Anthologie: Necrophobia

Zunächst erschien das Hörbuch Necrophobia, von dem es mittlerweile auch einen zweiten und dritten Teil gibt. Erst nach dessen Erfolg entstand 2005 das Buch, in dem sich zwanzig Geschichten des phantastischen Genre tummeln, die von Frank Festa zusammengestellt wurden. Geplant war, einmal jährlich eine solche Anthologie herauszubringen. Aktuell ist es so, dass im zweiten Quartal 2010 der dritte Band mit dem Untertitel “Zart wie Babyhaut” erscheinen soll (Necrophobia 1 trägt den Untertitel “Meister der Angst”, der zweite Teil den Untertitel “Die graue Madonna”).

Das 432 Seiten umfassende Buch spricht bereits beim Ansehen an. Das Coverbild ist atmosphärisch gestaltet und angenehm dezent, der Umschlag ist robust, die Schriftgröße ist die übliche und angenehm zu lesen, das Inhaltsverzeichnis befindet sich vorn und ermöglicht eine Orientierung auf den ersten Blick.
Im gesamten Buch sind praktisch keine Fehler zu finden, am Ende einer jeden Geschichte findet sich ein Urheberhinweis zur Übersetzung der Geschichte und auch zum Originaltitel sowie Erscheinungsdatum und ggf. das Original, aus dem die Geschichte entnommen wurde.
Am Ende des Buches befindet sich eine Danksagung des Herausgebers und auch diese lohnt es sich zu lesen. Selten genug – und insgesamt also ein wirklich hochwertiges Buch, auch wenn es nicht in Leinen gebunden ist oder ähnlich. ;)

Die Geschichten in dem Buch entstammen zwar allesamt dem phantastischen Genre, schon bei der Zuordnung zum klassischen Horror könnte man allerdings streiten. Daher sehe ich diese Geschichten auch eher unter dem breiter gefassten Begriff der Phantastik und unter diesem Aspekt kann man die Sammlung nur als wundervoll und ausgesprochen gelungen bezeichnen.

“In der letzten Reihe” ist die erste Geschichte des Buches. Es ist die Erzählung eines Mannes, der ins Kino geht und dort von dem Paar abgelenkt wird, das hinter ihm in der letzten Reihe seinem Liebesspiel nachgeht … oder nicht?
Diese Geschichte bietet dem Leser gleich zwei Überraschungen, die beide recht gelungen sind, auch wenn die Geschichte selbst vielen Genrefreunden mittlerweile bekannt sein dürfte. Diese Geschichte ist auch auf dem Hörbuch Necrophobia 1 vertreten.

Es folgt Die Stimme in der Nacht, in der ein seltsamer Mann immer wieder im Dunkel an ein Schiff heranrudert, um etwas Essbares zu bekommen. Nach und nach erzählt er den Schiffsleuten die Geschichte, die ihm und seiner Verlobten zugestoßen ist, bevor er schließlich wieder ins Dunkel der Nacht rudert.
Diese Geschichte ist kurzweilig, aber nicht gerade gruselig oder spannend. In die Sammlung passt sie trotzdem, vielleicht schon allein deshalb, weil es eine klassisch altmodische Geschichte ist, die sich mit Seemannsgarn verbindet.
Diese Geschichte ist auf dem Hörbuch Necrophobia 2 vertreten.

Die dritte Geschichte, Die Banner der Hölle, ist eine der Geschichten, die mir am meisten zugesagt haben.
Zu dritt versuchen ein paar Freunde, kleine Roboter zu entwickeln, die dem Menschen implantiert werden, um Krankheiten aller Art von vornherein zu eliminieren. Nachdem jemand aus diesem Kreis verstirbt, ändern sich jedoch die Ziele der verbliebenen Partner und aus der Idee zu ImmunityWorks wird die Idee von MindWorks, das Menschen befähigen soll, mit Toten zu kommunizieren. Doch wie so oft bei Experimenten verläuft auch dieses nicht ganz so wie geplant …
Eine phantastische Vision zwischen Horror und Science Fiction!

