Justine Lévy: Nicht tragisch

207 Seiten hat das Leben der Protagonistin Louise, die eigentlich zugleich die Autorin Justine Lévy ist, Zeit, um die größten Tiefschläge des Lebens aufzuarbeiten und wie der Phönix aus der Asche aus sich selbst zu erwachsen.

Louise ist nicht nur Tochter eines berühmten Vaters, bei dem sie aufwuchs, nachdem die Mutter sie damals verließ. Sie ist auch ein Stück weit verbunden mit ihrer jüngst verstorbenen Großmutter, um die sie nicht weinen kann, mit der Mutter selbst, bei deren Krebserkrankung sie so wenig helfen kann und mit ihrem Ex-Mann Adrien, den sie nicht loslassen kann.
Louise fühlt sich unzulänglich, permanent und eigentlich immer schon. Als sie die Obhut des Vaters in die Partnerschaft mit Adrien eintauscht, der karrierebetont ist und scheinbar alle Hürden des Lebens mühelos hinter sich lässt, bekommt sie Angst. Angst, ihren geliebten Mann zu verlieren, weil sie nicht gut genug ist, nicht eifrig genug, nicht intellektuell genug, nicht schön genug …
Die ersten Amphetamine helfen ihr über das Gefühl der Unzulänglichkeit hinweg, doch bald braucht sie mehr davon, fälscht Medikamente und findet sich irgendwann kraftlos in einer Lebensspirale wieder, in der man immer nur das eine gegen das andere tauscht und doch ständig verliert.
Über vier Monate verbringt Louise in einer Klinik, doch nachdem sie den Entzug hinter sich gebracht hat, eröffnet Adrien ihr, dass er sie verlässt – wegen der Freundin seines Vaters.
Genau das, was Louise stets verhindern wollte, tritt ein und als sie allein zurück bleibt, ist da zunächst nicht mehr als eine große Leere, durch die sich Erinnerungen ziehen.

Der Roman, der deutlich und unverhohlen stark autobiographisch gefärbt ist, ist ziemlich umstritten. Manche halten ihn für Schund, andere für gut, die nächsten wissen lediglich den Klatsch und Skandal zu schätzen, den dieses Buch in Frankreich auslöste. Dabei kommt es hier, wie so oft, wohl auf den Blickwinkel an.

Der Anfang des Buches ist anstrengend. Ein ewig langer Satz jagt den nächsten, und gehetzt von vielen gewollten Wiederholungen und Kommata hat der Leser wenig mehr Chancen, als das Buch augenblicklich aus der Hand zu legen oder sich von der Erzählung vereinnahmen zu lassen.
Unbändige Wut, Schuldgefühle, Schuldzuweisungen, nicht erlaubte Trauer, nicht geduldete emotionale Regungen, all das jagt einander und wechselt sich stellenweise noch im gleichen Satz ab.
Doch schon hier vermag man zwischen den Zeilen zu lesen, und je weiter die Handlung – oder besser Erzählung, denn an einer Handlung mitsamt rotem Faden fehlt es doch recht stark – voranschreitet, um so ruhiger wird auch die Sprache des Buches, um so mehr wird die starke Unruhe, die auch der Leser empfindet, zuerst von Betäubung, dann von einer letzten Wut, von Gleichgültigkeit und schließlich von einem Funken Hoffnung, der in der Akzeptanz der Dinge lauert, abgelöst.

Die Autorin durchlebt in diesem Buch und mit ihrer Protagonistin die üblichen Phasen einer Trauer, an deren Ende jedoch, wie man weiß, in der Regel eine Art Neuanfang steht. Es kann schlecht in Abrede gestellt werden, dass Justine Lévy dies in erster Linie zur autobiographischen Verarbeitung nutzt, doch auch, wenn man Buch und Autorin vieles nachsagen kann, so doch nicht, sie könne nicht schreiben.
Sicherlich verletzt sie nicht wenige Regeln des Handwerks und vernachlässigt den bereits erwähnten roten Faden einer Handlung sträflich, doch stattdessen schafft sie etwas, das nicht viele können: Sie erreicht das absolute Gefühl der Identifikation mit dem Leser, wühlt ihn auf und lässt ihn fühlen, wie Louise fühlt. Dies alles erreicht sie auch ohne großartige Szenen, in denen auf die Tränendrüse gedrückt wird und tatsächlich nimmt auch die Zeit des Entzuges selbst nur ein paar wenige Seiten des Buches in Anspruch. Dieses Buch hat es nicht nötig, zu solchen Mitteln zu greifen und muss sich lang nicht hinter anderen Romanen verstecken.

Ein empfehlenswerter, stark autobiographisch durchsetzter Roman, den man lesen kann, weil man einfach mitreden können will. Er empfiehlt sich aber ebenso, um an den starken Emotionen in diesem Buch und einer an sich traurig-tragischen Geschichte, die aber nicht mit den üblichen Mitteln dieses Stils arbeitet, teilzuhaben.

