem Markt, sind nun auch Sammelbände erhältlich. Dies ist auch deshalb sinnvoll und erfreulich, weil die Sandman-Bände dazu neigen, ausverkauft zu sein.
Der vorliegende Sammelband enthält die ursprünglichen Hefte 51 bis 56. Tatsächlich jedoch liegen die darin enthaltenen Einzelgeschichten mit dem 158-seitigen Sammelband in der Form vor, in der sie ursprünglich auch gedacht waren.

Brant Tucker ist mit seiner Arbeitskollegin Charlene auf dem Weg von Seattle nach Chicago, als sie plötzlich – mitten im Sommer – in einen Schneesturm geraten. Brant setzt den Wagen vor einen Baum und macht sich nach dem ersten Schock auf den Rückweg zur Straße. Doch statt der Straße findet er ein Gasthaus, in dem er freundlich aufgenommen wird, auch wenn Brant verunsichert ist von den teils seltsam anmutenden Gestalten im Gasthaus. Es herrscht eine vertrauliche Atmosphäre, man kümmert sich sogleich um Charlenes Verletzungen und vertreibt sich die Zeit während des Sturms damit, Geschichten zu erzählen.

Die erste Geschichte erzählt ein Mister Gaheris, und er nennt diese Erzählung “Eine Geschichte aus zwei Städten”. Er nennt sie so, weil die Hauptfigur der Handlung, ein Städter durch und durch, seinen Weg verliert, schließlich zur Stadt zurückfindet, sie jedoch nicht wiedererkennt. Es scheint nicht dieselbe Stadt zu sein, bis der Protagonist erkennt, dass es durchaus seine Stadt ist – während sie schläft …
Nach dieser Geschichte, gezeichnet in eckigem und stark skizzenhaftem Charakter, ist es der Elf Cluracan, der seine Geschichte zum Besten geben will.
In “Cluracans Geschichte” berichtet er von seinem Leben im Dienste der Königin, kommt jedoch rasch auf die abenteuerliche Geschichte zu sprechen, die er in der Stadt Aurelia erlebte. Als Bote von seiner Königin dorthin geschickt, um eine Allianz zu verhindern, entdeckt er die Machenschaften des Herrschers, der sich nicht nur zugleich zum weltlichen wie geistigen Herrscher erhoben hat, sondern dessen Gier auch keine Grenzen kennt. Als Cluracan ihm – unwillentlich; die Prophezeiung sprudelt förmlich aus ihm heraus – verkündet, dass er fallen werde, die Toten sich zur Rache erheben und selbst die Geschichtsschreibung ihn vergessen würde, wirft man Cluracan in den Kerker. Doch er könnte diese Geschichte im Gasthaus am Ende der Welt nicht erzählen, wenn nicht alles doch noch einen guten Ausgang genommen hätte …
Der Schiffsjunge Jim hat lang darauf gewartet, seine Geschichte, die von “Hobs Leviathan”, je erzählen zu können und nimmt die Gelegenheit nun als Nächster im Gasthaus wahr. Von Geburt an berichtet er den anderen von seinem noch jungen Leben und einem großen Geheimnis: Jim hat einen leibhaftigen Leviathan gesehen. Doch so groß dieses Seemannsgarn auch zu sein scheint, so hat Jim doch noch ein viel größeres Geheimnis zu verraten …
Der Sucher, dem Brant nach einem kurzen Schlaf im Gastzimmer begegnet, erzählt ihm die Geschichte des “Goldjungen”. Ein begnadeter Junge, der Präsident wird und die Welt verändert, nach dessen Ableben ihm jedoch noch viele andere Amerikas, parallele Welten also, offenstehen.
Wieder bei den anderen, kommt Brant gerade rechtzeitig, um auch die Geschichte des Petrefax, Lehrling eines Meisterleichenbestatters, mitzubekommen. Er berichtet von seiner Ausbildung und dem erinnerungswürdigen Beiwohnen einer Luftbestattung in seiner Heimatnekropole.

Noch viele weitere Geschichten warten darauf, im Gasthaus erzählt zu werden, doch dann werden die Besucher Zeuge einer seltsamen Leichenprozession am Himmel. Riesige Gestalten wandeln mitten durch den Himmel, und als die Prozession vorüber gezogen ist, hat sich auch der Realitätssturm gelegt, vor dem sie alle Zuflucht im Gasthaus suchten, ohne auch nur zu wissen, was ein Realitätssturm ist. Der Ausflug in das Gasthaus am Ende der Welt endet – und die Welten warten darauf, dass neue Geschichten in ihnen erlebt werden.