Im mindesten gewöhnungsbedürftig ist Die Kunst des Tiphytsorn Glocque.
Sie erzählt die Geschichte eines recht abartigen Künstlers, der nicht nur einen dekadenten Lebensstil führt, seine Eltern ermordet hat und sadistische Neigungen hat, sondern Ruhm zu erlangen versucht, indem er mit der Hilfe seiner Schwester nie da gewesene Körperbemalungen schafft.
Das Ganze spielt in einem eher fantasy-orientierten Setting und glänzt vor allem durch sexuelle Anspielungen und Kraftausdrücke verschiedener Art.
Versöhnlich stimmt jedoch das Ende der Geschichte, das mit den recht seltenen Elementen der Synästhesie arbeitet und diese erstaunlich gut in die Geschichte bettet. Dies ist wohl auch in erster Linie der Grund, dass diese Geschichte in der Sammlung ihre Berechtigung findet.

Echten Horror in doppeltem Sinne bietet Eine Halloween-Überraschung.
Ein Gynäkologe, der kurz vor der Eröffnung seines neuen ambulanten Frauenzentrums steht, ist allein zu Hause und öffnet den Kindern, die Süßigkeiten wollen. Verwundert stellt er fest, dass die meisten Kinder vor seiner Tür Blecheimer in der Hand haben, um die Süßigkeiten zu sammeln. Irgendwas an den Kindern macht ihnen Angst, doch als er sieht, dass einige Eimer bereits mit Blut gefüllt sind, ist das weder der Anfang, noch das Ende seiner Odyssee …
Sicherlich eine Geschichte, über die man streiten kann, hat sie doch einen deutlich erhobenen Zeigefinger, der nicht jedem gefallen dürfte. Die Idee jedoch ist sehr gut, und umgesetzt wurde sie ebenso!

Dem immer wieder gern aufgegriffenen Thema von Gott, Kirche und Dämonen widmet sich, wie der Titel schon andeutet Von Heiligen und Mördern. Diese Geschichte ist mit 60 Seiten die längste in dem Buch und sie ist weniger grausam als klassisch und regt auch heute und trotz der phantastischen Elemente doch auch ein wenig zum Nachdenken an – wenn man möchte.

Rettungslos ist hingegen mit vier Seiten die kürzeste Geschichte der Sammlung und der Horror zeigt sich eigentlich nur, wenn man selbst schon immer fürchtete, lebendig begraben zu werden oder man in einen solchen Gedanken abtauchen kann.

Die Anthologie enthält insgesamt zwanzig Geschichten des phantastischen Genres, die sehr unterschiedliche Themen und Absichten besitzen und daher sicherlich für einen großen Leserkreis interessant sind. Splatterelemente und Sex sind in vielen Geschichten deutlich enthalten, so dass man vielleicht verzichten sollte, wenn man derartige Szenen nicht lesen mag. Ansonsten jedoch deckt die Sammlung eine Vielzahl Themen ab und auch, wenn es deutlich erkennbar stärkere und schwächere Geschichten gibt, so ist doch an sich keine als wirklich schlecht zu bezeichnen.

Savage Island

Der Untertitel und die Tatsache, dass dieser Film keine Jugendfreigabe hat, deutet schon die Richtung an, in die es geht: in die eines Horrorfilms, dessen Laufzeit von einigen Leichen gepflastert ist.

Julia und Steven fahren zusammen mit dem neugeborenen Kind Alex zu Julias Eltern und Bruder, der Familie Young, die auf einer einsamen Insel wohnt. Julias Vater plant, dort ein großes Ferienparadies einzurichten, sehr zum Missfallen der eigentlichen Einwohner. Diese leben seit Generationen, mittlerweile jedoch dezimiert auf eine inzestuöse Familie, in hinterwäldlerischer Art und Weise in einer Hütte auf der Insel und wollen ihre Ruhe behalten. Die beiden Parteien bringen sich weder Toleranz noch Verständnis entgegen, doch als Julias Bruder Peter bekifft und ohne eingeschaltete Scheinwerfer mit dem Auto durch das Unterholz brettert, geschieht ein Unglück, das die schon lange schwelende Katastrophe zum Ausbruch bringt: Peter fährt vermeintlich ein Tier an und hält nicht einmal an, um nach ihm zu sehen. Tatsächlich handelt es sich bei dem Unfallopfer jedoch um den jüngsten Sohn der Hinterwäldlerfamilie Savage, der so schwer verletzt wird, dass er keine Chance zu überleben hat. Die Savages gehen am Folgetag zum Haus der Familie Young und fordern als Entschädigung für ihr totes Kind das von Julia und Steven. Man verweigert ihnen die Herausgabe von Alex und die Familie Young beschließt vorausschauend, die Insel besser schnellstmöglich zu verlassen. Doch die Katastrophe nimmt ihren Lauf …