Christine Vogeley: Dritte Sonnenblume links

Edwin Sunray ist Schlagersänger, allerdings seit dem Tod seines Partners Charles kein besonders erfolgreicher mehr. Der Verlust von Charles vor zwei Jahren, der nicht nur musikalisch Edwins Partner war, hat den Endfünfziger tief getroffen und noch immer hat er sich davon nicht erholt. Daran ändert auch sein bemühter Nachbar Professor Hürlimann nichts, und schon gar nicht verbessert die Kündigung von Edwins Putzhilfe seine Situation. Nein, vielmehr steht jetzt seine Gluckenschwester Ella auf der Matte, die nicht nur seit seiner Kindheit auf alles, was Edwin macht, Einfluss nehmen will, sondern ihn auch vor vollendete Tatsachen, die sein eigenes Leben betreffen, stellt – so wie etwa die ungefragte Einstellung einer Haushaltshilfe, die bei Edwin leben soll.
Rosa Echte hingegen hat ganz andere Sorgen. Seit ihrem finanziellen Ruin als Gastronomin, an dem nicht etwa ihre Kochkünste, sondern vielmehr die Liebe Schuld war, hält sie sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Karriere auf der Bühne hatte ihr die Nachricht, sie sei schwanger, schon vor langem verdorben, aber nun ist sie nicht nur pleite und hat eine Tochter, die nicht nur mit gerade achtzehn Jahren ebenfalls schwanger ist, sondern auch noch die Schule schmeißen will, um Straßendichterin zu werden. Rosa ist fertig mit den Nerven und auch nicht mehr durch ihre greise Freundin Anastasia, die als Klofrau in einer Promi-Kneipe arbeitet, zu trösten.
Umso erstaunter ist Rosa, als plötzlich der Schlagersänger Edwin Kontakt zu ihr aufnimmt. Er hatte sie per Anhalter ein Stück mitgenommen, als sie, bekleidet mit einem rosa Plüschhasenanzug, am Straßenrand den Daumen in die Luft gereckt hatte, und als der Mann einen Schwächeanfall hatte, brachte sie ihn schließlich nach Hause und kümmerte sich noch kurz um ihn. Eine Nettigkeit, die der Sänger allerdings mit harschen Worten und üblem Zynismus quittiert hatte. Jetzt jedoch bietet er ihr seltsamerweise Arbeit an: Rosa soll Haushälterin bei ihm werden!
Rosa, die gerade den letzten Job wieder verloren hat, braucht das Geld. Edwin hingegen will seinen Kopf durchsetzen und mit Rosas Anstellung nicht nur die Wahl seiner Schwester vor die Tür setzen, sondern seine Schwester selbst am besten gleich mit.
Rosa Echte übernimmt den Job, und nach einigen Querelen und häufigen Bissigkeiten gewöhnen sich die beiden unterschiedlichen Charaktere aneinander. Alles scheint einen guten Weg zu nehmen, als sich plötzlich die Schwester von Charles, die Edwin nie kennen gelernt hatte, meldet. Sie führt den Trauernden zurück in eine Welt und eine Zeit, in der es Charles noch gab, doch Rosa macht sich zunehmend Sorgen. Irgendetwas stimmt an der Geschichte nicht und Rosa will helfen, doch da kommt es zum Eklat zwischen Rosa und Edwin, der keinen Rat anzunehmen gedenkt.

Die Autorin liefert mit diesem Buch eine Geschichte, die schlichtweg rührend ist. Alle auftretenden Personen sind sehr liebevoll gezeichnet, wirken sehr authentisch und kämpfen sich mehr oder weniger erfolgreich durch die Steine des Alltags. Viele Aspekte, viele Erinnerungen des Lebens der Figuren sind traurig oder gar tragisch, aber Christine Vogeley erlaubt ihren Charakteren nicht, ausschließlich in Selbstmitleid zu zerfließen. Selbst der trauernde Edwin ist davon nicht ausgenommen. Ihre Charaktere finden Wege, beißen sich durch, haben das Herz auf dem rechten Fleck und finden immer irgendwie einen Ausweg – auch, wenn dies nicht der optimale ist. Stets am Rande des Abgrunds zieht die Autorin ihre Figuren nicht am Schopf an eine königliche Tafel, sondern bleibt bei realistischen Lösungen, was das Buch besonders lesenswert macht.
Kitschig wird es zum Ende hin dann doch ein wenig, doch bis dahin verspürt man beim Lesen dieses Romans vor allem eine Art echter Herzenswärme.

Die 336 Seiten verfliegen im Nu, so rasch, dass man den Roman gut und gern an einem Nachmittag gelesen hat. Dann kann man den Deckel schließen und zugleich auch die Geschichte. Es ist im Grunde, trotz aller in der Geschichte auftretenden Probleme, eine leichte Kost, die Frau Vogeley serviert, aber dies ist keineswegs abwertend gemeint. Vielmehr hängt man der Geschichte nicht lang nach und ist nicht durch hohen Spannungsgehalt aufgewühlt, aber die beschriebene Herzenswärme und ein Gefühl der Lebenslust, das bleibt auch nach der Geschichte noch und hält ein wenig vor.
Ein schönes und unterhaltsames Buch, das sich jederzeit und für jedermann eignet, besonders aber an tristen Tagen ein kleines Leuchten in den Tag bringen kann – Sonnenblumen eben.

Theophile Gautier: Die liebende Tote

Im Juni 2008 veröffentlichte Titania Medien die 26. Folge aus der Reihe „Gruselkabinett“. Dieses Mal war es die Geschichte „Die liebende Tote“ von Theophile Gautier, die als 57-minütige Hörspielfolge aufbereitet wurde.

Ein junger Mönch hat sich verliebt und vertraut sich dem alten Mönch Romuald an. Trotz dieses Vertrauens fühlt sich der junge Mann unverstanden und glaubt nicht, dass Romuald nachempfinden kann, wie ihm zumute ist. Romuald jedoch überrascht den jungen Mönch mit einer Geschichte, die ganz anderes offenbart:

Am Tag seiner Priesterweihe begegnet Romuald der Frau seines Lebens. Sie vermag nicht zu verhindern, dass Romuald dennoch sein Gelübde ablegt, doch sie verschwindet durch dieses auch längst nicht aus seinem Leben. Romuald trifft sie wieder, als er es am wenigsten erwartet, und durch diese eigenartige und zugleich schicksalhafte Wiederbegegnung entscheidet Romuald sich für die Liebe. Er brennt mit seiner geliebten Clarimonde durch und gibt sich fortan den Ausschweifungen des Lebens hin. Als Clarimonde schließlich erkrankt, muss Romuald jedoch herausfinden, dass nur Blut sie retten kann, und auf eben jenes Blut verzichtete Clarimonde aus Liebe zu Romuald …

„Die liebende Tote“ ist eine klassische „Gothic Novel“, was im Deutschen – etwas unzureichend – üblicherweise mit „Schauermärchen“ übersetzt wird. Der Schauer hierbei ist lediglich subtiler Art, Gruseleffekte treten praktisch gar nicht auf, die Geschichte wird von Romantik und Tragik beherrscht. Besonders tritt hierbei zu Tage, dass auf eine klassische Schwarzweiß-Erzählung verzichtet wurde. Clarimondes Gefühle sind wahrhaft, die des Abtes, der Romuald schließlich auf den „lichten“ Pfad zurückführt, sind es nicht …

Die melancholische Liebesgeschichte wurde sehr professionell in ein Hörspielformat gebracht. Ton und sonstiges Sounds sind sauber und die Sprecher sorgfältig ausgewählt. Die unfreiwillige Komik, die gerade Hörspiele aus dem Grusel- und Horrorsektor der Achtzigerjahre begleitet, fehlt hier völlig.