Wie der Beschreibung schon zu entnehmen ist, verbindet dieser Band verschiedene Geschichten, die nur eines gemeinsam haben: Sie werden im Gasthaus am Ende der Welt erzählt. Zuhörer wie auch Erzähler könnten nicht unterschiedlicher sein: Menschen aus völlig verschiedenen Zeiten befinden sich zeitgleich im Gasthaus und teilen diesen Aufenthalt auch mit Elfen, Zentauren und anderen Gestalten.
Doch selbst diese verblüffende Zusammensetzung der Geschichten ist es noch nicht, die den Reiz dieses Comics ausmacht. In vielen Geschichten stecken wiederum Geschichten – so findet die Geschichte von Petrefax etwa ihren Platz in den Geschichten, die im Gasthaus erzählt werden, doch berichtet er darin auch von den ihm von anderen erzählten Geschichten, die wiederum von Geschichten handeln, die diesen erzählt wurden. Und als wäre das noch nicht genug, bleibt zu bedenken, dass die Leser des Comics im Grunde nur einen Bruchteil, eben Band 51 bis 56, einer Geschichte lesen, die Neil Gaiman wiederum in Comicform zu erzählen weiß. Kurzum: Grandios!

Neben den Coverabbildungen der Sandman-Hefte beinhaltet das Softcover-Buch auch diverse Kommentare von Neil Gaiman und Illustrator Dave McKean dazu. Ein volles Dutzend Zeichner war an der Realisierung der Comics in diesem Band beteiligt, und zu guter letzt ist es Stephen King, der das Ganze mit einem mehrseitigen Vorwort versehen hat.

Insgesamt ein sehr stilvolles Buch, das es mehr als wert ist, gelesen zu werden. In der deutschen Ausgabe fehlt die Erwähnung, dass es sich um einen Comic für Erwachsene handelt, doch da es eher der Stil und der Anspruch des Comics statt blutigen Metzelszenen sind, die dazu primär veranlasst haben, ist dieses Fehlen vernachlässigbar.

Ob man die Reihe bereits kennt oder noch nie von ihr gehört hat: Dieser Band lohnt für Fans wie Neueinsteiger und vermag – ab einem gewissen Mindestalter – jüngere wie ältere Leser gleichermaßen zu fesseln.

Peter Bergting: The Portent

„The Portent – Zeichen des Unheils“ ist eine Comicserie des schwedischen Zeichners Peter Bergting, deren erster Band im März 2007 in deutscher Sprache als 136-seitiges Hardcover-Buch bei Cross Cult erschien. Dieser Sammelband enthält die ersten vier Hefte der Serie, die ursprünglich beim Image-Verlag in der USA erschienen sind.

Einst existierten die Welt der Lebenden und die der Toten recht friedlich nebeneinander, doch das gehört der Vergangenheit an. Die Welt der Toten fordert immer mehr Raum für sich und bedroht die Lebenden, die ihrerseits nicht bereit sind, den Platz zu räumen.
In einer Festung haben sich einige Seher zurückgezogen, nur beschützt von einem einzigen Mann namens Alkuin und begleitet von dessen Zögling, einem Mädchen namens Lin. Sie warten auf die Ankunft des großen Retters, des Helden, der die Bedrohung von den Lebenden nehmen kann.
Tatsächlich erscheint eines Tages auch ein junger Mann, doch obwohl dieser nur zu gern ein Held sein möchte, bestreitet er, der Auserwählte zu sein. Dennoch macht er sich mit Alkuin und Lin auf den Weg, seine ihm angeblich zugedachte Aufgabe zu erfüllen.
Doch dann stellt sich heraus, dass die Voraussetzungen, von denen die kleine Gruppe ausging, als sie sich auf den Weg machte, tatsächlich nicht ganz stimmen, und quasi aus Versehen ist es ausgerechnet der Auserwählte, der die Welt nicht rettet, sondern sie ins Unheil stürzt …

„The Portent“ ist eine wunderschön ausgearbeitete und detailliert in verschiedenen, harmonisch miteinander agierenden Zeichenstilen umgesetzte Fantasy-Serie. Sie ist düster, aber zugleich heroisch, melancholisch und zugleich actionreich.
Den Hintergrund bildet eine Welt, die skandinavische Einflüsse aufweist, ebenso jedoch auch asiatische. Das Ergebnis ist eine in sich schlüssige und sehr ansprechende Atmosphäre, in der man sich Dämonen stellt und Ungeheuer bekämpft, ohne in das Slasher-Subgenre abzurutschen und in der Feen und Magie ihren Platz haben, ohne das gesamte Setting ins Kitschige abgleiten zu lassen.