Der Film von Jeffery Scott Lando stammt aus dem Jahr 2003, doch erinnert er stark an Horrorstreifen der Siebziger, allen voran an Wes Cravens “The hills have eyes“, der noch 2006 als Neuverfilmung und mit dem übersetzten Titel “Hügel der blutigen Augen“ in den Kinos lief: Zwei völlig unterschiedliche Parteien treffen aufeinander, bei denen ein Konsens von vornherein ausgeschlossen ist, und die von Anfang an gezeigte Attitüde entscheidet letztlich über Gewinner, Verlierer und “Geläuterte“.

Angenehm fallen bei “Savage Island“ vor allem die Hinterwäldler auf. Diese sind nicht so mutiert oder entstellt, dass man sie sogleich als Schrecken der Insel identifizieren könnte. Gerade durch ihre so schlichte Art, die durch klare Regeln und tatsächlich auch ein klar erkennbares soziales Gefüge akzentuiert wird, geraten die Savages nicht schlicht zu den “Bösen“, jedoch ebenso wenig zu den bedauernswerten Kreaturen. Diese Tatsache gemischt mit dem Ansinnen des Familienoberhauptes der Youngs, die Natur zu Gunsten eines Tourismuszieles anzugreifen, was eher Antipathie beim Zuschauer hervorrufen könnte, lässt die bestehenden Fronten durchweg realistisch erscheinen und die Frage des Identifikationspotenzials und der letztlichen Sympathieträger praktisch bis zum Ende ungeklärt.

Dass “Savage Island“ zu Recht keine Jugendfreigabe bekam, liegt wohl eher nicht an ausgesprochen blutigen und detaillierten Szenen. Vielmehr ist der gebotene Horror ein stellenweise erschreckend realistischer, auch wenn an vielen Stellen des Films unverkennbar ist, dass es sich hierbei um eine Low Budget-Produktion, ein recht typisches B-Movie, handelt.
Unterstützt wird die realistische Atmosphäre durch die Bilder selbst, bei denen fast die gesamte zweite Hälfte des Films grob gekörnte und wie durch ein Nachtsichtgerät wirkende schwarzweiße Aufnahmen vorherrschen. Diese Suggestionen erinnern vage an die Amateurkameras aus “Blair Witch Project“, der bekanntermaßen zu großen Teilen aus Art und Führung der Kamera sein Potenzial gewann.

Das Schauspiel ist für eine Produktion geringen Budgets insgesamt sehr positiv, und mit Don S. Davis, der vielen Zuschauern spätestens durch die “Stargate“-Serie als Lieutenant General George Hammond bekannt sein dürfte, anderen jedoch bereits aus Filmen wie “Needful Things“ oder der Serie “Twin Peaks“, ist sogar ein recht bekanntes Gesicht mit von der Partie.

Horror unterstützende Kameraführung, gutes Schauspiel, eine interessant aufbereitete Handlung – also wirklich eine gute Horrorfilmproduktion? Nicht ganz, denn mit allzu viel Logik darf man an manche Szenen des Films nicht herangehen und schon gar nicht alles hinterfragen. Doch selbst in diesem Punkt kann der Zuschauer ein Auge zudrücken, immerhin haben auch die eingangs erwähnten Filme der siebziger Jahre die konsequente Logik nicht immer gepachtet – macht auch nichts, denn der Film funktioniert, er wirkt, er bleibt lange im Gedächtnis.

Zusammen mit über zwanzig Minuten langen untertitelten Interviews, Audiokommentaren des Regisseurs, des Tonteams und der Schauspieler, Textbiografien und dem Angebot alternativen Artworks ist dieser Film durchaus empfehlenswert – und auf eine realistische Art sehr böse.

Stephen King: Blut und Rauch

“Blut und Rauch” ist ein Hörbuch, dessen Besonderheit gerade für King-Fans darin liegen dürfte, dass es diesen Titel ausschließlich als Hörbuch und nicht als Print gibt und auch zwei der drei Geschichten, in die man mit dieser Lesung eintauchen kann, bisher wohl unveröffentlicht waren (wobei mir nicht bekannt ist, welche bereits vorher veröffentlicht wurde und wo).

