Kerstin Rosenberg: Das große Ayurveda-Buch

Ayurveda, die indische Lebenslehre über die Balance von Körper, Seele, Geist und Umwelt, erfreut sich in der westlichen Welt zunehmender Beliebtheit. Das Werk von Kerstin Rosenberg, “Das Große Ayurveda-Buch”, möchte sich aber nicht schlicht in die Masse erscheinender Publikationen zum Thema einreihen, sondern erhebt den Anspruch, ein fundiertes und umfassendes Standardwerk zum Thema in Form eines 204-seitigen Hardcover-Buches zu sein.

Beginnt man mit der Lektüre des Buches, so stellt man rasch fest, dass sich die ayurvedische Lehre nicht mal eben so zwischen Tür und Angel erlernen oder gar verinnerlichen lässt. Die ersten vierzig Seiten des Buches beschäftigen sich ausschließlich mit dem Hintergrundwissen und den fünf Elementen, den Mahabhutas, im Zusammenhang mit dem menschlichen Körper aus ayurvedischer Sicht. Das zweite Buchkapitel intensiviert das Wissen mit der Vorstellung der sieben Konstitutionstypen, der Manasa (bedeutet: der mentalen Konstitution) und den Störungen der Konstitution, genannt Vikriti.
Das dritte Kapitel stellt das Leben mit der ayurvedischen Lehre vor. Hier ist die Rede von täglicher Routine, erholsamem Schlaf, Verhaltensregeln entsprechend der Jahreszeiten, der Anwendung von Yoga, der Nutzung von Ölen und Massagen sowie von Verjüngung und Liebe, die Sexualität und Partnerschaft einschließt.
Hauptsächlich der Ernährung widmet sich das vierte Kapitel, wo sich durchaus Rezepte finden lassen, aber das Erlernen von Grundsätzen wieder im Vordergrund steht: Grundregeln der Ernährung, die sechs Geschmackstypen, den Stoffwechsel ausgleichende und typgerechte Ernährung sind es, über die der Leser in diesem Kapitel etwas lernen kann.
Das letzte Kapitel widmet sich dem Verständnis und der Behandlung von Krankheiten. Auch hier stehen das Hintergrundwissen und das Verständnis ayurvedischer Gesundheitsdefinition im Vordergrund, bevor die Autorin textlich Reinigungstherapien, ayurvedische Pflanzenheilkunde und “Hilfe zur Selbsthilfe“ anbietet.
Ein recht umfassendes Register mit weiterführenden Büchern und Adressen rundet das Werk schließlich ab.

Wie sich schon der Inhaltsangabe entnehmen lässt, handelt es sich bei diesem Buch um keines, das man wie einen Roman durchliest und dann beiseite legt. Es gibt eine Vielzahl von Aspekten zu lernen und zu beachten, wenn man sich mit der ayurvedischen Lehre beschäftigt, woran das Werk Kerstin Rosenbergs keinen Zweifel lässt. Dabei ist die gewählte Sprache für den Laien verständlich und die Zusammenhänge sind erkennbar, auch wenn hier und da Themen zu späteren Zeitpunkten in anderer Form verwirrenderweise erneut aufgegriffen werden.
Die Struktur des Buches ist ansonsten jedoch logisch und angenehm. Fotografien und Zeichnungen sind relativ selten im Buch anzutreffen, dafür begegnet der Leser um so häufiger Tabellen, die verschiedene Zugehörigkeiten, die im Ayurvedischen gelten, anschaulich darstellen.
So schön es jedoch ist, dass die indische Lehre in diesem Buch wirklich sehr umfassend dargestellt wird, so schade ist es zugleich, dass verschiedene Leserzielgruppen recht stark vermischt werden. So berichtet die Autorin beispielsweise auch von medizinischen Therapien im Sinne des Ayurveda, die im häuslichen Bereich nicht empfehlenswert sind und auch unverantwortlich wären, während an anderer Stelle wiederum Rezepte zum vornehmlichen Hausgebrauch zu finden sind. Wohlgemerkt werden bei den heikleren Therapien keine genauen Anleitungen vermittelt und das Buch verfügt über einen Haftungsausschluss, dennoch wäre eine strengere Trennung zwischen Laien und Profis als Leser gelungener gewesen.