Ein bisschen Mystik, eine Prise Fantasy, ein Hauch Horror – das sind die drei Hauptkomponenten, die den Zauber der Serie, zumindest der ersten vier Hefte, die hier beurteilt werden, ausmachen. Bergting ist damit eine Gratwanderung gelungen, die etwas wirklich Neues und Innovatives für den Comicmarkt geschafft hat und man kann ohne Übertreibung sagen, dass die aufgebaute Atmosphäre in ihrer Intensität an Jim Henson erinnern, ohne sich jedoch an dessen Werk zu bedienen.

Eine abschließende Galerie mit sechs ganzseitigen Zeichnungen verschiedener Künstler lädt nach dem Abschluss der bislang erzählten Geschichte noch zu ein paar weiteren Blicken ein, außerdem enthält das Buch ein sehr interessantes Interview mit dem Künstler über fünf Seiten, wobei es sich um ein leicht verändertes Interview handelt, das 2006 für das Internetmagazin „Comicgate“ geführt wurde.

Wer mystische Comics liebt und mehr Freude an Tiefgang als an Action hat, der ist bei „The Portent“ genau richtig. Bergting erreicht zwar – zumindest aktuell – nicht den Zauber, den Neil Gaiman mit „Sandman“ kreiert hat, hat aber sicherlich das Potenzial, sich zumindest ähnlich zu entwickeln mit der Zeit … und das auf ganz eigenen Füßen.

Leider ist kein Band außer diesem bislang in deutscher Sprache erschienen, soweit ich weiß.

Neil Gaiman: Death – Der Preis des Lebens

Neil Gaiman mag ich ohnehin sehr gern, besonders gern mag ich allerdings seine “Sandman“-Comics. Es wäre jetzt ein bisschen diffus, alle Hefte oder Sammelbände dieser Serie einzeln vorzustellen, darum gibt’s an dieser Stelle quasi vertretungsweise einen kleinen Einblick in “Death – Der Preis des Lebens“.
Zur Erklärung vorab: Dieser Band versammelt Geschichten rund um Death, also den Tod persönlich, der in der “Sandman“-Reihe weiblich ist und im Grunde so gar nicht düster, sondern sehr tiefgründig und liebevoll. Death gehört genau wie die eigentliche Hauptfigur der Serie, Dream alias Morpheus, der Herrscher über das Traumreich, zu den sieben Ewigen. Die sieben Ewigen existieren – wie der Name schon verrät – ewig, ganz gleich, ob man an sie glaubt oder nicht. Neben Dream und Death sind das Destiny (Schicksal), Destruction (Zerstörung), Desire (Verlangen), Despair (Verzweiflung) und Delirium (Wahnsinn).
Vor allem Death ist bei den Lesern aber so beliebt, dass sie einen eigenen Comicband bekam, der 2004 bei Tilsner (Speedcomics) erschien, soweit ich weiß, aber mittlerweile schon nur noch gebraucht erhältlich ist.