Die erste Geschichte erzählt von einem Mann, der sich in einem Restaurant mit seiner Ehefrau und deren Anwalt trifft, um die anstehende Scheidung zu besprechen. Statt dieser Besprechung erwartet ihn und seine Frau jedoch etwas völlig anderes …
Die zweite Geschichte berichtet von einem Schriftsteller, der sich in einem berüchtigten Spukzimmer eines Hotels einmietet, um über seinen Aufenthalt zu schreiben. Er selbst glaubt nicht an Geister, doch diese Meinung gerät rasch ins Wanken.
In der letzten Geschichte schließlich befindet man sich zusammen mit dem Protagonisten der Geschichte in einem Folterkeller, in dem der Gefangene Elektroschocks ausgesetzt wird. Ist eine Flucht möglich?

Alle drei Geschichten werden über den Titel miteinander verbunden, der bereits darauf hinweist, dass Zigaretten  eine besondere Rolle in diesen Geschichten spielen. Anders jedoch als in der Kurzgeschichtensammlung, die es auf VHS zum Thema Rauchen von Stephen King gibt, bilden Zigaretten hier eher eine Randkomponente und haben keine unersetzliche Rolle.

Als Erzähler tritt Ulrich Pleitgen auf, an dessen Stimme und Stil man sich zunächst gewöhnen muss. Vor Ende der ersten Geschichte jedoch kann man beides problemlos akzeptieren und darüber hinaus gibt er den Geschichten eine ganz besondere Note, allen voran der Person des Oberkellners der ersten Geschichte.
Musik und Spezialeffekte fehlen bei diesem Hörbuch völlig und beides braucht es auch nicht.

Gegen Ende der ersten Geschichte erreicht den Hörer der dargestellte Wahnsinn, der allerdings nicht auf die für King wenn vorkommend, dann typisch explizite Gewaltanwendung und –darstellung verzichtet. Trotzdem ist es hier vor allem die Art und Weise, wie Herr Pleitgen vor allem den Antagonisten darstellt, die einen in ihren Bann zieht.
Nicht weniger gelungen ist die zweite Geschichte, die auf Gewalt praktisch völlig verzichtet und stattdessen mit einem Haufen Wahnideen und subtilen Umgebungsveränderungen daher kommt. Hartgesottene könnten bemängeln, dass im Grunde während der Geschichte nicht wirklich etwas passiert, trotzdem geht besonders diese Geschichte unter die Haut, wenn man sich auf sie einlässt.
Die letzte Geschichte schließlich weicht thematisch eigentlich stark von den beiden Vorgängern ab und wirkt daher auch nicht besonders. Es ist einfach eine Geschichte unter vielen anderen und verblasst sehr schnell nach dem Hören.
Schade, dass der Hörgenuss dadurch ein wenig geschmälert wurde.

Unter dem Strich bietet das Hörbuch jedoch mehr als dreieinhalb Stunden Horror, der vor allem subtil daher kommt. Mit fast 1,5 Stunden ist die erste Geschichte die längste, die zweite liegt mit einer Stunde und 20 Minuten dicht dahinter und die dritte schließlich ist eine Stunde und 10 Minuten lang. Kein Verlust, wenn man bedenkt, dass die letzte Geschichte auch die schwächste ist.

Anthologie: Hot Blood 2

„Hot Blood“ ist in deutscher Sprache noch nicht lange ein Begriff und wenn, dann eher Genrekennern. Ende 2007 wurde die erste Anthologie der Reihe, die in englischer Sprache bereits mehr als zehn Bände umfasst, im Festa-Verlag veröffentlicht, im Januar 2008 folgte Band 2 mit dem Titel „Fremder in der Nacht“.

Das Buch enthält 18 Geschichten auf insgesamt 288 Seiten, die im Taschenbuchformat erhältlich sind. Autoren und Titel der Geschichten sind schon der Buchrückseite zu entnehmen, so dass Namen wie Graham Masterton, Brian Hodge und vor allem Brian Lumley gleich ins Auge fallen. Die anderen Autoren sind mehr oder weniger unbekannt, und um sie kennen zu lernen, muss man deren Geschichten schon lesen.

