Jennifer Valoppi: Das Allheilmittel

Anhand der Kurzbeschreibung des Buches hatte ich diesen Titel, das Romandebüt einer Fernsehjournalistin, ein paar Monate auf der Wunschliste, bis er bei mir gelandet ist – und ich habe mich total auf das Lesen gefreut. Hier also mein Feedback zu:

Claire Cummings liegt im Sterben: Krebs im Endstadium. Sie ist dabei, sich mit ihrem Schicksal abzufinden, als sie die Bekanntschaft des Arztes Dr. Viviee macht, einem Mediziner, der in China praktiziert und dort angeblich ein Mittel gegen den Krebs gefunden haben will. Claires Tochter Helene, bekannte Fernsehjournalistin mit eigener Sendung, ist skeptisch, was eine illegale Behandlung betrifft, und auch Justin, Claires 14-jähriger Enkel, hält einen Behandlungsversuch für zu gefährlich. Claire lässt sich dennoch von Dr. Viviee den ominösen Nanochip implantieren, und wie durch ein Wunder wird sie gesund.
Während Helene ihre Meinung ändert und mit Hilfe von Dr. Viviee und ihrer Mutter Claire, die sie beide exklusiv in ihre Fernsehsendung bringt, die Quote ihrer TV-Sendung aufpolieren will, bleibt Justin skeptisch. Er bemerkt, dass seine Großmutter sich verändert und ihre Herzlichkeit verliert. Damit nicht genug, verliert er beinahe seine Freundin Madeline wegen der Aufdringlichkeit und sexuellen Angebote seiner Mitschülerin Samantha, hat Stress mit einem Typen namens Spider, der ihn unbedingt zu „Battle Ultimo“, einem sehr angesagten Online-Game, herausfordern will und hat Visionen von einem Mann, der in Licht getaucht vor ihm erscheint und mit ihm spricht. Wird Justin verrückt oder ist es die Welt um ihn herum, die langsam durchdreht?

Der Klappentext selbst und Buchrückenkommentare wie „Fesselnd-brisanter Mystery-Thriller“ und „Jennifer Valoppi behandelt […] den Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion“ wecken, wie schon erwähnt, große Neugier und man freut sich auf die Lektüre dieses Schmökers.

Tatsächlich ist das Ganze aber eher eine Mogelpackung, die dem Nanochip des Romans in dieser Hinsicht ähnelt:
Die Story ist sehr vorhersehbar und irgendwo zwischen Stephen Kings „Needful things“, „The Stand“ und dem Film „God’s Army“ anzusiedeln, erreicht jedoch bei weitem nicht die Tiefe und Komplexität dieser Titel.

Dabei fängt das Ganze recht vielversprechend an, bis man sich schon zu wundern beginnt, warum 14-jährige in komplexer Form über Primzahlen im Unterricht diskutieren und Projektarbeiten zu Quantentheorien erledigen sollen.
Im Verlauf tauchen dann immer mehr Personen und Handlungsstränge auf, die letztlich dafür sorgen, dass die Kernidee des Buches untermauert wird, von dieser Intention abgesehen aber völlig überflüssig sind, da auch sie nicht in die Tiefe gehen. Der brutale Mord an einem renommierten Arzt, den Sicherheitsexperte Robert mit aufzuklären versucht, die Avancen der Jugendlichen Samantha, die sich an Justin ranschmeißt, der seltsame Spider und überhaupt die gesamte Sequenz rund um das Spiel „Battle Ultimo“, die geheilte Rothaarige, die fortan nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen ist … ganz egal, welchen Part aus „Das Allheilmittel“ man herauslöst: Es wirkt immer aufgesetzt, gewollt, konstruiert und die Personen sind lediglich Schablonen.

So bleibt die Spannung recht schnell auf der Strecke und für Identifikation mit einer der Figuren bietet der Roman keinen rechten Raum. Am Ende hat man 478 Seiten gelesen und fragt sich, warum man das Buch nicht schon nach der Hälfte weggelegt hat.

Theophile Gautier: Die liebende Tote

Im Juni 2008 veröffentlichte Titania Medien die 26. Folge aus der Reihe „Gruselkabinett“. Dieses Mal war es die Geschichte „Die liebende Tote“ von Theophile Gautier, die als 57-minütige Hörspielfolge aufbereitet wurde.

