Sebastian Fitzek: Amokspiel

Sebastian Fitzek ist seit einiger Zeit ja in aller Munde, und so dauerte es nicht lang, bis seine Titel “Die Therapie” und “Amokspiel” als Hörbücher auf meinem Nachtschrank landeten.

Zuerst muss ich zugeben, dass dieses Hörbuch etwa ein Jahr lang auf meinem Nachttisch lag, bevor ich es komplett gehört habe. Dabei gab es einige Ansätze meinerseits, “Amokspiel” anzuhören. Wie das so ist vor dem Einschlafen; man hört ein paar Tracks und ist dann schon im Reich der Träume. Am nächsten Tag suche ich also die letzte Stelle, an die ich mich noch erinnern kann und höre von da ab weiter. Und “Amokspiel” hat mich dabei gänzlich verwirrt.

Das Ganze beginnt nämlich mit einem Mann, der einen Anruf seiner Verlobten bekommt, die ihm einbläut, er solle nicht glauben, was immer man ihm erzähle. Mitten in diesem Telefonat klingelt es an der Tür und ein Polizist teilt dem Mann mit, dass seine Verlobte vor einer Stunde bei einem Unfall ums Leben gekommen sei.
Danach macht die Geschichte einen Sprung und man befindet sich plötzlich in einem Radiosender, der gekidnappt wird. Über das Radio kommuniziert der Geiselnehmer mit dem Rest der Welt, und man engagiert kurzerhand die Kriminalpsychologin Ira, den Fall zu betreuen.

Mit keinem Wort wird auf die Eingangssequenz eingegangen, und so habe ich das Hörbuch immer wieder weggelegt in dem Glauben, etwas Entscheidendes verpasst zu haben oder einfach den richtige Dreh zum Hörbuch nicht zu bekommen. Und nun habe ich es also doch endlich mal geschafft …

Natürlich bleibt der Prolog nicht für sich stehen, sondern sehr viel später wird noch einmal Bezug auf ihn genommen. Und wenn man sie nicht gerade zum Einschlafen hören will, nimmt einen die Geschichte recht schnell gefangen. Sie ist spannend und – eben vielleicht einmal vom Prolog abgesehen – schlüssig.
Fitzek überrascht immer wieder mit neuen Informationen und Ereignissen, so dass das Hören nie langweilig wird. Tatsächlich habe ich nach meinen Anlaufschwierigkeiten den ganzen Rest innerhalb von anderthalb Tagen gehört.

Gelesen wird die Geschichte übrigens von Simon Jäger, den ich als Sprecher ganz gerne mag, so dass das Hören noch einmal mehr Freude macht.
“Amokspiel” kann ich uneingeschränkt als Hörbuch empfehlen – nur eben nicht zum Einschlafen.

Stephen King: Love

Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Seit ihr Mann Scott, ein berühmter Schriftsteller, starb, hat Lisey das Leben erstaunlich gut allein gemeistert – zumindest zwei Jahre lang. Nun jedoch zeigen sich die ersten Schatten, die rasch anwachsen, und sie zwingen Lisey zur Verarbeitung ihrer Trauer und der Aufarbeitung ihrer Ehe und Liebe zu Scott. Zum einen ist Liseys älteste Schwester, die mittlerweile sechzigjährige Amanda, ein Sorgenkind. Immer häufiger verletzt sie sich selbst, und als sie schließlich in einen katatonischen Zustand verfällt, muss Lisey sich schließlich um einen Betreuungsplatz für Amanda kümmern – eine Angelegenheit, um die Scott sich, wie Lisey erstaunt feststellt, zu Lebzeiten noch sehr umfassend gekümmert hatte.

Liseys größeres Problem sind jedoch die Leute, die Scotts Nachlass unbedingt haben wollen, in der Hoffnung, dass sich darunter Perlen wie unveröffentlichte Manuskripte befinden. Dafür, dass Lisey in den letzten zwei Jahren das Büro ihres Mannes keineswegs gesichtet oder gar aufgeräumt hat, haben nur wenige Verständnis – ganz sicher jedoch nicht der Wahnsinnige Zack McCool, der scheinbar in Zusammenarbeit mit einem Professor der Universität Pittsburgh auf Liseys Fersen bleibt und schließlich sogar ihr Leben bedroht, was sich nicht als leere Warnung herausstellt …

Doch obwohl Scott bereits zwei Jahre lang tot ist, ist er es, der Lisey durch diese schwierige Zeit begleitet; und die Zeit vor und während ihrer gemeinsamen Ehe ist es auch, die Lisey noch einmal ganz bewusst durchleben muss, um zum Ziel zu kommen.

