Claudia Frenzel: Nö

Miriam leidet an “polyphasischem Schlafmuster des desorganisierten Typus”, was in ihrem Fall bedeutet, dass sie immer nur etwa zwei Stunden schläft, die aber häufiger über den Tag verteilt. Meist überkommt die Müdigkeit sie schlagartig und egal, wo sie sich befindet, sie muss dann innerhalb kürzester Zeit schlafen gehen – oder schläft einfach ein. Diese Erkrankung macht einen normalen Tagesablauf für Miriam unmöglich. Zum Glück hat sie Eltern, die betucht genug sind, dass Miriam ihre große Wohnung allein bewohnt, während sie auf Reisen sind, zwar hat sie einen Job in einer Redaktion, in dem sie nach Bedarf stundenweise und auch mal von zu Hause aus arbeiten kann, eine reguläre Ausbildung kommt für Miriam aber nicht in Frage. Freunde hat sie – und auch wieder nicht, denn die Freundschafts- und Beziehungspflege ist nicht leicht bei dieser Diagnose, und das alles macht Miriam zu einem nur bedingt verträglichen Typ.

Ich stehe dem Buch ein bisschen gemischt gegenüber. Es ist nicht schlecht, das vorweg, und es ist zügig zu lesen. Miriam ist etwa Mitte bis Ende 20 (das genaue Alter wird nicht erwähnt oder ich habs nicht mehr im Kopf), ihr Verhalten orientiert sich auf Grund der Erkrankung allerdings nicht so wirklich an ihrem Lebensalter.
Einerseits ist sie ein sehr selbstständiger und intelligenter Typ, der einem sympathisch ist, auch und gerade weil sie so vieles an der Gesellschaft an sich und um sich herum zu kritisieren hat. Sie findet alle möglichen Leute schablonenhaft, ihre Selbsthilfegruppe und etliches andere überflüssig und lächerlich. Sie ist enttäuscht und verletzt, weil sie nicht so wirklich ins Bild passt und oft als Arbeitsfaule oder gar Obdachlose angesehen wird, was sie durch ihre oft schlampigen Klamotten und eben den Nachteil, auch schon mal in der Öffentlichkeit einzuschlafen, andererseits unterstreicht.
Natürlich ist auch Liebe ein Thema, aber das – wie alles andere auch – eher auf Teenagerart. Sie will sich binden und dann doch nicht, reagiert sehr überzogen auf Männer im allgemeinen und kann sich nicht so wirklich entscheiden, was sie will.

Genau diese Unentschlossenheit und dieses zunehmend ziellose Gemecker machen Miriam aber zu einem immer mehr nervenden Typ. Mehrfach wird Bret Easton Ellis’ “American Psycho” im Roman erwähnt und ich finde, man merkt deutlich, dass sich die Autorin daran eine Art Beispiel zu nehmen versucht hat. Zwar gibt es keinerlei Gewalttaten oder so etwas, aber die Aufreger und die Verurteilung anderer von Miriam sind teils einigermaßen derb und vor allem das Namedropping hat Claudia Frenzel übernommen – und das passt nicht wirklich.
Gut, das Ganze spielt in München und richtet sich entsprechend gegen die Münchner Schickeria, okay, nette Idee, aber dieses Namedropping von einer eigentlich außen stehenden Person, die sich – angeblich – für all das auch nicht interessiert und durch ihre Bissigkeit auch schon mal eine Party sprengt, das fand ich ätzend bis unglaubwürdig.

Für mich insgesamt ein seltsames, aber relativ spannend und vor allem schnell zu lesendes Buch, aber eines, das nicht genug durchdacht wurde und im Ganzen einfach nicht rund genug geworden ist, sich nicht genug für eine Richtung entscheidet.
Da ich außerdem zu denen gehöre, die sich mit Übergewicht plagen, sind mir auch gerade die Abfälligkeiten über “Dicke”, die mehrfach auftauchen, sehr negativ aufgestoßen, muss ich sagen.

Viktor Pelewin: Das fünfte Imperium

Ganz besonders begeistert hat mich das 2009 erschienene neue Buch von Viktor Pelewin: “Das fünfte Imperium”.

Mit der Ankündigung “ein Vampirroman” trifft dieses Buch natürlich einen Nerv inmitten des neuerlichen Hypes, den Bella und Edward mit Stephenie Meyers Biss-Reihe ausgelöst haben. In die Abteilung des romantischen Schmökers passt der Titel allerdings überhaupt nicht.