Den Anspruch, als Standardwerk fungieren zu wollen, trägt “Das große Ayurveda-Buch“ wohl zu Recht, denn gleich, ob es sich um theoretische Hintergrundinformationen oder um eher praktisch orientierte Hinweise für Laien wie für im ayurvedischen Bereich Tätige handelt: Sie sind in diesem Buch zu finden. Gerade dieses umfassende Wissen macht es unterschiedlichen Zielgruppen jedoch leider etwas schwer, die für sie in erster Linie relevanten Informationen zu finden.

Khushwant Singh: Paradies und andere Geschichten

Kushwant Singh gehört zu den bekanntesten indischen Autoren. Im September 2006 erschien sein Buch „Paradies und andere Geschichten“, eine 270-seitige Sammlung von fünf Geschichten aus der Feder des Autors, im Dörlemann-Verlag.

In „Paradies“ macht sich eine junge Amerikanerin auf den Weg nach Indien, um dort nach einer Jugend voller Ausschweifungen ihr Glück zu finden. Eine Weile lang lebt sie in einem Ashram, doch so wirklich glücklich wird sie dort nicht. Es gelingt ihr nicht, ihr früheres Leben gänzlich abzustreifen und so manches Erlebnis in Indien erschwert ein neues Leben sicherlich noch zusätzlich.

Madan Mohan, der Protagonist in „Geburtshoroskop“ ist ein streng gläubiger Mensch – und dies zum Erstaunen seiner Eltern, die ihn zu solcherlei niemals angehalten haben. Madan Mohan geht jedoch stur und streng den Weg des Gläubigen und verzichtet auf diesem Weg sogar gern auf Karriere und Ruhm. Ins Grübeln kommt er jedoch, als er feststellen muss, dass trotz aller entsprechenden Maßnahmen – das Studium und der Vergleich der Geburtshoroskopie, das Beachten des Vaastu sowie die Lektüre des Kamasutra – die Ehe, die er schließlich eingeht, alles andere als positiv verläuft.

„Zora Singh“ ist im Vergleich zu den anderen Geschichten keine, die sich auf direktem Wege mit Aberglauben auseinandersetzt, jedoch schildert sie das durchaus bigotte Leben und Erleben des fiktiven Zora Singh, der durch seine Art der Lebensführung letztlich sogar den Bharat Ratna, den höchsten indischen Verdienstorden für Zivilisten, erhält.

In „Gesucht: Ein Sohn“ versucht ein Paar vergeblich, ein Kind zu zeugen. Die Freude ist besonders bei den Großeltern enorm, als endlich ein Enkelsohn das Licht der Welt erblickt, zumal diese es einst erst im vierten Anlauf zu einem Sohn gebracht hatten. Doch wäre die Freude aller Beteiligten noch immer so groß, wenn sie die genauen Umstände von allem kennen würden?

„Der Maulbeerbaum“ hat auf Vijay Lall eine ganz besondere Anziehungskraft. Sein hingebungsvolles Gefühl zu diesem Baum findet jedoch eine jähe Unterbrechung, als Vijay eines Tages fast durch eben diesen Baum zu Tode kommt. Der an sich bodenständige Mann denkt intensiv über diesen Vorfall nach und immer mehr kommt ihm sein Überleben wie eine schicksalhafte Fügung vor. Vijay beschließt, einige Wege in seinem Leben zu ändern … und muss feststellen, dass dieser Weg ihn nicht nur aus seiner bisherigen Routine reißt, sondern darüber hinaus ein recht steiniger ist …