In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichsten Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns“, so verrät der Klappentext. Vor allem diese Zeilen und das Nachwort Kings, in dem er feststellt, Scott sei nicht er und Lisey nicht seine Frau Tabitha – und sicherlich auch eine große Portion Neid – sind es, die Kritiker wohl dazu ermutigten, genau diese Punkte zum Zentrum ihrer Kritik am Buch zu machen. Natürlich sei der Roman stark autobiografisch, auch und gerade weil anderes behauptet würde, aber so viele Details seien authentisch, so auch die einstige Bedrohung Tabithas 1991, die Tatsache, dass Tabitha einige Schwestern habe wie Lisey im Roman auch und zuletzt seien fiktionale Elemente dem Wunschdenken Kings, etwa der Erhalt des Pulitzer-Preises, wie ihn Romanfigur Scott bekommen hat, zuzuschreiben.

Leider übersehen diese Kritiker wohl aber die zahlreichen nicht-authentischen Elemente des Buches sowie die aus der Phantastik ebenso. Das Attentat auf Romanfigur Scott ist sicherlich weder realen King-Details noch Wunschdenken zuzuordnen und zu guter Letzt schreibt King in seinem Nachwort nicht, dass es keinerlei autobiografische Züge im Buch gebe – er verneint lediglich eine Gleichsetzung der Buchfiguren mit den real existenten Personen … George W. Bush vielleicht ausgenommen. Nein, korrekter gesagt muss es heißen, dass die Gleichsetzung der familiären Buchcharaktere zu den realen Personen nicht möglich ist – dennoch ist vieles in diesem Buch durchaus real, wenn vielleicht auch nicht autobiografisch. King zitiert von zahlreichen Autoren, aus vielen Büchern, Filmen und aus Liedern.

Neben den Zitaten bekannter und weniger bekannter Persönlichkeiten finden sich in diesem Roman viele typische Merkmale von Kings Stil: Natürlich spielt auch dieser Roman in Maine und einmal mehr begleitet der Leser im Grunde durchschnittliche Menschen auf einem immer weniger durchschnittlichen und realen Weg. Kings Stil ist zumeist gewohnt knapp und plastisch angelegt, was den Autoren allerdings nicht davon abhält, jemanden über viele Buchseiten hinweg schlicht eine Mahlzeit zuzubereiten lassen oder ähnliches. Dies ist ein durchaus nennenswerter Kritikpunkt am Buch: Es hat deutlich spürbare Längen, die das Lesen nicht nur zu einem Vergnügen werden lassen. Zwar werden lange Passagen meist wieder dadurch aufgepeppt, dass King sehr bewusst mit verschiedenen Zeiten jongliert, dennoch ziehen sich die ersten paar hundert Seiten teils kaugummiartig.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt dem Experimentellen in „Love“ zu. King übertrifft sich selbst, wenn er zahlreiche neue Wörter erfindet, die zumeist gut ins Deutsche transportiert worden sind, oder wenn er verschiedene Dialekte in das Buch integriert. Dennoch sind diese das gesamte Buch durchziehenden Passagen teils anstrengend für den Leser, zumal sie in so geballter Fülle zu Tage treten.

Unabhängig von irgendwelchen biografischen Details ist dieses Buch das, was seine Titel versprechen: Es ist „Lisey’s Story“, die King hier erzählt, zugleich ist es eine Geschichte, die zuallererst von der Kraft der Liebe, von „Love“, erzählt.
Es ist ein „verschmickt“ gefühlvoller Roman, ein rührender, ein mythischer – ebenso mythisch wie der Pool, den King in diesem Roman beschreibt, der Pool in Boo’ya Mond. Und eines ist sicher: King hat es in und mit diesem Buch wirklich „umgeschnallt“.