Auch wenn der Slogan der Reihe „Ist es denn wirklich Nekrophilie, wenn der Tote den ersten Schritt macht?“ ein wenig reißerisch klingt, sollte man sich von ihm nicht verschrecken lassen. Tatsächlich enthält das Buch zwar kreative und fantasievolle Geschichten, der phantastische Bereich wird allerdings gar nicht so bedient, wie man das zuerst annehmen würde.

Sicherlich, in den Geschichten reden Tote miteinander, werden Männer von chamäleonartigen Frauen verführt, führen andere Frauen Menschen mit ihren verborgenen Tentakeln ins Verderben und Cyberfrauen werden lebendig, doch die meisten Geschichten handeln, und zwar ganz ohne fantastische Elemente, von Mord. Da kann die Hauptfigur ihre Lust am Töten entdecken, einem Mörder in die Falle laufen, ein geplanter Mord kann einen anderen Verlauf nehmen als gedacht, es kann aber auch die Selbstzerstörung sein, die im Mittelpunkt steht.

Tatsächlich liegt der Reiz der meisten Geschichten auch vielmehr in diesen real leicht vorstellbaren Elementen. Der Kopf ist nicht damit beschäftigt, allzu fantastischen Elementen ein Bild zu geben, und somit lassen sich die Geschichten flüssiger lesen und zugleich intensiver verbildlichen. Dies hat den Vorteil, dass die erotischen Elemente, die fast alle stilvoll und keineswegs billig in die Geschichten eingeflochten wurden, mehr wahrgenommen werden können. Gleichzeitig treffen unvorhergesehene Wendungen und brutale Szenen den Leser auf Grund dieses Eintauchens in den Text umso heftiger – und ist nicht der Schreck genau das, was man an Horrorliteratur so mag und wie sie sich definiert?

Schrecken und Erotik sind gleichermaßen in den Geschichten des zweiten Bandes „Hot Blood“ enthalten und können beide gleichermaßen genossen werden. Das zeigt nicht nur, dass beide Bereiche gut miteinander harmonieren können, sondern zeigt einmal mehr, wie eng Horror und Erotik ohnehin miteinander verknüpft sind.

Wer Wert auf niveauvolle Horror- und Erotikgeschichten legt, findet eine Symbiose aus beidem in dieser Anthologie, deren Lektüre sich wirklich lohnt. Und, keine Angst, lachen kann und darf man an so mancher Stelle durchaus auch, ohne dass der Nervenkitzel dabei verloren ginge.

Stephen King: Love

Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Seit ihr Mann Scott, ein berühmter Schriftsteller, starb, hat Lisey das Leben erstaunlich gut allein gemeistert – zumindest zwei Jahre lang. Nun jedoch zeigen sich die ersten Schatten, die rasch anwachsen, und sie zwingen Lisey zur Verarbeitung ihrer Trauer und der Aufarbeitung ihrer Ehe und Liebe zu Scott. Zum einen ist Liseys älteste Schwester, die mittlerweile sechzigjährige Amanda, ein Sorgenkind. Immer häufiger verletzt sie sich selbst, und als sie schließlich in einen katatonischen Zustand verfällt, muss Lisey sich schließlich um einen Betreuungsplatz für Amanda kümmern – eine Angelegenheit, um die Scott sich, wie Lisey erstaunt feststellt, zu Lebzeiten noch sehr umfassend gekümmert hatte.

Liseys größeres Problem sind jedoch die Leute, die Scotts Nachlass unbedingt haben wollen, in der Hoffnung, dass sich darunter Perlen wie unveröffentlichte Manuskripte befinden. Dafür, dass Lisey in den letzten zwei Jahren das Büro ihres Mannes keineswegs gesichtet oder gar aufgeräumt hat, haben nur wenige Verständnis – ganz sicher jedoch nicht der Wahnsinnige Zack McCool, der scheinbar in Zusammenarbeit mit einem Professor der Universität Pittsburgh auf Liseys Fersen bleibt und schließlich sogar ihr Leben bedroht, was sich nicht als leere Warnung herausstellt …

Doch obwohl Scott bereits zwei Jahre lang tot ist, ist er es, der Lisey durch diese schwierige Zeit begleitet; und die Zeit vor und während ihrer gemeinsamen Ehe ist es auch, die Lisey noch einmal ganz bewusst durchleben muss, um zum Ziel zu kommen.