Die Stimmen, die bei diesem Hörspiel eingesetzt wurden, sind im Audiobereich eher unbekannt und somit unverbraucht, beispielsweise mit Christian Rode, der die Rolle des Abtes Serapion übernahm, treten jedoch auch bekannte Stimmen auf, so auch Torsten Michaelis (beispielsweise deutsche Synchronstimme von Wesley Snipes) .

„Die liebende Tote“ ist eine klassische Schauergeschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert, die von Titania Medien gekonnt und mit viel Gefühl ins Hörspielformat gebracht wurde, so dass Flair und Tragik der Geschichte in genau richtigem Maß erhalten bleiben und an den Hörer weitergegeben werden konnten.

Emily Brontë: Sturmhöhe

Klassisch wird es nun einmal mit der Vorstellung des Hörbuches “Sturmhöhe”:

Das einzige Werk von Emily Brontë erntete im neunzehnten Jahrhundert vor allem Verachtung, ist heute allerdings sehr angesehen. Dieser Tatsache und dem Interesse an dem Buch Rechnung tragend, wurde 2005 eine gekürzte Hörbuchfassung auf vier CDs mit 255 Minuten Gesamtlaufzeit bei Patmos veröffentlicht.

Mister Lockwood, der Pächter von Thrushcross Grange, macht die Bekanntschaft des Eigentümers Heathcliff, des Burschen Hareton und der anmutigen Cathy. Alle drei Personen sind völlig unterschiedlich und Mister Lockwood fragt sich, worin wohl der Grund dafür zu finden sei. Er übernachtet bei ihnen auf Wuthering Heights und erlebt in der Nacht die Erscheinung eines Geistes. Später trifft Lockwood auf Nelly Dean, schon seit Ewigkeiten Haushälterin und bestens informiert. Diese erzählt ihm bereitwillig die Geschichte, die beide Gutshöfe und die auf Wuthering Heights lebenden Personen verbindet:
Catherine Earnshaw wuchs mit ihrem Bruder Hindley und dem Findling Heathcliff aus Liverpool auf Wuthering Heights auf. Catherine und Heathcliff sind mehr als nur befreundet, vielmehr verbindet sie eine Art tiefer Seelenverwandtschaft. Einige Jahre später jedoch lernt Catherine Edward Linton von Gut Thrushcross Grange und seine Schwester Isabella kennen. Weil sie ihre Bindung zu Heathcliff verkennt und umgekehrt auch ihre Bedeutung für ihn, heiratet sie Edward – und Heathcliff verschwindet Hals über Kopf und schwer gekränkt und verletzt.
Erst Jahre später taucht er wieder auf, diesmal mit der Absicht, die Familien zu zerstören, die aus seiner Sicht ihn zerstörten.
Er beginnt bei Hindley Earnshaw, der ihn in seiner Kindheit malträtierte, um Eigentümer von Wuthering Heights zu werden. Dann macht er Isabella Linton den Hof und heiratet sie schließlich, nur um sie danach derart zu schikanieren, dass sie schließlich vor ihm flieht. Bei einem Gespräch mit Catherine macht er ihr deutlich, dass sie ihrer beider Verbindung verraten habe. Kurz darauf stirbt Catherine nur Stunden nach der Geburt von Cathy, der Tochter Catherines und Edwards.
Die Zeit vergeht, doch Heathcliffs Rache hat noch kein Ende gefunden. Er zieht Hindley Earnshaws Sohn Hareton auf und bietet dabei enorme Brutalität und Isolationsversuche auf, um Hass in dem Jungen zu schüren und jegliche Bildung zu verhindern. Er soll sich so entwickeln, wie wie es Hindley einst Heathcliff vorwarf.
Als Cathy herangewachsen ist, sorgt Heathcliff nicht nur für Begegnungen mit ihr, bei denen sie gegen Cathys Vater Edward hetzt, sondern versucht auch erfolgreich, sie mit seinem Sohn Linton zu vermählen. Da Linton bald sterben wird, will er damit Cathy ins Unglück stürzen und zugleich auch noch Macht über das Gut Thrushcross Grange erlangen.
Kurz nach dieser Situation trifft Mister Lockwood die drei Personen an, doch die Geschichte nimmt noch weiter ihren Lauf, bis Heathcliff schließlich stirbt und die bestehende Ordnung beständig scheint.

“Sturmhöhe”, übrigens die Übersetzung von “Wuthering Heights”, ist keine leichte Kost, umso weniger, weil der Hörer eine gekürzte Fassung präsentiert bekommt. Es sind viele Personen, die auftreten, und obwohl die Perspektive kaum wechselt – Mister Lockwood und die Erzählungen der Nelly Dean bestimmen diese -, fällt es teils ein wenig schwer, der Handlung zu folgen.
Zur Verwirrung tragen vor allem zwei Aspekte bei: Zum einen die sehr aufwühlende und deprimierende Geschichte voller Verluste, Schmerz und Gewalt, zum anderen die Tatsache, dass es einem nicht gelingt, den Stil der Geschichte so recht einzuordnen.
“Sturmhöhe” ist ein Drama, soviel ist sicher, doch birgt es Aspekte der typisch viktorianischen Literatur, die vor allem in der angestrebten und dargestellten Tugendhaftigkeit der weiblichen Figuren zum Tragen kommt, Elemente des erst Jahrzehnte später aufkommenden Naturalismus sowie typische Darstellungen einer “Gothic Novel”. Eine klare Einteilung der Geschichte ist nicht vorzunehmen, was dem Werk eine gewisse Unberechenbarkeit – zumindest in der ersten Hälfte – verleiht.

Wenn auch hoch gelobt, so zeigt “Sturmhöhe” – zumindest in der gekürzten Hörbuchfassung – durchaus einige Mängel, die sich vor allem in der Charakterisierung der Frauen zeigt. So redselig, wie sich Nelly gegenüber ihrem Herrn etwa die ganze Zeit über zeigt, ist die Position einer Vertrauten und Geheimnisbewahrerin sehr unglaubwürdig. Auf der anderen Seite scheinen sowohl Catherine, Isabella und auch Cathy trotz aller Klugheit, die ihnen zugestanden wird, nicht viel mehr im Sinn zu haben, als sich zielstrebig in den offensichtlich falschen Mann zu verlieben, ihn zu heiraten und dann auf einer Enttäuschung sitzen zu bleiben, vor der zuvor massenhaft gewarnt wurde.
Sehr reizvoll hingegen erscheint das Gesamtbild der Charaktere und der wenigen Schauplätze – die beiden Gutshöfe -, die zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten eröffnen, die sich sogar zu einem zeitintensiven Hobby entwickeln könnten.