Stephen King: Wahn

Edgar Freemantle führt ein glückliches und zufriedenes Leben. Seit knapp fündundzwanzig Jahren ist er verheiratet, hat zwei flügge gewordene Töchter und führt erfolgreich eine Firma. Eines Tages jedoch endet das scheinbar vollkommene Glück, nachdem Edgar einen Unfall hat, bei dem er einen Arm verliert und ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erleidet. Viele Monate im Krankenhaus und in der Rehabilitation sorgen dafür, dass Edgar wieder „normal“ leben kann – sieht man einmal davon ab, dass sein Arm verloren ist, er Probleme hat zu laufen und ihm das ein oder andere Wort manchmal nicht einfallen will oder er es mit einem anderen verwechselt. Doch diese Monate haben ihre Spuren hinterlassen und Edgars Frau verlässt ihn, nicht zuletzt, weil Edgar während seiner Rekonvaleszenz einige Male ausgesprochen aggressiv geworden ist.
Edgar will sterben, doch sein Therapeut rät ihm auf sehr pragmatische Art und Weise davon ab und empfiehlt Edgar, stattdessen eine Auszeit zu nehmen. Mindestens ein Jahr lang soll er an einem ganz neuen Ort verbringen, in erster Linie nur mit sich selbst beschäftigt, vielleicht alte Hobbys wieder entdeckend. Edgar folgt diesem Rat und mietet für ein Jahr ein Haus in Duma Key in Florida. Er erinnert sich daran, dass er einmal gern gemalt hat und dieses Interesse will er versuchsweise neu aufleben lassen.
In Duma Key setzt dann eine Entwicklung ein, mit der Edgar nicht gerechnet hat: Er malt unglaublich gute Bilder. Seine Werke sind so gut, dass er nach recht kurzer Zeit sogar das Angebot bekommt, vor Ort auszustellen. Edgars Begeisterung hält sich in Grenzen, denn er weiß, dass irgendwas mit seiner neuen Fähigkeit nicht stimmt. Es sind nicht nur die Bilder selbst, an denen er zweifelt, sondern vielmehr an deren Entstehungsprozess. Wie im Wahn malt er zeitweise und entdeckt sein eigenes Schaffen erst bewusst am nächsten Tag, und ganz erschreckend für Edgar ist die Tatsache, dass er Visionen malt, deren Eintreffen er dann selbst miterlebt.
Duma Key hat etwas Magisches, und Edgar Freemantle wird immer mehr ein Teil davon.

Kings Markenzeichen ist es vor allem, dass Alltägliches magisch, zauberhaft und auch erschreckend werden kann. Seine Charaktere sind immer sehr plastisch, sehr stark und ausgebildet, und da macht auch Edgar Freemantle in „Wahn“ keine Ausnahme. „Wahn“ ist jedoch ganz anders als beispielsweise Kings letztes Buch „Love“. Plätscherte die Handlung dort gemächlich und stellenweise durchaus langweilig und schlicht Seiten füllend vor sich hin, bis sich zum Ende hin ein gewisser Höhepunkt aufbaute, so ist „Wahn“ von Anfang an spannend. Das Erstaunliche dabei ist jedoch, dass sehr lange auch im neuen Roman nicht wirklich etwas passiert, was man der Phantastik jedweder Form zuordnen würde. Plätschern auf hohem Niveau, könnte man sagen, doch nach einiger Zeit stellt sich heraus, dass bei diesem Wälzer keine Seite überflüssig ist. Anders als in „Love“ zeigt „Wahn“ beständige Struktur, immer wieder werden selbst kleinere Handlungsstränge im weiteren Verlauf noch einmal wichtig, die Atmosphäre ist durchgängig dicht und ein sehr subtiler Gruseleffekt schon nach kurzem stets gegeben.

Besonders wertvoll wird „Wahn“ durch Edgars Wortfindungsstörungen, seine teils synästhetisch anmutenden Gedankengänge und die Alzheimer-Erkrankung der Nachbarin und Besitzerin von Duma Key. King ist es in dieser Hinsicht unglaublich gut gelungen, ein realistisches Bild der Personen zu zeichnen, ihr Denken und Reden authentisch wiederzugeben und bei all dem den Ernst zu bewahren. All diese Unzulänglichkeiten der Figuren machen sie nicht liebenswerter und die Handlung nicht komisch, sondern alles zusammen schlicht realistisch – und dadurch eben auch wieder spannend.

„Wahn“ ist ein herausragendes Buch, in das man schnell abtaucht und nach dessen Lektüre man kaum zu glauben vermag, dass man knapp neunhundert Seiten lang derselben Geschichte gefolgt ist und einem nicht eine einzige Länge ins Auge gesprungen ist. Ein wahres Highlight in der Bücherwelt, das absolut uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Torey L. Hayden: Jadie

Ehrlich, wirklich ganz ehrlich und ohne gekreuzte Finger hinter dem Rücken: Ich mag diese Schicksalsromane nicht. “Ohne meine Tochter” als Neuerscheinung damals, klar, das habe ich auch gelesen (gibt es eigentlich Leute, die es nicht gelesen haben? – Anm.: Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass es solche Leute durchaus gibt ;) ), aber ansonsten mache ich um diese “Berichte” einen großen Bogen.
Eines ist mir dann doch mal in die Finger gekommen, und das fand ich derart packend, dass es den Kamellen zuliebe sogar seinen Weg hier auf die Webseite findet:

Hinweis vorweg: In dieser Besprechung wird ausnahmsweise stark gespoilert, aber meiner Meinung nach lohnt die Lektüre auch nach dem Lesen der Kritik noch!

