Die Meinungen der Leser bei Amazon sind ja sehr gemischt, ich persönlich habe “Das letzte Geheimnis” sehr gern gelesen. Schon allein wegen des abgefahrenen Corpus Delicti lohnt das Ganze: Hypnerotomachia Poliphili.
Doch eins nach dem anderen.
Tom und Paul, zwei Studenten in Princeton, brüten über ihrer Abschlussarbeit, wobei sie nur zwei Dinge unterscheiden: Tom schreibt über Mary Shelley, Paul über das fünfhundert Jahre alte kryptische Werk Hypnerotomachia Poliphili, außerdem hat Paul mit seiner Arbeit bereits im ersten Studienjahr begonnen.
Toms erst vor kurzem verstorbener Vater hatte sein ganzes Leben diesem alten Werk gewidmet und all sein Können und seine Kraft darauf verwandt, dieses Buch zu entschlüsseln. Diese Obsession war zumindest für Tom eine Warnung. Zwar fasziniert auch ihn das alte Buch, aber er kann sich von ihm lösen – Paul nicht.
Tatsächlich gelingt es Paul sogar, den Code des Buches zu knacken, doch damit fangen die Schwierigkeiten erst an …
“Das letzte Geheimnis” wird ganz gerne mit den Werken Dan Browns verglichen, was wahrscheinlich der Hauptgrund dafür ist, dass so einige Leser von “Das letzte Geheimnis” unheimlich enttäuscht sind, denn der Vergleich hinkt. Für mich hinkt er allerdings in die gegenteilige Richtung, denn ich finde Dan Browns bisherige Werke schlichtweg furchtbar.
Der vorliegende Roman hingegen stellt einigen Anspruch an den Leser und geht deutlich über das klassische Thrillerthema hinaus. Die Handlung konzentriert sich nicht allein auf die Dekodierung des Buches und die damit einhergehende Gefahr für die Protagonisten, sondern es wird zugleich die Geschichte einer Entwicklung, einer Reifung erzählt. Es geht um eine Zeit der Wandlungen: ein rätselhaftes Buch, das plötzlich sein Geheimnis preisgibt, das von einem leidenschaftlichen Mann aus der Zeit des Humanismus berichtet; ein Geheimnis, das die gesamte Geschichte zu verändern vermag, weil längst verschollen geglaubte Schriften und Kunstwerke wieder auftreten können; die Veränderung an der Universität von Princeton, in der elitäre und eher steife Traditionen neuen Energien und Unkonventionalität weichen müssen; die Veränderung junger Studenten hin zu gereiften jungen Männern; die Verarbeitung von Trauer durch den Blick zurück und den noch viel wichtigeren Blick nach vorn – all das haben die Autoren in diesen Roman gebettet. Es entstand eine Geschichte voller Gefühl und Leidenschaft für die Wissenschaft, dass man sich automatisch mitreißen lässt – von den zarten Szenen studentischer Liebe über die Leidenschaft für die Forschung bis hin zu Verbitterung und Hass, die aus Versagensgefühlen heraus geboren werden.
Die jungen Autoren sind dabei sehr sorgfältig vorgegangen, und auch die Perspektive – das Buch ist in der ersten Person, aus Toms Sicht, verfasst – ist selbst für Leute, die sich mit dieser Perspektive nicht so gut anfreunden können, so gut umgesetzt worden, dass sie die Lektüre nicht zu trüben vermag.
Die einzige Kritik am Buch – einmal abgesehen von dem unsinnigen Vergleich mit Dan Brown – geht nicht an den Inhalt, sondern an den auf der Buchrückseite verfassten Text. Als Hinweis für Interessierte: Der ominöse Hund, der zu Tode kommt, existiert lediglich in einem Vergleich, den ein Dozent anstellt, und die “Reihe von Morden” existiert in dieser Form ebenso wenig. Es gibt Tote, ja, aber eine Mordreihe stellt sich ein Großteil der Leser dann wohl eher ganz anders vor als im Roman tatsächlich beschrieben – nun, ja.