Die Umsetzung der Hörbuchproduktion ist solide. Den kleineren Teil der Lesung bestreitet Wolfram Koch als Mister Lockwood, Nelly Dean wird von Eva Mattes gesprochen, die entsprechend auch den deutlich höheren Redeanteil hat.
Mister Lockwood taucht eher als Rahmenfigur auf, die der Geschichte Anfang und Ende gibt, daher sind die wenigen Zwischenlesungen von Wolfram Koch vor allem störend. Die Betonungen sind in Ordnung, die Modulationen fallen ein wenig zu seicht aus, doch insgesamt wird hier eine gute Lesung präsentiert.

Umrahmt werden die einzelnen Abschnitte von etwa zwanzig Sekunden langen Musikeinspielungen, die als etwas zu lang empfunden werden können und zum Ende des Hörbuches unangenehm und auch ungeachtet der Entwicklung der Geschichte unpassend disharmonisch erklingen. Auch längere Pausen zwischen einzelnen Abschnitten fallen eher unangenehm auf.

Die Verpackung des Hörbuches besteht aus aufklappbarem Pappkarton, in den die CDs eingesteckt wurden. Die Gestaltung in dunklem Grün passt zum Hörbuch, die einzelnen Tracks sind angegeben und zudem finden sich Informationen zu den Sprechern sowie eine recht ausführliche Biographie der Autorin.

Ein anspruchsvolles Werk, das als Hörbuch nicht auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, jedoch sehr empfehlenswert ist, wenn man sich für Dramen erwärmen kann. Vor allem, weil “Sturmhöhe” recht einzigartige Elemente bietet, sollte man nicht auf ein Kennenlernen verzichten.

Nina Blazon: Faunblut

Eigentlich recht witzig ist, wie ich zu diesem Titel gekommen bin: Über die Webseite der Autorin nämlich. Ich habe irgendwo eine Vita von ihr mit Foto und Link entdeckt und fand das Foto so sympathisch, dass ich wissen wollte, wer das ist und was diese Person schreibt. Der neueste Titel war zu dem Zeitpunkt eben “Faunblut” und auch von der Beschreibung der ganzen Bücher her war es das Buch, das mich am meisten ansprach, also habe ich es bestellt. Ist auch ein “Wälzer” von mehr als 400 Seiten, aber ein Jugendbuch mit sehr lesefreundlichem und somit eher großzügigem Schriftbild.

Die 19-jährige Jade lebt mit ihrem Vater Jakub im Hotel Larimar, gleich am Fluss Wila. Das Hotel zählt nicht viele Gäste, doch immerhin lebt Jade in Frieden, weil ihr Vater das Vertrauen der Herrscherin gewinnen und so ihre Gunst erwerben konnte. Das können andere Bewohner der Stadt nicht unbedingt von sich behaupten und die Herrscherin, Lady Mar, führt ein hartes Regiment. Ihre Patrouillen sind gefürchtet, ebenso das Wissen, dass die Lady unter ihren Gegnern keine Gefangenen macht …

Als die Lady zwei ihrer Gäste im Larimar einquartiert, steuert Jades Welt jedoch langsam, aber unaufhaltsam auf eine Eskalation hin. Die Nordländer Tam und sein Diener Faun sind in die Stadt gekommen, um die Echos, die die Macht der Lady bedrohen, aufzuspüren und zu vernichten. Jade hingegen ahnt, dass die Schauergeschichten über die Echos, wie sie verbreitet werden, ein düsteres Geheimnis bergen und ist entschlossen, die Wahrheit über die Echos herauszufinden.

Dass sich ausgerechnet Jade und Faun ineinander verlieben, ist nur eines von vielen Problemen, denen Jade sich plötzlich gegenüber sieht …

Dass einen keine beschauliche Lektüre erwartet, ist dem Leser bereits auf den ersten Seiten der Geschichte klar. Anstelle eines gemächlichen Einstiegs, der den Leser langsam in eine phantastische Welt einführt und die Figuren der Geschichte vorstellt, befindet sich Jade gleich zu Anfang in einer gefährlichen Situation und ist auf der Flucht. Schon hier wird deutlich, dass „Faunblut“ ein düsterer Roman ist und zugleich gibt diese erste Szene das Tempo des gesamten Romans vor. Längen gibt es keine einzige und nur selten wird es überhaupt etwas gemächlicher; das hohe Tempo der Geschichte bleibt durchweg erhalten, was bemerkenswert und zugleich mitreißend ist.

Nina Blazon hält sich nicht lange mit Beschreibungen unbekannter Wesen auf, einzig die für die Geschichte zentralen Echos werden detaillierter beschrieben. Andere Wesen werden vor dem Auge des Lesers mit der Zeit zwar deutlicher, bleiben jedoch immer ein wenig verschwommen, was ein wenig schade ist, einem jedoch mehr nach der Gesamtlektüre auffällt als mittendrin.

Dass „Faunblut“ eine Geschichte erzählt, die man in einem Rutsch durchlesen will, ist für das Buch ein ziemlich wichtiger Aspekt. Die Autorin hat eine sehr komplexe Geschichte entwickelt, die vor Ambivalenz nur so strotzt. Dies fordert den Leser auf eine angenehme Art und sorgt dafür, dass der Roman durchweg spannend bleibt und immer wieder mit Überraschungen aufwarten kann. Zugleich ist es eben dieser Aufbau, der dazu führen kann, dass man den Faden beim Lesen verliert, wenn man „Faunblut“ nicht in einem Rutsch lesen will oder kann und längere Pausen einlegt, so dass man besser ein freies Wochenende vor Augen hat, wenn man in diesen Roman einsteigt.