In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichsten Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns“, so verrät der Klappentext. Vor allem diese Zeilen und das Nachwort Kings, in dem er feststellt, Scott sei nicht er und Lisey nicht seine Frau Tabitha – und sicherlich auch eine große Portion Neid – sind es, die Kritiker wohl dazu ermutigten, genau diese Punkte zum Zentrum ihrer Kritik am Buch zu machen. Natürlich sei der Roman stark autobiografisch, auch und gerade weil anderes behauptet würde, aber so viele Details seien authentisch, so auch die einstige Bedrohung Tabithas 1991, die Tatsache, dass Tabitha einige Schwestern habe wie Lisey im Roman auch und zuletzt seien fiktionale Elemente dem Wunschdenken Kings, etwa der Erhalt des Pulitzer-Preises, wie ihn Romanfigur Scott bekommen hat, zuzuschreiben.

Leider übersehen diese Kritiker wohl aber die zahlreichen nicht-authentischen Elemente des Buches sowie die aus der Phantastik ebenso. Das Attentat auf Romanfigur Scott ist sicherlich weder realen King-Details noch Wunschdenken zuzuordnen und zu guter Letzt schreibt King in seinem Nachwort nicht, dass es keinerlei autobiografische Züge im Buch gebe – er verneint lediglich eine Gleichsetzung der Buchfiguren mit den real existenten Personen … George W. Bush vielleicht ausgenommen. Nein, korrekter gesagt muss es heißen, dass die Gleichsetzung der familiären Buchcharaktere zu den realen Personen nicht möglich ist – dennoch ist vieles in diesem Buch durchaus real, wenn vielleicht auch nicht autobiografisch. King zitiert von zahlreichen Autoren, aus vielen Büchern, Filmen und aus Liedern.

Neben den Zitaten bekannter und weniger bekannter Persönlichkeiten finden sich in diesem Roman viele typische Merkmale von Kings Stil: Natürlich spielt auch dieser Roman in Maine und einmal mehr begleitet der Leser im Grunde durchschnittliche Menschen auf einem immer weniger durchschnittlichen und realen Weg. Kings Stil ist zumeist gewohnt knapp und plastisch angelegt, was den Autoren allerdings nicht davon abhält, jemanden über viele Buchseiten hinweg schlicht eine Mahlzeit zuzubereiten lassen oder ähnliches. Dies ist ein durchaus nennenswerter Kritikpunkt am Buch: Es hat deutlich spürbare Längen, die das Lesen nicht nur zu einem Vergnügen werden lassen. Zwar werden lange Passagen meist wieder dadurch aufgepeppt, dass King sehr bewusst mit verschiedenen Zeiten jongliert, dennoch ziehen sich die ersten paar hundert Seiten teils kaugummiartig.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt dem Experimentellen in „Love“ zu. King übertrifft sich selbst, wenn er zahlreiche neue Wörter erfindet, die zumeist gut ins Deutsche transportiert worden sind, oder wenn er verschiedene Dialekte in das Buch integriert. Dennoch sind diese das gesamte Buch durchziehenden Passagen teils anstrengend für den Leser, zumal sie in so geballter Fülle zu Tage treten.

Unabhängig von irgendwelchen biografischen Details ist dieses Buch das, was seine Titel versprechen: Es ist „Lisey’s Story“, die King hier erzählt, zugleich ist es eine Geschichte, die zuallererst von der Kraft der Liebe, von „Love“, erzählt.
Es ist ein „verschmickt“ gefühlvoller Roman, ein rührender, ein mythischer – ebenso mythisch wie der Pool, den King in diesem Roman beschreibt, der Pool in Boo’ya Mond. Und eines ist sicher: King hat es in und mit diesem Buch wirklich „umgeschnallt“.