Typisch nicht nur für Indien, sondern auch für indische Literatur ist das Erwähnen spiritueller Themen. Ob sich dies nun auf Bräuche und Traditionen im Allgemeinen oder auf Hochzeitsvorbereitungen, auf als Vor- oder Warnzeichen wahrgenommene Details des Alltags, um indische Praktiken wie Astrologie, Ayurveda und Vaastu oder anderes bezieht: das Spirituelle ist allgegenwärtig.
Genau dieser Umstand und der Glauben der Inder an Schicksalhaftigkeit waren Anlass für den Autoren Singh, dieses Buch zu verfassen. Ausschlaggebend war für ihn das Ereignis der vorhergesagten Apokalypse für 1962, das dann ja doch nicht eintrat und Indien diesbezüglich der Lächerlichkeit preisgab. Dieses Erlebnis prägte Singh so nachhaltig, dass er einen bestimmten Blick für all die Methoden der Zukunftsvorhersagen entwickelte und einen ebensolchen für die Bigotterie und die Widersprüche, die sich daraus ergaben. Seinem Unmut machte er Luft, indem er die in diesem Buch veröffentlichten Geschichten verfasst.

Wer die mystischen Elemente der indischen Literatur liebt, wird mit diesen Kurzgeschichten eine sehr ernüchternde Überraschung erleben. Hinzu kommt, dass Singh zwar vieles wirklich humorvoll verfasst und so, dass eine gewisse Sympathie zu den Protagonisten aufgebaut werden kann, viel vordergründiger ist jedoch, dass er kein Blatt vor den Mund nimmt und die Erzählungen somit stellenweise sehr offenherzig und auch derb wirken, zumal gerade sexuelle Gelüste überall vorherrschen oder zumindest kurzzeitig ein vorrangiges Thema sind.

Die Übersetzung von Claudia Wenner wird durch ein umfangreiches Glossar am Ende des Buches ergänzt, dennoch ist bei der Übersetzung insgesamt anzumerken, dass sie ein wenig umfassender hätte geschehen können. Häufiges Nachblättern von Begriffen stört den Lesefluss, und so mancher Begriff taucht im abschließenden Glossar auch gar nicht auf. Zwar erschließen sich die Inhalte der Geschichten auch so mühelos, allerdings hätte man, selbst unter Berücksichtigung von Eigenbegriffen und unter Beachtung der zu erhaltenden Exotik des Ganzen, durchaus bessere Arbeit leisten können.

Als liebevoll kann man in erster Linie eigentlich nur die Aufmachung bezeichnen, denn das Buch wurde in – dem Thema entsprechend violettem – Leinen gebunden und verfügt sogar über ein Lesebändchen.

Uday Prakash: Der goldene Gürtel

Der sechste Band der Reihe „Moderne indische Literatur“ aus dem Draupadi-Verlag enthält fünf Kurzgeschichten des bekannten indischen Autors Uday Prakash, darunter auch die namensgebende Geschichte „Der goldene Gürtel“.

Die Erzählungen in dem nur 69 Seiten umfassenden Taschenbuch wurden nach folgendem Prinzip ausgewählt: Delli dur hai (Delhi ist fern), wie der Übersetzer Lothar Lutze auch sein Nachwort beginnt. Alle Geschichten des Bandes spielen fernab der Großstadt und somit auch fernab der üblichen Abläufe und Gesetzmäßigkeiten.
Auf der anderen Seite steht die Institution der Familie in allen Geschichten im Mittelpunkt. Stets ist es ein Mitglied einer Familie, das die Geschichte erzählt, und stehen die Erzähler somit nicht allein.