„Faunblut“ ist ein wundervoller, düsterer und leidenschaftlicher Roman, der uneingeschränkt zu empfehlen ist. Wer Fantasy mag, für den es aber nicht unbedingt oder gerade nicht Elfen, Orks und andere Klassiker des Genres sein müssen, findet hier einen phantasievollen, leidenschaftlichen, temporeichen und spannenden Roman, der zeigt, dass Fantasy noch viel mehr kann als Erfolgsgeschichten zu klonen, und dessen Innovationsbereitschaft sich sogar in der hübschen Covergestaltung und vor allem beim Buchtitel zeigt. Der Titel selbst spiegelt nämlich nur sehr begrenzt die Handlung, die einen erwartet, ein, dafür umso mehr die Atmosphäre des Romans – sehr gelungen!

Und für Freunde von Hörbüchern gibt es “Faunblut” seit April 2009 übrigens auch in dieser Fassung, gelesen von Nina Petri.

Jules Verne: Das Geheimnis des Wilhelm Storitz

„Das Geheimnis des Wilhelm Storitz“ ist natürlich keine Neuerscheinung im eigentlichen Sinne. Immerhin war Jules Verne, der Autor, ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts. Und doch hat diese Piper-Taschenbuchausgabe vom April 2009 etwas Neues, denn es handelt sich hierbei um eine Originalausgabe. Vernes Sohn hatte – zu Lebzeiten und auch nach dem Tod des Vaters – einige Änderungen an dessen Manuskripten vorgenommen, sie gekürzt, geringfügig oder umfassend ergänzt und gern auch in eine, wie man heute sagen würde, politisch korrektere Form gebracht. Bei der neuen Piper-Ausgabe nun soll es sich um eine Originalausgabe Jules Vernes handeln.

Marc Vidal ist Maler, als solcher mittlerweile recht angesehen, und er hat sich unsterblich in die Ungarin Myra Roderich verliebt. Überzeugt von dieser guten Partie schreibt Marc seinem Bruder Henry und bittet ihn, sobald wie möglich nach Ungarn zu kommen, damit er Marcs Verlobte kennen lernen sowie Marcs und Myras Hochzeit seinen Segen geben und ihr beiwohnen könne. Henry Vidal steht dieser Liebe sehr aufgeschlossen gegenüber und leitet alles Erforderliche in die Wege, um der Bitte des Bruders nachzukommen.

Schon auf dem Weg nach Ungarn erfährt Henry von einem Nebenbuhler Marcs namens Wilhelm Storitz, der schon vor Marcs Avancen um Myras Hand angehalten haben soll, jedoch abgelehnt wurde. Henry erfährt, dass es sich bei Storitz um den Sohn eines bekannten Wissenschaftlers handelt, er jedoch abgelehnt wurde, weil man ihm Verbindungen zur Alchemie nachsagt.
Bei seinem Bruder angekommen, ist Henry jedoch rasch davon überzeugt, dass sich der Fall Storitz trotz dessen Bedrohungen in Richtung Marc und Myra erledigt hat – zu Unrecht, wie sich später herausstellen soll …

In diesem Roman findet man grundsätzlich alle Charakteristika eines Verne-Romans, die man erwartet und auf die man sich im Vorfeld schon freut, wenn man einiges von Verne auch abseits der berühmten „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ kennt: Detaillierte Schilderungen, (aus heutiger Sicht) nostalgisch umgesetzte Emotionen, viel über Werte und Erwartungen, aber auch vieles über Geographie, Politik und die Gesellschaft im Allgemeinen.

Darüber hinaus ist „Das Geheimnis des Wilhelm Storitz“ etwas Besonderes, weil es sich mit der Unsichtbarkeit befasst, einem Thema, das im neunzehnten Jahrhundert nicht bei vielen Autoren Raum einnahm. Was bedeutet es, Unsichtbarkeit herbeiführen zu können? Bei Verne wird sie aus verletztem Stolz und verletzten Gefühlen heraus zur Rache benutzt. Hier wird man komplett unsichtbar, mitsamt seiner Kleidung, und die Probleme, die die Unsichtbarkeit mit sich bringt, beziehen sich nicht allein auf eine Person, sondern – ohne zu vieles verraten zu wollen – auf ganz besondere Art auch auf andere Personen.

Abgesehen von dem hohen Science-Fiction-Anteil, den der Roman mit dem Thema der Unsichtbarkeit bietet, ist jedoch noch einiges mehr aus dem Buch herauszulesen. Etwas befremdlich wirkt beispielsweise die unverhohlene Sympathie gegenüber Franzosen und Ungarn und auf der anderen Seite die Antipathie beziehungsweise durchaus auch offen gelegte Feindseligkeit gegenüber Deutschen. Sicherlich ist dies auch im Kontext zu Vernes Zeit, Leben und Werk zu sehen, auffallend ist es allerdings schon – und sicherlich auch gewöhnungsbedürftig.

Verne war ein großartiger Schriftsteller, weshalb man sich keinen Roman von ihm entgegen lassen sollte. Was die Unsichtbarkeit angeht, so schwächelt Vernes hier angebrachte Theorie zwar und zeigt sich insgesamt recht schwammig, jedoch ist „Das Geheimnis des Wilhelm Storitz“ dennoch lesenswert, denn es zeigt auf eine für Verne typische und sehr mitreißende Art sehr viel mehr als nur die Folgen von Unsichtbarkeit und verletztem Gefühl.

Stephen King: Love

Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Seit ihr Mann Scott, ein berühmter Schriftsteller, starb, hat Lisey das Leben erstaunlich gut allein gemeistert – zumindest zwei Jahre lang. Nun jedoch zeigen sich die ersten Schatten, die rasch anwachsen, und sie zwingen Lisey zur Verarbeitung ihrer Trauer und der Aufarbeitung ihrer Ehe und Liebe zu Scott. Zum einen ist Liseys älteste Schwester, die mittlerweile sechzigjährige Amanda, ein Sorgenkind. Immer häufiger verletzt sie sich selbst, und als sie schließlich in einen katatonischen Zustand verfällt, muss Lisey sich schließlich um einen Betreuungsplatz für Amanda kümmern – eine Angelegenheit, um die Scott sich, wie Lisey erstaunt feststellt, zu Lebzeiten noch sehr umfassend gekümmert hatte.