Protagonist Roma folgt dem Aufruf auf einem Aushang, auf dem ein anderes, besseres, elitäres Leben versprochen wird, wenn man sich zu einer bestimmten Wohnung begibt. Neugierig und ein bisschen wagemutig macht sich Roma auf den Weg – und der führt ihn schnurgerade zur Verwandlung in einen Vampir. Diese Wohnung ist fortan sein Zuhause und er durchläuft ein Ausbildungsprogramm durch vampirische Hauslehrer, um seinem neuen Dasein gerecht werden zu können. Roma, der der Tradition der Vampire entsprechend einen neuen Namen annimmt, Rama, hat sehr vieles zu lernen, und nicht alles ist sonderlich eingängig. Neben seiner intensiven Ausbildung wartet jedoch noch eine größere Probe auf ihn: der so genannte große Sündenfall. Roma ist gespannt, und er lernt kurz zuvor einen anderen Vampir kennen – eine Frau.

Pelewin begnügt sich in seinem Roman nicht mit den althergebrachten Vampirklischees. Zwar finden diese im Roman ihren Platz, allerdings genau als solche: Klischees. Die Vampire stellt er als herrschende Rasse der Welt dar, die sich die Menschen für ihre Zwecke herangezüchtet haben. Das Überragende, das Pelewins Vampire somit darstellen, wird jedoch nicht durch die bloße Darstellung von Superkräften, pure erotische Ausstrahlung und ähnliches vermittelt, sondern durch die sehr aufwändig und liebevoll dargestellte Ausbildung von Rama, dessen Wissensstand über Vampire zu Beginn dem des Lesers entspricht, so dass auch dieser die wissenswerten Dinge durch Ramas Ausbildung erfährt. Da geht es um Glamour und Diskurs, ihr Wechselspiel und ihre Ähnlichkeiten, um vampirische wie allgemein gesellschaftliche Regeln, um Politik mit besonderem Augenmerk auf die russische Entwicklung, Absichten und Gepflogenheiten, um Verschwörungen, um Philosophisches und zugleich um Klassiker wie Duellführung und Kampfkunst.

Bei all der Theorie und Ausbildung Ramas ist es dann aber doch ein Hauch von Harry Potter für Intellektuelle, der durch den gesamten Roman weht. Es passiert nicht wirklich viel, der Großteil des Buches plätschert gemächlich vor sich hin, und doch sind gerade die ganzen Ausbildungssequenzen, Lehrinhalte und Diskussionen mit den Lehrern über Philosophie, vampirische Weltsicht und –ordnung, die einen fesseln und mit auf eine Reise nehmen, die etwas Traumhaftes an sich hat.

Traumhaft meint bei diesem Roman allerdings keine Idylle von Friede, Freude und Eierkuchen, sondern eher die Richtung des kritisch-paranoiden Surrealismus. Und genau das fügt sich herrlich in die Gesamtkomposition des Buches ein, in dem der Protagonist schon als Mensch auf authentische Weise kritisch und von der Umwelt und dem Materiellen genervt ist, sich mit eben dieser Kritik als Vampir in der Ausbildung jedoch erst recht auseinandersetzen und sie variieren muss.

„Das fünfte Imperium“ kann man in die Sammlung der Vampirromane oder – allgemeiner gehalten – in die Sammlung der Dark Fantasy oder – noch allgemeiner – in den fantastischen Bereich an sich schieben. Dort allein gehört dieser innovative Roman jedoch nicht hin. Er ist geistreich, kritisch, politisch, postmodern, zeitgenössisch und wirklich ein sehr ernst zu nehmendes Werk der (Pop)-Literatur, bei dem es sich lohnt, sich genauer mit ihm zu beschäftigen.
Wer nach Action sucht, wird enttäuscht sein, doch wer Vampirromane belächelt und in die triviale Ecke schiebt, sollte unbedingt einen Blick riskieren und damit seinen Genrehorizont erweitern.
Endlich mal wieder ein wirklich ernst zu nehmender fantastischer Roman, großartig!

Jane Yolen: Rattenfänger

Eine Zufallsentdeckung, die mich ziemlich begeistert hat, ist “Rattenfänger: Ein Rock’n’Roll-Märchen”.