Ein junger Mönch hat sich verliebt und vertraut sich dem alten Mönch Romuald an. Trotz dieses Vertrauens fühlt sich der junge Mann unverstanden und glaubt nicht, dass Romuald nachempfinden kann, wie ihm zumute ist. Romuald jedoch überrascht den jungen Mönch mit einer Geschichte, die ganz anderes offenbart:

Am Tag seiner Priesterweihe begegnet Romuald der Frau seines Lebens. Sie vermag nicht zu verhindern, dass Romuald dennoch sein Gelübde ablegt, doch sie verschwindet durch dieses auch längst nicht aus seinem Leben. Romuald trifft sie wieder, als er es am wenigsten erwartet, und durch diese eigenartige und zugleich schicksalhafte Wiederbegegnung entscheidet Romuald sich für die Liebe. Er brennt mit seiner geliebten Clarimonde durch und gibt sich fortan den Ausschweifungen des Lebens hin. Als Clarimonde schließlich erkrankt, muss Romuald jedoch herausfinden, dass nur Blut sie retten kann, und auf eben jenes Blut verzichtete Clarimonde aus Liebe zu Romuald …

„Die liebende Tote“ ist eine klassische „Gothic Novel“, was im Deutschen – etwas unzureichend – üblicherweise mit „Schauermärchen“ übersetzt wird. Der Schauer hierbei ist lediglich subtiler Art, Gruseleffekte treten praktisch gar nicht auf, die Geschichte wird von Romantik und Tragik beherrscht. Besonders tritt hierbei zu Tage, dass auf eine klassische Schwarzweiß-Erzählung verzichtet wurde. Clarimondes Gefühle sind wahrhaft, die des Abtes, der Romuald schließlich auf den „lichten“ Pfad zurückführt, sind es nicht …

Die melancholische Liebesgeschichte wurde sehr professionell in ein Hörspielformat gebracht. Ton und sonstiges Sounds sind sauber und die Sprecher sorgfältig ausgewählt. Die unfreiwillige Komik, die gerade Hörspiele aus dem Grusel- und Horrorsektor der Achtzigerjahre begleitet, fehlt hier völlig.

Die Stimmen, die bei diesem Hörspiel eingesetzt wurden, sind im Audiobereich eher unbekannt und somit unverbraucht, beispielsweise mit Christian Rode, der die Rolle des Abtes Serapion übernahm, treten jedoch auch bekannte Stimmen auf, so auch Torsten Michaelis (beispielsweise deutsche Synchronstimme von Wesley Snipes) .

„Die liebende Tote“ ist eine klassische Schauergeschichte aus dem neunzehnten Jahrhundert, die von Titania Medien gekonnt und mit viel Gefühl ins Hörspielformat gebracht wurde, so dass Flair und Tragik der Geschichte in genau richtigem Maß erhalten bleiben und an den Hörer weitergegeben werden konnten.

Barry McCrea: Die Poeten der Nacht

„Die Poeten der Nacht“ ist der erste Roman des Iren Barry McCrea. Übersetzt von Bettina Stoll ist das Buch in deutscher Sprache im Februar 2008 im aufbau-Verlag erschienen, 2009 auch als Taschenbuch. Das Buch entführt den Leser mit insgesamt 426 Seiten in die Welt eines geheimen Kults.

Niall hat es geschafft, einen Studienplatz am Trinity College zu ergattern. Dabei ist er einer von nur zwei Stipendiaten und entsprechend groß sind seine Pläne. Doch schon an seinem ersten Tag in Dublin passiert etwas Merkwürdiges: Ein Fremder singt vor seinem Fenster und jagt ihm damit eine gehörige Angst ein. Doch die ist bald vergessen, denn Niall knüpft erste Kontakte, schließt Freundschaften und verbringt seine Freizeit in Bars und auf Partys, während er mit Fionnula, der anderen Stipendiatin, viel Zeit verbringt, privat wie auch hinsichtlich des Studiums. Die Freundschaft zwischen den beiden ist platonisch, denn Niall ist schwul, auch wenn er das geheim hält, und während sich um ihn herum Paare bilden, verdaut er noch die unerwiderte Liebe eines früheren Mitschülers und Freundes.

Von diesem noch in der Entwicklung begriffenen Aspekt seiner Persönlichkeit einmal abgesehen, könnte für Niall alles wunderbar laufen, aber auf einer Party macht er in den frühen Morgenstunden die Bekanntschaft von John und Sarah. Im Rahmen eines Partyspiels erklären sie Fionnula die Sortes, die sie gern nutzen, als Partyspiel: Man stellt eine Frage und greift dann ziellos nach einem Buch in irgendeinem Bücherregal, schlägt irgendeine Seite auf, fährt mit dem Finger entlang und liest den Inhalt der ausgewählten Zeile und der nachfolgenden vor. Diese Textstelle gilt es dann als Antwort auf die gestellte Frage zu interpretieren. Während Fionnula diesem Spiel überhaupt nichts abgewinnen kann, versucht Niall es selbst, sehr zum Missfallen von John und Sarah. Die Antworten sind verblüffend und Niall erkennt sofort, dass es sich hierbei um mehr als nur ein Partyspiel handelt. Er fragt John und Sarah aus, folgt ihnen, stellt sie immer wieder zur Rede, obwohl die beiden ihm offensichtlich keine weiteren Informationen geben wollen.