Liseys größeres Problem sind jedoch die Leute, die Scotts Nachlass unbedingt haben wollen, in der Hoffnung, dass sich darunter Perlen wie unveröffentlichte Manuskripte befinden. Dafür, dass Lisey in den letzten zwei Jahren das Büro ihres Mannes keineswegs gesichtet oder gar aufgeräumt hat, haben nur wenige Verständnis – ganz sicher jedoch nicht der Wahnsinnige Zack McCool, der scheinbar in Zusammenarbeit mit einem Professor der Universität Pittsburgh auf Liseys Fersen bleibt und schließlich sogar ihr Leben bedroht, was sich nicht als leere Warnung herausstellt …

Doch obwohl Scott bereits zwei Jahre lang tot ist, ist er es, der Lisey durch diese schwierige Zeit begleitet; und die Zeit vor und während ihrer gemeinsamen Ehe ist es auch, die Lisey noch einmal ganz bewusst durchleben muss, um zum Ziel zu kommen.

In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichsten Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns“, so verrät der Klappentext. Vor allem diese Zeilen und das Nachwort Kings, in dem er feststellt, Scott sei nicht er und Lisey nicht seine Frau Tabitha – und sicherlich auch eine große Portion Neid – sind es, die Kritiker wohl dazu ermutigten, genau diese Punkte zum Zentrum ihrer Kritik am Buch zu machen. Natürlich sei der Roman stark autobiografisch, auch und gerade weil anderes behauptet würde, aber so viele Details seien authentisch, so auch die einstige Bedrohung Tabithas 1991, die Tatsache, dass Tabitha einige Schwestern habe wie Lisey im Roman auch und zuletzt seien fiktionale Elemente dem Wunschdenken Kings, etwa der Erhalt des Pulitzer-Preises, wie ihn Romanfigur Scott bekommen hat, zuzuschreiben.

Leider übersehen diese Kritiker wohl aber die zahlreichen nicht-authentischen Elemente des Buches sowie die aus der Phantastik ebenso. Das Attentat auf Romanfigur Scott ist sicherlich weder realen King-Details noch Wunschdenken zuzuordnen und zu guter Letzt schreibt King in seinem Nachwort nicht, dass es keinerlei autobiografische Züge im Buch gebe – er verneint lediglich eine Gleichsetzung der Buchfiguren mit den real existenten Personen … George W. Bush vielleicht ausgenommen. Nein, korrekter gesagt muss es heißen, dass die Gleichsetzung der familiären Buchcharaktere zu den realen Personen nicht möglich ist – dennoch ist vieles in diesem Buch durchaus real, wenn vielleicht auch nicht autobiografisch. King zitiert von zahlreichen Autoren, aus vielen Büchern, Filmen und aus Liedern.

Neben den Zitaten bekannter und weniger bekannter Persönlichkeiten finden sich in diesem Roman viele typische Merkmale von Kings Stil: Natürlich spielt auch dieser Roman in Maine und einmal mehr begleitet der Leser im Grunde durchschnittliche Menschen auf einem immer weniger durchschnittlichen und realen Weg. Kings Stil ist zumeist gewohnt knapp und plastisch angelegt, was den Autoren allerdings nicht davon abhält, jemanden über viele Buchseiten hinweg schlicht eine Mahlzeit zuzubereiten lassen oder ähnliches. Dies ist ein durchaus nennenswerter Kritikpunkt am Buch: Es hat deutlich spürbare Längen, die das Lesen nicht nur zu einem Vergnügen werden lassen. Zwar werden lange Passagen meist wieder dadurch aufgepeppt, dass King sehr bewusst mit verschiedenen Zeiten jongliert, dennoch ziehen sich die ersten paar hundert Seiten teils kaugummiartig.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt dem Experimentellen in „Love“ zu. King übertrifft sich selbst, wenn er zahlreiche neue Wörter erfindet, die zumeist gut ins Deutsche transportiert worden sind, oder wenn er verschiedene Dialekte in das Buch integriert. Dennoch sind diese das gesamte Buch durchziehenden Passagen teils anstrengend für den Leser, zumal sie in so geballter Fülle zu Tage treten.

Unabhängig von irgendwelchen biografischen Details ist dieses Buch das, was seine Titel versprechen: Es ist „Lisey’s Story“, die King hier erzählt, zugleich ist es eine Geschichte, die zuallererst von der Kraft der Liebe, von „Love“, erzählt.
Es ist ein „verschmickt“ gefühlvoller Roman, ein rührender, ein mythischer – ebenso mythisch wie der Pool, den King in diesem Roman beschreibt, der Pool in Boo’ya Mond. Und eines ist sicher: King hat es in und mit diesem Buch wirklich „umgeschnallt“.

Manil Suri: Vishnus Tod

“Vishnus Tod” ist schon ein älterer Roman aus Indien; in deutscher Sprache erschien er Ende 2002.
Es handelt sich um den Debütroman eines indischen Mathematikers, der allerdings seit seinem zwanzigsten Lebensjahr in den USA lebt.

Der Titel des Romans ist namensgebend, denn letztlich dreht sich alles um Vishnu, der auf dem Treppenabsatz eines Mietshauses in Bombay lebt und im Sterben liegt. Während er sich an seine Kindheit und an seine große Liebe erinnert, von einer Vision zur nächsten dämmert, geht um ihn herum das Leben weiter – und es geht hoch her.
Die einzelnen Mieter haben ihre eigenen Probleme, mit sich, mit ihren Partnern und Kindern, mit den anderen Mieters. Vor allem aber haben sie ein Problem mit Vishnu, der für alle offenkundig in absehbarer Zeit sterben wird.
Die vorrangigen Probleme hierbei sind durchweg materialistischer Art: Wer soll die Reinigung der Treppe und den Abtransport der Leiche zahlen? Könnte man Vishnu jetzt noch retten? Aber falls ja: Wer kommt für den Krankenwagen auf?

Um solche und ähnliche Fragestellungen rankt sich das Buch und wirft damit einen sehr guten Blick auf die ärmlichen Verhältnisse der Mieter, auf Alltags- und Gefühlsregeln und vielerlei mehr.