Dass dies sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, zeigt sich in der hervorragenden Auswahl an Geschichten ausgesprochen gut.
So berichtet „Der Nagelschneider“ von dem Tod einer Mutter aus der Sicht ihres Sohnes, und auch in „Die Schachtel“ ist es die kindliche Perspektive, aus der heraus erzählt wird und die hier auch im Mittelpunkt steht. „Die Schuld“ zeichnet ebenfalls aus kindlicher Erinnerung ein Familienbild, hier ist es jedoch die Beziehung zwischen zwei Brüdern, die in das Zentrum der Geschichte rückt.
„Der goldene Gürtel“ stellt von allen Geschichten die meisten Familienmitglieder vor. Auch wenn die Großmutter, die unter ihren Angehörigen leidet, der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen ist und die Erzählung erneut aus kindlicher Perspektive erfolgt, so werden doch auch Vater, Mutter, Onkel und Tante detaillierter und in jedem Falle greifbar vorgestellt.
„Der Waran“ schließlich, die abschließende Geschichte, wie alle vorherigen aus der Sicht eines Kindes berichtet, stellt einen Vater in den Mittelpunkt. Anders als bei den anderen Geschichten wird hier zudem ein weiteres Stilelement aufgegriffen, nämlich das Hörensagen, in dessen Art und Weise die gesamte Geschichte erzählt wird.

Die aufgenommenen Geschichten lösen allesamt eine mehr oder minder starke Melancholie aus und vermögen es, den Leser zu ergreifen. Hierbei steigern sich die Geschichten nahezu in der Reihenfolge ihres Auftritts, so dass „Der goldene Gürtel“ sowie „Der Waran“ schließlich auch Geschichten sind, die von menschlicher Grausamkeit, von Gier und fehlendem Mitgefühl berichten. Beide Geschichten sind sehr unterschiedlich, in ihrer Wirkung jedoch gleichermaßen den Leser betroffen machend und letztlich lang im Kopf des Lesers nachhallend.

Wer sich für indische Literatur interessiert, sollte an dieser Perle an Kurzgeschichten des bekannten Autors nicht vorbei gehen. Für wen indische Literatur bislang kein Begriff war, für den eignet sich das überschaubare Buch gut als Einstieg in diese Literatur. Uday Prakash bietet einen relativ typischen Einblick in diese Literaturgattung, auch wenn die hier gebotene Auswahl an Geschichten wie vorbeschrieben darüber hinaus einige Besonderheiten aufzuweisen hat.

Vikas Swarup: Rupien! Rupien!

“Rupien! Rupien!” wurde 2005 erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht, entsprechend lang vor der Verfilmung des Ganzen (”Slumdog Millionär”).
Erstmals aufmerksam auf das Buch wurde ich 2007, als es im Rahmen der “1 Jahr = 1 Land”-Challenge bei Bookcrossing vermeldet wurde und ich feststellte, dass es sich dabei um einen Ring handelt, der noch freie Plätze bietet.
Angesprochen hat mich da bereits die Inhaltsbeschreibung und der Hinweis darauf, dass der Handlungsverlauf nicht chronologisch, sondern nach Kapiteln geordnet sei – ich bin ja immer für etwas Ungewöhnliches zu haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Ram Mohammed Thomas, der verhaftet wird, weil er bei der Quizshow “Wer wird Milliardär?” gewonnen hat – und zwar die gesamte Milliarde Rupien. Man wirft ihm Betrug vor, denn Ram Mohammed Thomas ist ein Waise, hat nie eine Schule besucht und steht heute als Kellner am eher unteren Ende der indischen Gesellschaft. Wie soll er ohne zu betrügen alle Antworten gewusst haben? Die Produktionsfirma der Sendung steht zudem unter Zugzwang, denn die gewonnene Milliarde Rupien gibt es gar nicht. Man spekulierte darauf, dass mindestens in den ersten Monaten ohnehin niemand gewinnen würde, und der Gewinn von Ram Mohammed Thomas bringt die Firma nun in ernste Schwierigkeiten.

Man foltert den Gewinner, versucht sein Geständnis des Betruges zu erzwingen, doch da steht plötzlich eine Anwältin im Raum, die den Gewinner aus den Klauen der Behörden befreit. Sie will ihn verteidigen, einfach so, doch sie macht Ram Mohammed Thomas klar, dass er schlüssig erklären muss, warum er alle Antworten wusste. Der soeben Befreite gibt zu verstehen, dass man sein ganzes Leben kennen müsse, um das zu begreifen. Die Anwältin ist bereit, ihm die ganze Nacht zuzuhören, und so erzählt Ram Mohammed Thomas ihr die Geschichte seines Lebens und damit zugleich die Geschichte, warum jemand wie er alle Fragen bei der Quizshow beantworten konnte.