Irgendwann jedoch wird Nialls Hartnäckigkeit belohnt und die beiden nehmen ihn in ihrem Kreis auf. Von da an ist Nialls Existenz nur noch geprägt von den Sortes, nichts geschieht mehr ohne Orakel, ja, selbst Personen spürt er mit Fragen an die Bücher und der Interpretation der Antworten auf. Aus den Treffen der drei Studenten werden irgendwann nächtelange Séancen und Niall erfährt, dass Sarah, die „Chefin“ des kleinen Clubs der Literati, ihrerseits Anweisungen zu deren Durchführung von einem geheimnisvollen Luis per Mail erhält. Pour Mieux Vivre nennt sich der Kult, bei dem immer nur ein Mitglied ein anderes unterweist, und alle drei, Niall, Sarah und John, wollen mehr wissen, mehr erfahren.

Die Suche nach Wahrheiten, Weisheiten, spiritueller Erfahrung und den Hintergründen der Pour Mieux Vivre nimmt Niall immer mehr gefangen. Vorbei sind die Zeiten von Partys, Studium, Freunden und sogar Familie. Niall befindet sich inmitten eines Strudels, der ihn nach unten zieht, ohne dass er dies auch nur bemerkt …

„Die Poeten der Nacht“ ist ein bemerkenswertes und zugleich sehr eigenartiges Buch. Mit seinem Umfang und all den Zitaten aus diversen Büchern ist der Roman geradezu ein potenzieller Klassiker für alle Bücherfreunde. Der Roman ist allerdings auch sehr verstörend.

McCrea hat sich nicht darauf beschränkt, einen konspirativen Roman zu schreiben, sondern fordert den Leser bei der Interpretation des Ganzen. Wie dem vorangestellten mehrseitigen Interview mit dem Autor zu entnehmen ist, war McCreas Beweggrund vor allem der zu beschreiben, wie groß die Sehnsucht sein kann, den eigenen Alltag und die erlebte Realität zu mythologisieren und welche Gefahren davon ausgehen können. Dennoch ist „Die Poeten der Nacht“ weitaus mehr. Es ist die Geschichte der Suche eines Helden (auch wenn Niall wenige Züge eines echten Helden besitzt) und damit im Ganzen selbst ein geradezu klassischer Mythos. Der Roman ist sehr mystisch und konspirativ, aber auch ebenso psychologisch wie psychotisch. McCrea präsentiert keine Auflösung auf dem Silbertablett, sondern zwingt den Leser, sich mit dem Dargestellten selbst auseinanderzusetzen und eigene Schlüsse zu ziehen. Diese Mischung erreicht, dass „Die Poeten der Nacht“ ein Roman ist, der lang im Gedächtnis haften bleibt und deutlich nachwirkt.

Etwas Besonderes ist auch das geographische Element des Romans. Fast die gesamte Handlung spielt in Irland, davon ein Großteil in Dublin. McCrea hat viel Zeit darauf verwendet, Straßen zu benennen, Bauten und Sehenswürdigkeiten einzubringen und diese sehr detailliert zu beschreiben. Dabei gelingt ihm die Gratwanderung, all diese Beschreibungen nicht als reinen Füllstoff wirken zu lassen, sondern ihnen eine Bedeutung innerhalb der Handlung zu geben. Manch ein Ort hat Wiedererkennungswert und ist beim weiteren Auftauchen durch die detaillierten Beschreibung gleich viel plastischer im Kopf des Lesers, insgesamt gibt es viele Orte mit Bezügen zu Büchern, zum Lesen und derlei, und zu guter Letzt verdoppeln alle geographischen Beschreibungen und auch sonst sehr lokale Phänomene wie typische Dialekte innerhalb Irlands beispielsweise die Probleme Nialls. Oft streift er durch die Straßen, fühlt sich durch bestimmte Gebäude oder andere Orte an ein Buch erinnert oder ein Ort bekommt innerhalb einer Séance eine bestimmte Bedeutung.

„Die Poeten der Nacht“ ist ein wirklich besonderes Buch und ein erstaunlicher Erstling, der einen gefangen nimmt und ihn den beklemmenden Weg und die ängstigenden Erfahrungen Nialls mitverfolgen lässt. Man hat nicht nur länger etwas von der Geschichte auf Grund ihres Umfangs, sondern Nialls Erlebnisse wirken auch noch lange nach. Außerdem ist „Die Poeten der Nacht“ ein Roman, den man tatsächlich mehrmals zur Hand nehmen kann, denn bei allen enthaltenen Details gibt es immer wieder Neues zu entdecken – auch ohne, dass man selbst das Buch als Orakel nutzen würde. Die vorangestellten Informationen zu Buch, Dublin und den Sortes sowie das enthaltene Interview mit dem Autor bieten zudem einen hohen Mehrwert.

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