Die Psychologin Torey Hayden entschließt sich aus einer Laune heraus, ihren sicheren Arbeitsplatz an einer großen Klinik aufzugeben, um eine Stelle auf dem Land anzunehmen. Dem kleinen Ort fehlt es an einer Lehrbetreuung für die Sonderschulklasse, und obwohl die Arbeit schlechter bezahlt ist, in einem wirklich kleinen Ort liegt und Torey auch sonst auf einige Annehmlichkeiten wird verzichten müssen, reizt sie das Angebot.
Die Klasse besteht nur aus vier Kindern, später aus fünf. Darunter befindet sich nur ein einziges Mädchen: Jadie.
Torey Haydens Promotionsthema war psychologisch bedingter Mutismus, also Stummheit, und so ist es dieses Mädchen, das Torey besonders am Herzen liegt. Durch ihre selbst entwickelte Methode, mutistische Kinder zum Sprechen zu bringen, schafft sie es tatsächlich binnen weniger Tage, Jadie die ersten Aussagen zu entlocken.
Die Lehrerin wird zu einer engen Bezugsperson von Jadie und immer häufiger besucht das Mädchen sie auch nach Schulschluss noch, kommt ihr näher und vertraut ihr immer mehr an.
Durch diese immer vertrauteren Gespräche bringt Torey nach und nach allerdings eine unglaubliche Geschichte ans Licht: Jadie wird regelmäßig von einem Satanskult missbraucht, der auch vor ihren Geschwistern nicht Halt macht, Jadies Katze in ihrem Beisein tötete und nach Jadies Aussage sogar ein befreundetes Mädchen.
Torey ist entsetzt, beginnt aber auch an Distanz zu verlieren und ohne Beweise steht eine solche Geschichte in einem Ort, in dem jeder jeden kennt, sehr schlecht da. Kampflos aufgeben will sie aber auch nicht …

Dieser Bericht der Psychologin selbst ist unglaublich spannend geschrieben. Zwar kommt der Leser recht schnell auf einen Missbrauchshintergrund, da schwere psychologische Schädigungen ja eine Ursache haben müssen und sowohl Jadies Mutismus, ihre Körperhaltung und auch ihre sexuellen Andeutungen weisen einen klaren Weg, doch auf die Geschichte mit dem Satanskult ist der Leser nicht vorbereitet und daher sehr erschüttert.

Interessant, wenn auch für einige möglicherweise abschreckend, ist der Aspekt, dass diese Geschichte niemals aufgelöst wurde. Zwar wurden schließlich entsprechende Ämter und die Polizei eingeschaltet und umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, doch konnte der Wahrheitsgehalt von Jadies Aussagen nie klar bewiesen werden. Umgekehrt gab es zwar auch starke psychotische Anzeichen bei dem Kind, die die Vermutung nahelegen, Jadie habe das alles nur phantasiert, aber auch dies ließ sich nie beweisen und bei beiden Versionen gibt es sowohl gute Punkte, die dafür sprechen, jedoch auch ebenso viele dagegen.
Unbefriedigend ist dieses Ende der Geschichte trotzdem nicht, denn das gesamte Buch hindurch wird der Leser selbst von einer Annahme zur nächsten geschleudert, werden Theorien aufgestellt, die sich als haltlos erweisen und so weiter. Von daher ist man auf einen ungelösten Fall in etwa vorbereitet und letztlich nimmt diese Tatsache dem Buch nicht die Berechtigung, sondern verstärkt sie eigentlich umso mehr. Ist es richtig, frühzeitig schon im Verdachtsfall an die Öffentlichkeit zu gehen oder sollte man Rücksicht auf die Schäden nehmen, die man vielleicht in einer intakten Familie anrichten könnte?
Gerade Fälle, die Kinder betreffen und bei denen sich psychiatrische Erkrankungen und Missbrauchserfahrungen möglicherweise vermischen, sind längst nicht so leicht abzuhandeln, wie es einem die Boulevard-Presse oftmals einzureden versucht. Ein Versuch, differenzierter an solche Angelegenheiten heranzugehen und sie entsprechend zu reflektieren und zu bedenken, bietet dieser Roman.

Insgesamt ein wirklich gelungener Roman, dessen Spannungspegel dicht an einen Thriller reicht, der sich aufgrund seiner detaillierten Ausführungen allerdings nicht unbedingt für Zartbesaitete eignet.

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