Wie eingangs schon erwähnt, wird die Geschichte des Protagonisten nicht chronologisch erzählt, sondern die einzelnen Episoden aus Rams Leben orientieren sich an den Quizfragen.
Zu Beginn führt der Prolog in die Ausgangssituation, wie ich sie in der Inhaltsbeschreibung eben erläuterte, ein. Danach begleitet der Leser Rams Ausführungen zu dessen Leben. Er erfährt, wieso Ram Mohammed Thomas diesen ungewöhnlichen Namen trägt, lernt seinen besten Freund Salim und dessen Leidenschaft für Filme und einen bestimmten indischen Schauspieler kennen, arbeitet bei einer ausgemusterten Schauspielerin, bei einem australischen Diplomaten, in einer Bar, erhält dank Salim Gesangsunterricht, rettet die Nachbarstochter vor ihrem wollüstigen Vater, besucht das Taj Mahal und einiges mehr.

Dass bei den einzelnen Kapiteln keine chronologische Anordnung besteht, irritiert nur kurz, allerdings muss man sich durchaus jeweils orientieren, ob die vorangegangenen Geschichten vom “echten” Ram bereits erlebt wurden oder nicht. Danach jedoch ist jede Geschichte gleichermaßen spannend und mitreißend, nicht eine langweilige Episode ist dazwischen zu finden.
Nachdem man das Prinzip des Buches verstanden hat, dass nämlich immer eine Kleinigkeit aus der erwähnten Episode dazu führte, dass der Protagonist die jeweilige Frage in der Quizshow beantworten konnte, wird man als Leser zusehends neugieriger und detektivischer. Welches Detail könnte am Ende des Kapitels, wenn eine Rückblende auf die Quizshow selbst erfolgt, relevant sein? Wie könnte die Frage lauten beziehungsweise gelautet haben?

“Rupien! Rupien!” funktioniert durch seinen Aufbau auf verschiedenen Ebenen und lässt sich sehr flüssig lesen. Durch die zeitlich begrenzten Kapitel und die straffe Erzählweise innerhalb dieser wird der Leser bei diesem Roman weniger emotional angesprochen, als dies in vielen anderen indischen Romanen der Fall ist. Man leidet nicht mit, man fiebert eher mit. Das ist insofern schade, dass die kritischen Untertöne des Ganzen auf der Strecke bleiben. Man befindet sich als Leser inmitten eines “Ist halt so”-Indiens, von dem auch der Protagonist nicht verschont bleibt, sondern erstaunlich nüchtern und unberührt erzählt.
Andererseits spricht der Roman durch seine Leichtigkeit und gewisse Oberflächlichkeit eine breitere Zielgruppe an. Diesbezüglich gibt der Erfolg dem indischen Diplomaten und Autoren Vikas Swarup Recht, immerhin lief die Verfilmung auch in deutschen Kinos.

Auch “Rupien! Rupien!” eignet sich sehr gut dazu, einen ersten Blick auf indische Literatur zu werfen, auch wenn der Stil durchaus als eher westlich bezeichnet werden kann. Ähnliches schrieb ich bereits über “Der Gott der kleinen Dinge”, doch war war mein Kritikpunkt ein genau gegensätzlicher: Während “Der Gott der kleinen Dinge” gewollt schwülstig wirkt, dominiert bei “Rupien! Rupien!” die Oberflächlichkeit.

Gelesen habe ich “Rupien! Rupien!” dennoch sehr gern und empfehle es ebenso gern weiter. Ein tolles, durchaus recht innovatives Buch für zwischendurch.

Anthologie: Mauern und Fenster

Der Draupadi-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, südasiatische Literatur – besonders die indische – in den deutschsprachigen Raum zu bringen. In diesem Zusammenhang erschien auch der vierte Band der Reihe „Moderne indische Literatur“, ein 159-seitiges Taschenbuch, in dem elf Geschichten von zehn verschiedenen indischen Autoren versammelt sind.