Der sechzehnjährige Sexton hat die Nase von allem voll. Es ist nicht einmal so, dass er viele Probleme hätte, ihn vieles nerven würde oder ähnliches, nein, Sexton ist einfach gleichgültig und hat keinen Bock mehr. Wohlüberlegt verfasst er einen Abschiedsbrief am PC, absolut entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Seine Pläne werden jedoch von seiner Mutter Sylvia zunächst auf Eis gelegt, denn diese hat in einem manischen Anfall nichts besseres zu tun, als gut gelaunt die Wohnung zu putzen. Dieses Vorhaben geht sie derart bester Laune an, dass Sexton seine bisherigen Ergüsse auf dem PC abspeichert und das Haus verlässt, bis der Putzwahn sich gelegt hat – schließlich hat er es auch nicht allzu eilig, sein Vorhaben zu sterben in die Tat umzusetzen.
Auf einer Müllhalde rutscht er schließlich aus und gerät unter einen Kühlschrank. Ein fremdes Mädchen rettet ihn aus der misslichen Lage und da er ohnehin nicht viel besseres zu tun hat, begleitet er sie nach Hause. Dort macht er sich aber bald aus dem Staub, als er erkennt, dass das fremde Mädchen im Gothic-Outfit mit Zylinder auf dem Kopf offenbar nicht ganz richtig im Kopf ist – oder besser gesagt: Er versucht, sich aus dem Staub zu machen.
An der Haustür wartet jedoch bereits eine uralte Obdachlose auf ihn, die ihn mit einer abgebrochenen Glasflasche in der Hand zum Rückzug zwingt und völlig unfreiwillig befindet sich Sexton plötzlich in einer Geschichte, in der das fremde Mädchen, das sich für den Tod hält, scheinbar immer guter Dinge ist, alles von den Leuten geschenkt bekommt, der angeblich mehrere Hundert Jahre alten Obdachlosen verspricht, deren Herz zu suchen und schließlich zusammen mit Sexton von einem Eremiten entführt und eingesperrt wird.
Sexton versteht die Welt nicht mehr.

Die “Sandman“-Reihe ist bekannt dafür, auf einem Niveau zu agieren, das viele einem Comic (hier besser: Graphic Novel) von vornherein absprechen wollen. Sie ist aber auch bekannt dafür, Sinnfragen zu stellen und auf ihre Art und Weise zu erklären, ist fantasievoll, mystisch, traurig, erhebend und dramatisch – alles das und viel mehr zugleich. Was meist jedoch vorherrscht, ist die Schwere, das Düstere des Ganzen. Nicht so bei Death.
Death hält sich nicht für den Tod, sie ist der Tod, wie Leser der Serie längst wissen, doch mit den Erzählungen über den Tod, mit dem Gerippe mit Sense, hat sie nichts gemein. Alle hundert Jahre kommt das vermeintliche Mädchen, das so alt ist wie die Zeit, zu den Menschen und verbringt einen Tag als Sterbliche, um das Leben und das, was es zu bieten hat, stets mit Achtung zu behandeln. Nie soll sie vergessen, wovon sie die Lebewesen trennt, wenn sie sie abholen kommt. Und Death weiß das zu schätzen. Sie ist unbekümmert und immer freundlich, achtet auf die kleinen Dinge des Lebens, bedankt sich für alles und sorgt mit ihrer scheinbaren Naivität dafür, dass den Menschen, denen sie begegnet, das Herz aufgeht. Das Leben hält so vieles bereit, vor dem man leicht die Augen verschließt – und das erkennt auch Sexton im Verlauf der Geschichte.

Die farbigen Zeichnungen der Geschichte, die sich in mehrere Kapitel aufteilt, sind sehr detailliert und stimmungsvoll. Anders ist dies auf den letzten sechs Seiten des Comicbandes. Dort ist die eigentliche Geschichte längst beendet und stattdessen schließt sich “Death erzählt vom Leben“ an, ein kurzer Aufklärungscomic über HIV, andere Geschlechtskrankheiten und Safer Sex, präsentiert von Death, von einem anderen Künstler gezeichnet. Dieser Comic wurde von der Gesundheitsbehörde bereits als Broschüre herausgegeben und behandelt zweifellos ein wichtiges Thema, zudem scheint Death die ideale Person zu sein – wegen ihrer Lebensaufgabe und zugleich ihrer unbekümmerten Art -, um dieses Thema jemandem nahe zu bringen, dennoch passen sich die eher schwachen schwarzweißen Zeichnungen, der braune Hintergrund sowie der Inhalt nicht in den Comic ein und wirken deutlich deplaziert.

Nicht deplaziert, sondern hübsch gestaltet, dennoch aber überflüssig ist die Einleitung von Tori Amos, in der sich die Sängerin dem Charakter von Death in ihrer Wortwahl anzugleichen versucht mit dem Ergebnis, drei Seiten lang zu reden, ohne dabei irgendetwas zu sagen zu haben.

Insgesamt ist “Death: Der Preis des Lebens“ aber wohl einer der schönsten und zugleich leichtesten Bände der “Sandman“-Reihe, dennoch stören Einleitung sowie der eingebrachte abschließende Aufklärungs-Comic und nehmen dem Buch einiges an Flair.

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