Der Roman ist sehr intensiv, auch wenn es eine Weile dauert, bis man sich eingelesen hat. Im Grunde für mich übrigens – mal wieder – ein typisches Buch für Indien, denn all die Aspekte, die ich so typisch finde, kommen vor: 1001 Verhaltensregel, an die man sich hält oder die man zu umschiffen versucht, ärmliche Bedingungen, aus denen die Menschen das Beste zu machen versuchen, die Diskrepanz zwischen Jugendträumen und der späteren Realität, aufwändige Heiratspläne und -vorbereitungen, eine große Kelle spiritueller Inhalte und eine mindestens ebensolche an Bigotterie, wobei ich gerade in dieser Hinsicht nicht die Bigotterie selbst so spannend finde, sondern die Eigenart indischer Romane – zumindest habe ich noch keinen erwischt, in dem es anders gewesen wäre -, diese so lebendig, gefühlvoll und nachvollziehbar zu beschreiben.

Vielleicht liegt es auch daran, dass es einfach ein ganz anderer Alltag und ein grundsätzlich anderes Lebensgefühl ist, das einem mit Indien präsentiert wird, aber die Loser in indischen Geschichten verlieren meist auf Grund einer bestimmten Entwicklung und besonderer Umstände und handeln darum auch so, wie sie es tun. Das empfinde ich nicht als berechnend oder bösartig, und gerade dieser Aspekt kommt in “Vishnus Tod” besonders deutlich zur Geltung (bei den Nachbarinnen Parthak und Asrani).

Wohl genau wegen dieser Wahrnehmung indischer Geschichten hat mich auch das doch sehr extrem Visionäre und Surreale des Buches überhaupt nicht gestört; ich fand es stimmig und atmosphärisch.

Besonders gut gefallen hat mir, hier mal Aspekte eingebracht zu finden, die ich in anderen Geschichten bislang nicht entdeckt habe. Einmal die Prostituierte Padmini, auch wenn diese für mich ein bisschen blass geblieben ist, und dann das Vorkommen muslimischer Nachbarn, Umgang und Meinung unter- und voneinander. Außerdem ist dieser Roman der erste, den ich gelesen habe, in dem die typischen Bollywoodfilme eine gewisse Rolle spielen. Ist mir nur aufgefallen, einen Bezug dazu habe ich nicht – denn während ich indische Romane bislang durchweg sehr gerne lese, finde ich Bollywood grässlich.

Übrigens hat “Vishnus Tod” mir ein bisschen das Essen verdorben. Ich hatte knapp die Hälfte gelesen, es schien die Sonne und mir war so ein bisschen danach, summend durch die Gegend zu laufen. Ich habe also Ylang-Ylang-Öl in meine Duftlampe gekippt und es mir schließlich mit leckerem indischen Essen gemütlich gemacht (Hähnchenfilets mit getrockneten Pflaumen, Aprikosen, Bananen und Gemüse in milder Currysauce, dazu Chapattis mit Knoblauch und Ghee – yamm!), um so richtig stilecht im Buch weiterschwelgen zu können. Dummer Zeitpunkt, denn das war in etwa genau die Hälfte, ab der das gesamte bisher aufgebaute Bild, trotz aller Tragik doch auch angenehm träumerisch und spöttisch zugleich, zu kippen begann und das ganze Drama eskalierte. Hmpf.

Einzig nicht so gelungen bei diesem Buch ist die Übersetzung. Das häufige Vorkommen von “wallah” empfand ich als ausgesprochen nervig. Da hätte man für die deutsche Ausgabe wenigstens ein paar entsprechend anders übersetzen können – so wie ich auch nicht verstehe, warum zum Beispiel das Wort für Rettich einmal direkt verwendet wurde, im nächsten Satz als Rettich übersetzt wurde und wegen der einmaligen Verwendung im Satz zuvor gleich im Glossar landete. Das sind überflüssige Aspekte, die auch nicht zur Gesamtstimmung beitragen, wenn man sie im Original stehen lässt, also wozu dann sowas?
Aber das ist letztlich alles Kritik an der Übersetzung, nicht am Inhalt.

Insgesamt ein empfehlenswertes Buch, wobei ich es nicht unbedingt “Indien-Einsteigern” empfehlen würde. Am besten liest man erst den einen oder anderen sonstigen indischen Roman, und wenn man für diese seine Liebe entdeckt, ist man sicherlich auch mit “Vishnus Tod” sehr gut beraten.

Dieser Titel wurde mit der “Corine” 2001 ausgezeichnet.

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

Eines der Bücher, bei denen ich mir schon zu ihrem Erscheinen vornehme, sie irgendwann mal zu lesen. Bei “Ein Tag mit Herrn Jules” hat es drei Jahre gedauert.

Gelesen habe ich das Ganze schließlich im Urlaub, obwohl das mit 96-123 Seiten (letzteres in der Großdruckvariante, die ich gelesen habe) eigentlich ein Buch ist, das mal eben so zwischen zwei Mahlzeiten oder ähnliches passt. Inhaltlich passt es aber eigentlich nicht ins “Zwischendurch”, und genau genommen ist es auch keine (zumindest klassische) Urlaubslektüre.

Zu Beginn des Buches erwacht die Erzählerin des Ganzen und nimmt als erstes den Kaffeeduft aus der Stube wahr. So ist es jeden Morgen, denn den Kaffee zu kochen und alles für das Frühstück zu richten, das ist in erster Linie die Aufgabe ihres Mannes Jules. Und so steht Alice auf – in Erwartung eines ganz normalen Tages.
Jules sitzt im Wohnzimmer und schweigt. Es dauert eine Weile, bis die Erzählerin versteht, was vor sich geht: Jules ist tot.

Es geht nicht um einen spektakulären Mord, um Geister oder sonst etwas Fantastisches oder Abstruses. Es geht einfach um den Tod, der bei einem alten Ehepaar erwartet eintritt, aber doch nicht zur rechten Zeit. Es geht darum, Abschied zu nehmen von einem geliebten Menschen, nicht einmal irgendeinem, sondern von dem Menschen, mit dem man einen Großteil seines Lebens er- und gelebt hat.

Alice macht an diesem Tage in der gewohnten Struktur das, was sie sonst zusammen mit Jules getan hat – und doch stolpert sie immer wieder über Dinge, die in Zukunft anders laufen werden und müssen. Sie kann nun essen, was sie möchte, trinken, was sie möchte. Sie kann an Kleidung tragen, was sie möchte und sie braucht nicht mehr genau auf bestimmte Manieren zu achten. Aber sie wird auch morgens keinen Kaffeeduft mehr riechen, der sie weckt, sie wird keine Gespräche mehr mit Jules führen, es gibt keine Arbeitsteilung mehr.
Sie redet mit ihrem toten Mann, als sei er noch da, und ohne jemanden zu informieren nimmt sie sich die Zeit, von Jules Abschied zu nehmen. Sie sagt ihm, was sie mochte, liebte, hasste und erzählt von alten Verletzungen, über die sie gemeinsam zu seinen Lebzeiten nicht sprachen.