Die in diesem Buch zusammen gebrachten Erzählungen sind sehr unterschiedlich. Eines ist ihnen jedoch allen gemeinsam: eine unwahrscheinliche Melancholie, die teils zum Träumen einlädt, manches Mal Wehmut hervorruft, einige Male aber auch sehr traurig und nachdenklich macht.

Die ersten Geschichten zeigen hierbei ein besonders offensichtliches spirituelles Flair, beispielsweise das Unglück, das in „Mauern“ durch die ominöse Ziege der Familie erwartet wird, der unerklärbare Rauch, den die Protagonistin in „Rauch! Wo denn?“ wahrzunehmen glaubt, der fragwürdige Baum und seine Vogelfreunde in „Tod eines Baumes“ und vor allem Hiralal in der Geschichte „Der Geist des Hiralal“.
Letztgenannte Geschichte entstammt hierbei aus der Feder von Uday Prakash, einem bekannten indischen Autoren, wohingegen so manch anderer Autor nie zuvor in eine andere Sprache übersetzt worden ist.

Gesellschaftliche Kritik lässt sich in den Geschichten ebenfalls finden, auch wenn sie meist auf leisen Sohlen oder gar in gewisse Absurditäten verkleidet daher kommt. „Die Investition“ ist eine solche Geschichte, vor allem aber „Der Ringkampf“ und „Dein Bruder, Papa“.

Es ist schwierig, die Essenz der einzelnen Geschichten in Worte zu fassen, aber sie alle haben eine solche. Lassen sie sich auch nicht ausformulieren, kann man auch nicht unbedingt den Finger darauf legen, so kann man ihren Geist doch während des Lesens spüren. So plätschernd die meisten Geschichten erzählt sind, so banal sie beginnen oder sich gar fortsetzen: sie alle haben etwas Magisches an sich, das sie alle zu etwas ganz Besonderem macht.

Besonders gelungen ist im Falle dieser Geschichten zudem, dass viele Begriffe nicht übersetzt wurden, sondern im Rahmen eines abschließenden Glossars erläutert werden. Die einzelnen Begriffe behindern das flüssige Lesen hier nicht, ebenso wirkt sich das kurze Nachschlagen nicht störend aus.

Wer sich noch nie mit der indischen Literatur befassen konnte, der sollte bei dieser Anthologie unbedingt einen Anfang wagen, denn sie ist wahrlich zauberhaft!

Manil Suri: Vishnus Tod

“Vishnus Tod” ist schon ein älterer Roman aus Indien; in deutscher Sprache erschien er Ende 2002.
Es handelt sich um den Debütroman eines indischen Mathematikers, der allerdings seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in den USA lebt.

Der Titel des Romans ist namensgebend, denn letztlich dreht sich alles um Vishnu, der auf dem Treppenabsatz eines Mietshauses in Bombay lebt und im Sterben liegt. Während er sich an seine Kindheit und an seine große Liebe erinnert, von einer Vision zur nächsten dämmert, geht um ihn herum das Leben weiter – und es geht hoch her.
Die einzelnen Mieter haben ihre eigenen Probleme, mit sich, mit ihren Partnern und Kindern, mit den anderen Mieters. Vor allem aber haben sie ein Problem mit Vishnu, der für alle offenkundig in absehbarer Zeit sterben wird.
Die vorrangigen Probleme hierbei sind durchweg materialistischer Art: Wer soll die Reinigung der Treppe und den Abtransport der Leiche zahlen? Könnte man Vishnu jetzt noch retten? Aber falls ja: Wer kommt für den Krankenwagen auf?

Um solche und ähnliche Fragestellungen rankt sich das Buch und wirft damit einen sehr guten Blick auf die ärmlichen Verhältnisse der Mieter, auf Alltags- und Gefühlsregeln und vielerlei mehr.