Stephen King: Wahn

Edgar Freemantle führt ein glückliches und zufriedenes Leben. Seit knapp fündundzwanzig Jahren ist er verheiratet, hat zwei flügge gewordene Töchter und führt erfolgreich eine Firma. Eines Tages jedoch endet das scheinbar vollkommene Glück, nachdem Edgar einen Unfall hat, bei dem er einen Arm verliert und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleidet. Viele Monate im Krankenhaus und in der Rehabilitation sorgen dafür, dass Edgar wieder „normal“ leben kann – sieht man einmal davon ab, dass sein Arm verloren ist, er Probleme hat zu laufen und ihm das ein oder andere Wort manchmal nicht einfallen will oder er es mit einem anderen verwechselt. Doch diese Monate haben ihre Spuren hinterlassen und Edgars Frau verlässt ihn, nicht zuletzt, weil Edgar während seiner Rekonvaleszenz einige Male ausgesprochen aggressiv geworden ist.
Edgar will sterben, doch sein Therapeut rät ihm auf sehr pragmatische Art und Weise davon ab und empfiehlt Edgar, stattdessen eine Auszeit zu nehmen. Mindestens ein Jahr lang soll er an einem ganz neuen Ort verbringen, in erster Linie nur mit sich selbst beschäftigt, vielleicht alte Hobbys wieder entdeckend. Edgar folgt diesem Rat und mietet für ein Jahr ein Haus in Duma Key in Florida. Er erinnert sich daran, dass er einmal gern gemalt hat und dieses Interesse will er versuchsweise neu aufleben lassen.
In Duma Key setzt dann eine Entwicklung ein, mit der Edgar nicht gerechnet hat: Er malt unglaublich gute Bilder. Seine Werke sind so gut, dass er nach recht kurzer Zeit sogar das Angebot bekommt, vor Ort auszustellen. Edgars Begeisterung hält sich in Grenzen, denn er weiß, dass irgendwas mit seiner neuen Fähigkeit nicht stimmt. Es sind nicht nur die Bilder selbst, an denen er zweifelt, sondern vielmehr an deren Entstehungsprozess. Wie im Wahn malt er zeitweise und entdeckt sein eigenes Schaffen erst bewusst am nächsten Tag, und ganz erschreckend für Edgar ist die Tatsache, dass er Visionen malt, deren Eintreffen er dann selbst miterlebt.
Duma Key hat etwas Magisches, und Edgar Freemantle wird immer mehr ein Teil davon.

Kings Markenzeichen ist es vor allem, dass Alltägliches magisch, zauberhaft und auch erschreckend werden kann. Seine Charaktere sind immer sehr plastisch, sehr stark und ausgebildet, und da macht auch Edgar Freemantle in „Wahn“ keine Ausnahme. „Wahn“ ist jedoch ganz anders als beispielsweise Kings letztes Buch „Love“. Plätscherte die Handlung dort gemächlich und stellenweise durchaus langweilig und schlicht Seiten füllend vor sich hin, bis sich zum Ende hin ein gewisser Höhepunkt aufbaute, so ist „Wahn“ von Anfang an spannend. Das Erstaunliche dabei ist jedoch, dass sehr lange auch im neuen Roman nicht wirklich etwas passiert, was man der Phantastik jedweder Form zuordnen würde. Plätschern auf hohem Niveau, könnte man sagen, doch nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass bei diesem Wälzer keine Seite überflüssig ist. Anders als in „Love“ zeigt „Wahn“ beständige Struktur, immer wieder werden selbst kleinere Handlungsstränge im weiteren Verlauf noch einmal wichtig, die Atmosphäre ist durchgängig dicht und ein sehr subtiler Gruseleffekt schon nach kurzem stets gegeben.

Besonders wertvoll wird „Wahn“ durch Edgars Wortfindungsstörungen, seine teils synästhetisch anmutenden Gedankengänge und die Alzheimer-Erkrankung der Nachbarin und Besitzerin von Duma Key. King ist es in dieser Hinsicht unglaublich gut gelungen, ein realistisches Bild der Personen zu zeichnen, ihr Denken und Reden authentisch wiederzugeben und bei all dem den Ernst zu bewahren. All diese Unzulänglichkeiten der Figuren machen sie nicht liebenswerter und die Handlung nicht komisch, sondern alles zusammen schlicht realistisch – und dadurch eben auch wieder spannend.

„Wahn“ ist ein herausragendes Buch, in das man schnell abtaucht und nach dessen Lektüre man kaum zu glauben vermag, dass man knapp neunhundert Seiten lang derselben Geschichte gefolgt ist und einem nicht eine einzige Länge ins Auge gesprungen ist. Ein wahres Highlight in der Bücherwelt, das absolut uneingeschränkt zu empfehlen ist.

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