Dass das 171-seitige Taschenbuch von Jane Yolen und ihrem Sohn Adam Stemple mit dem „Locus Award“ als bestes Buch des Jahres ausgezeichnet wurde, wirft bei Lesern, die den Award nicht kennen, wohl Fragezeichen auf. So etwas wie die Goldene Himbeere für Filme vielleicht? Mitnichten! Der „Locus Award“ wird vom „Locus Magazine“ seit den Siebziger Jahren vergeben und zeichnet Science-Fiction- und Fantasy-Literatur aus. Tatsächlich gehört er in diesen Genres zu den bedeutendsten Awards, und „Rattenfänger“ – im Original „Pay the Piper“ – wurde in der Kategorie Jugendbuch ausgezeichnet.

Callie, eigentlich heißt sie Calcephony, kämpft im Alltag mit den üblichen Problemen: mit nervigen, strengen Eltern, mit einem jüngeren Bruder, mit Schulaufgaben und –pflichten, mit der Wichtigkeit, „hip“ zu sein.
Ein Konzert ausgerechnet in der trostlosen Gegend, in der Callie wohnt, stellt Callie vor eine wichtige Aufgabe: Wie kann sie es schaffen, dass ihre Eltern ihr erlauben, das Konzert zu besuchen? Callie gelingt es mit einer kleinen List tatsächlich, allerdings muss sie dafür einen Artikel für die Schülerzeitung über das Konzert schreiben.
Beim Konzert selbst wundert sich Callie über die hypnotische Wirkung der Band Messingratte auf das Publikum, doch noch mehr verwundert sie das jugendliche Aussehen der Bandmitglieder, denn zu den Klängen von Messingratte tanzten einst schon ihre Eltern, und doch sehen sie alle jung und attraktiv aus. Hinter der Bühne belauscht Callie dann ein Gespräch und macht eine seltsame Beobachtung. Von einer Blutschuld ist die Rede, von einem Zehnt (dessen Bedeutung sie erst zu Hause nachschlagen muss) aus Silber, Gold oder Seelen, und Callie beobachtet, wie der Leadsänger mit seiner Flöte echte Ratten zum Tanzen bringt. Völlig verstört kehrt sie nach Hause zurück. Irgendwas stimmt nicht mit der Band. Doch wie soll sie das in ihrem Artikel für die Schülerzeitung glaubhaft unterbringen?
Doch plötzlich verschwindet Callies jüngerer Bruder, und mit ihm sämtliche Kinder der Umgebung. Kein Kind ist vom Süßigkeiten sammeln zu Halloween zurückgekehrt. Callie recherchiert und findet eine furchtbare Parallele zwischen Band und einer alten Legende – ist der Rattenfänger von Hameln zurückgekehrt?

Die Bezeichnung „Rock’n Roll-Märchen“ wirkt ein wenig deplaziert bei dieser phantastischen und leicht zu lesenden Geschichte. „Rattenfänger“ ist eine Geschichte, die Realität und Sagen verbindet, die schrittweise ins Reich der Feen führt. Die Folkrockmusik der Band Messingratte ist hierbei der einzige Bezug zu einem „Rock’n Roll-Märchen“.

„Rattenfänger“ ist nicht einfach nur kurzweilig, sondern zugleich auch anspruchsvoll. Die Welt von Callie, ihre Gedanken und Sorgen, sind jugendlich, wirken jedoch stets authentisch, nie gekünstelt, aufgesetzt oder übertrieben.
Dem gegenüber stehen die Rückblicke, die nach und nach die Geschichte hinter der Band Messingratte enthüllen und immer weiter in eine Welt der Magie und Mystik entführen.
Bei all dem ist „Rattenfänger“ jedoch kein seichtes Buch. Es geht ordentlich zur Sache und der Leser lernt bald, dass auch Feen grausam sein können. Dennoch ist der Pegel der Brutalität jugendtauglich und genau in richtigem Maße realistisch (insofern bei einem Fantasybuch dieser Begriff passend anzuwenden ist).

Die stabile Paperback-Ausgabe hält einiges aus, so dass man das Buch wunderbar auch unterwegs lesen kann. Das Buch macht sich jedoch ebenso gut im Regal – vielleicht sogar mit zu betrachtender Front, denn das Coverbild von Freya Maul lohnt den Anblick und ist herrlich poppig.

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