Der Roman ist sehr intensiv, auch wenn es eine Weile dauert, bis man sich eingelesen hat. Im Grunde für mich übrigens – mal wieder – ein typisches Buch für Indien, denn all die Aspekte, die ich so typisch finde, kommen vor: 1001 Verhaltensregel, an die man sich hält oder die man zu umschiffen versucht, ärmliche Bedingungen, aus denen die Menschen das Beste zu machen versuchen, die Diskrepanz zwischen Jugendträumen und der späteren Realität, aufwändige Heiratspläne und -vorbereitungen, eine große Kelle spiritueller Inhalte und eine mindestens ebensolche an Bigotterie, wobei ich gerade in dieser Hinsicht nicht die Bigotterie selbst so spannend finde, sondern die Eigenart indischer Romane – zumindest habe ich noch keinen erwischt, in dem es anders gewesen wäre -, diese so lebendig, gefühlvoll und nachvollziehbar zu beschreiben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es einfach ein ganz anderer Alltag und ein grundsätzlich anderes Lebensgefühl ist, das einem mit Indien präsentiert wird, aber die Loser in indischen Geschichten verlieren meist auf Grund einer bestimmten Entwicklung und besonderer Umstände und handeln darum auch so, wie sie es tun. Das empfinde ich nicht als berechnend oder bösartig, und gerade dieser Aspekt kommt in “Vishnus Tod” besonders deutlich zur Geltung (bei den Nachbarinnen Parthak und Asrani).

Wohl genau wegen dieser Wahrnehmung indischer Geschichten hat mich auch das doch sehr extrem Visionäre und Surreale des Buches überhaupt nicht gestört; ich fand es stimmig und atmosphärisch.

Besonders gut gefallen hat mir, hier mal Aspekte eingebracht zu finden, die ich in anderen Geschichten bislang nicht entdeckt habe. Einmal die Prostituierte Padmini, auch wenn diese für mich ein bisschen blass geblieben ist, und dann das Vorkommen muslimischer Nachbarn, Umgang und Meinung unter- und voneinander. Außerdem ist dieser Roman der erste, den ich gelesen habe, in dem die typischen Bollywoodfilme eine gewisse Rolle spielen. Ist mir nur aufgefallen, einen Bezug dazu habe ich nicht – denn während ich indische Romane bislang durchweg sehr gerne lese, finde ich Bollywood grässlich.

Übrigens hat “Vishnus Tod” mir ein bisschen das Essen verdorben. Ich hatte knapp die Hälfte gelesen, es schien die Sonne und mir war so ein bisschen danach, summend durch die Gegend zu laufen. Ich habe also Ylang-Ylang-Öl in meine Duftlampe gekippt und es mir schließlich mit leckerem indischen Essen gemütlich gemacht (Hähnchenfilets mit getrockneten Pflaumen, Aprikosen, Bananen und Gemüse in milder Currysauce, dazu Chapattis mit Knoblauch und Ghee – yamm!), um so richtig stilecht im Buch weiterschwelgen zu können. Dummer Zeitpunkt, denn das war in etwa genau die Hälfte, ab der das gesamte bisher aufgebaute Bild, trotz aller Tragik doch auch angenehm träumerisch und spöttisch zugleich, zu kippen begann und das ganze Drama eskalierte. Hmpf.

Einzig nicht so gelungen bei diesem Buch ist die Übersetzung. Das häufige Vorkommen von “wallah” empfand ich als ausgesprochen nervig. Da hätte man für die deutsche Ausgabe wenigstens ein paar entsprechend anders übersetzen können – so wie ich auch nicht verstehe, warum zum Beispiel das Wort für Rettich einmal direkt verwendet wurde, im nächsten Satz als Rettich übersetzt wurde und wegen der einmaligen Verwendung im Satz zuvor gleich im Glossar landete. Das sind überflüssige Aspekte, die auch nicht zur Gesamtstimmung beitragen, wenn man sie im Original stehen lässt, also wozu dann sowas?
Aber das ist letztlich alles Kritik an der Übersetzung, nicht am Inhalt.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, wobei ich es nicht unbedingt “Indien-Einsteigern” empfehlen würde. Am besten liest man erst den einen oder anderen sonstigen indischen Roman, und wenn man für diese seine Liebe entdeckt, ist man sicherlich auch mit “Vishnus Tod” sehr gut beraten.