Man sieht: Es sind nur 96 Seiten, aber es steckt unglaublich viel in diesem kleinen Büchlein. Vor allem der Stil ist es, der mitreißt. Nichts ist besonders Effekt heischend, dramatisch oder kitschig, sondern es ist eine Geschichte, die mitten aus dem Leben kommt und den Tod verabschiedet – den Tod, wie er einen wirklich betrifft, nicht fiktional, nicht im Kino, sondern gänzlich realistisch.
Dabei hat die Autorin alles so wunderbar detailliert eingefangen, so punktgenau beschrieben und hat doch vieles zwischen den Zeilen gelassen, das man als Leser entdecken kann, eine Geschichte des Alterns und des Alters, eine Liebes- und Ehegeschichte, eine Geschichte der Akzeptanz, des Respekts, eine Lebensgeschichte und eine Geschichte des Abschieds.

Einfach wundervoll zu lesen und sehr zu empfehlen. Wartet nicht auch drei Jahre, so wie ich, bis ihr dieses Buch zur Hand nehmt!

Allison Pearson: Working Mum

Working Mum” von Allison Pearson gehört zu den Titeln mit nachhaltigerer Wirkung, als man sie ihnen zutraut. Kennen gelernt habe ich diesen Buchtitel als Hörbuch von Hörbuch Hamburg 2004, erhältlich ist er auf jeden Fall noch als dritte Buchauflage des Rowohlt-Verlages.

Im Grunde seichte Kost, aber … ich fang mal vorne an:

Kate Reddy ist nicht nur eine der führenden Kräfte eines Londoner Investmentunternehmens, sondern zudem auch verheiratet und Mutter zweier Kinder. Trotzdem so einiges passiert im Verlauf des Hörbuches, ist dies eigentlich der Kern des Ganzen und alles andere eher schmückendes Beiwerk, wenn es darum geht, den Alltag und die Probleme einer Mittdreißigerin in eben dieser Situation zu beschreiben.

Das Audiobook ist hauptsächlich aus Kates Gedankenwelt entnommen. Sie ist es, die Situationen beschreibt, erklärt und kommentiert und schon nach den ersten fünf Minuten hat man ein klares Bild dieser Frau vor Augen und ist bereit, mit ihr zu lachen und zu weinen.
Doch sie erzählt nicht einfach nur von alltäglichen Begebenheiten, sondern lotet sie weiter aus, verliert sich in Gedanken wie dem, dass sie einem gekauften Kuchen unbedingt noch etwas Eigenes zufügen muss, um nicht ihre Tochter zu blamieren, bei den anderen Müttern ins Gerede zu kommen, sich selbst zu beweisen und nicht zuletzt die Gunst der Klassenlehrerin nicht zu verlieren, wenn es in einigen Jahren um die Auswahl der geeigneten weiterführenden Schule für ihre Tochter gehen soll.
Gerade dieses Abschweifen ist es, was dieses Hörbuch unglaublich lebendig macht und sehr nahe an einen heran trägt.
Auch die Gedanken, die die Protagonistin sich abends im Bett macht, die von der Notwendigkeit, einen neuen Teppich zu kaufen über den Stand bestimmter Aktien innerhalb einer einzigen Minute bis zu fehlendem Toilettenpapier reichen, haben einen hohen Wiedererkennungswert, was die eigene Person, also die des Hörers – oder hier wohl mehr der Hörerin – angeht.
Die vielen eMails, die Kate mit diversen Leuten, meist Freundinnen, austauscht, sind ebenfalls unterhaltsam und fügen sich ins Gesamtbild, allerdings ist hier das Mitlesen bestimmter Kürzel und Eigenarten, wie ein “XXXXXXXX” am Ende einer solchen eMail durch die Masse der verlesenen (in der Hörbuchversion zumindest) schnell nervtötend.

Dies ist aber auch der einzige Kritikpunkt, denn ein weiterer, den ich schon recht zu Anfang des Buches ankreidete, verpufft in der Luft. Natürlich soll nicht alles bereits verraten werden, trotzdem der Hinweis, dass Kate nach kurzem bereits einen Mann kennen lernt, in den sie sich verliebt. Meine bestürzten Gedanken spulten die Geschichte gleich weiter vor: Sie beginnt eine Affäre, verlässt Mann und Kind, widmet sich ganz dem neuen Mann, bleibt erfolgreich im Geschäft, nur um dann entweder festzustellen, dass sie wieder in den gleichen Trott kommen wird und bereut oder aber, dort wird die Geschichte geschlossen und lässt den Hörer mit diesem offenen Ende unbefriedigt zurück.
Tatsache, und das ist mit das Schönste an dem Ganzen: Nein, so ist es nicht, so wird und kommt es nicht.
Die Autorin Allison Pearson hat eine wunderbare Grätsche geschafft beim Verfassen dieses Buches, bei dem am Ende einfach eine sehr schöne Geschichte steht, die aber weder ausnahmslos für berufstätige Mütter, noch gegen sie spricht. Sehr gelungen!

Gesprochen wird das gesamte Hörbuch von Nina Petri, die unter anderem aus der TV-Serie “Rote Erde” bekannt ist, mittlerweile aber auch zahlreiche Hörbücher eingesprochen hat, und auch diese Wahl ist eine ausgezeichnete gewesen. Wahrscheinlich ging es der Sprecherin wie mir und vielen anderen wohl auch, dass sie ein Stück von sich selbst in der Protagonistin entdecken konnte, denn sie spricht sie von vorn bis hinten überzeugend, ganz egal, welche Gefühle gerade im Vordergrund stehen.

Ein wirklich lohnenswertes Hörbuch, das meiner Erfahrung nach übrigens tatsächlich nicht nur für Frauen unterhaltsam ist, dem ein anständigerer Schuber (das Hörbuch gibt’s in billig wirkendem Pappschuber, aus dem die einzelnen CDs gerne mal raus rutschen) jedoch mehr als gut getan hätte.

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