Dieser Titel wurde mit der “Corine” 2001 ausgezeichnet.

Arundhati Roy: Der Gott der kleinen Dinge

“Der Gott der kleinen Dinge” ist das bislang merkwürdigste Buch, das ich aus Indien gelesen habe. Dieser Debütroman von Arundhati Roy erlangte internationale Bekanntheit, wobei ich gleich zu Anfang gestehen muss, dass mir der Grund dafür nicht so ganz eingängig ist.

Das Ganze beginnt mit Rahel, die nach Jahren zurück in ihr Elternhaus fährt, weil ihr Zwillingsbruder Estha, der seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, sich derzeit dort aufhält. Doch umso tiefer man Einblick nimmt in diese ungewöhnliche Familie und umso näher man den familiären Geheimnissen kommt, desto (er)drückender wird die Stimmung …

Ich glaube, was mich an diesem Buch so stört, ist vor allem die Holzhammermethode in westlichem Stil. Üblicherweise – ich habe ja nun schon einiges über indische Romane erzählt – sind die einzelnen Romane für mich so kraftvoll wegen der kleinen Dinge, die hier Titel gebend sind. Ich habe noch keinen indischen Roman gelesen, in dem das Kastensystem, Armut, Vorschriften (echte sowie “selbst gemachte”), der Unterschied zwischen den unterschiedlich Religiösen, Glaube und Aberglaube sowie viele kleine Aspekte, die den indischen Romanen in praktisch jeder Zeile Leben einhauchen, thematisch fehlen würde.

Bei “Der Gott der kleinen Dinge” wurde das Pferd allerdings aus meiner Sicht von der falschen Seite her aufgezäumt. Sehr langatmig, weitschweifig, mit zahllosen Bildern, Vergleichen, Metaphern, Beschreibungen wird eine Familiensaga im kleinen Stil aufgebaut und ihre Geheimnisse werden nach und nach gelüftet, eher entblättert, so dass sich am Ende der Zwiebelschale eine Tragödie ergibt.

Sicher, das Ganze spielt in Indien und alle Kritikpunkte oder auch Eigenheiten, die man Indien zuschreiben kann und die ich vorhin schon erwähnte, finden auch hier Eingang. Aber sie werden beschrieben, sind nachvollziehbar für den Leser, aber nicht erfahrbar durch die Lektüre. Immer wird durch den allgemein beobachtenden Erzähler eine Distanz gehalten, die es einem zusätzlich schwer macht, in die Geschichte zu finden.

Wer es mit den “echten” Dingen zwischen den Zeilen nicht so hat oder sich generell (noch) nicht für die indischen Romane erwärmen kann, aber ein Herz für Familientragödien und ähnliches hat, der wird sich mit diesem Roman bestimmt wohl fühlen. Das erklärt auch, warum dieser Roman die Lager spaltet – die einen finden es großartig, die anderen sehr bescheiden. Ich glaube, die Leser, die dieses Buch großartig finden, kennen sich mit indischen Romanen entweder nicht so aus, mögen lieber am westlichen Stil orientierte Bücher lesen oder in ihrem Fokus steht einfach die erzählte Tragödie.

Zugegeben, wer sich bislang eher mit Familiendramen beispielsweise aus Australien oder Schottland kennen gelernt hat, findet in “Der Gott der kleinen Dinge” viel Neues auch abseits der Kulisse, und damit lohnt auch die Lektüre auf jeden Fall. Wer hingegen vor allem all die kleinen Dinge in der indischen Literatur bereits lieben gelernt hat, bleibt bei diesem Buch – um bei der Bildhaftigkeit zu bleiben – eher ratlos vor der Schale als vor der Zwiebel sitzen.

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