Ian Caldwell/Dustin Thomason: Das letzte Geheimnis

Die Meinungen der Leser bei Amazon sind ja sehr gemischt, ich persönlich habe “Das letzte Geheimnis” sehr gern gelesen. Schon allein wegen des abgefahrenen Corpus Delicti lohnt das Ganze: Hypnerotomachia Poliphili.
Doch eins nach dem anderen.

Tom und Paul, zwei Studenten in Princeton, brüten über ihrer Abschlussarbeit, wobei sie nur zwei Dinge unterscheiden: Tom schreibt über Mary Shelley, Paul über das fünfhundert Jahre alte kryptische Werk Hypnerotomachia Poliphili, außerdem hat Paul mit seiner Arbeit bereits im ersten Studienjahr begonnen.
Toms erst vor kurzem verstorbener Vater hatte sein ganzes Leben diesem alten Werk gewidmet und all sein Können und seine Kraft darauf verwandt, dieses Buch zu entschlüsseln. Diese Obsession war zumindest für Tom eine Warnung. Zwar fasziniert auch ihn das alte Buch, aber er kann sich von ihm lösen – Paul nicht.
Tatsächlich gelingt es Paul sogar, den Code des Buches zu knacken, doch damit fangen die Schwierigkeiten erst an …

“Das letzte Geheimnis” wird ganz gerne mit den Werken Dan Browns verglichen, was wahrscheinlich der Hauptgrund dafür ist, dass so einige Leser von “Das letzte Geheimnis” unheimlich enttäuscht sind, denn der Vergleich hinkt. Für mich hinkt er allerdings in die gegenteilige Richtung, denn ich finde Dan Browns bisherige Werke schlichtweg furchtbar.

Der vorliegende Roman hingegen stellt einigen Anspruch an den Leser und geht deutlich über das klassische Thrillerthema hinaus. Die Handlung konzentriert sich nicht allein auf die Dekodierung des Buches und die damit einhergehende Gefahr für die Protagonisten, sondern es wird zugleich die Geschichte einer Entwicklung, einer Reifung erzählt. Es geht um eine Zeit der Wandlungen: ein rätselhaftes Buch, das plötzlich sein Geheimnis preisgibt, das von einem leidenschaftlichen Mann aus der Zeit des Humanismus berichtet; ein Geheimnis, das die gesamte Geschichte zu verändern vermag, weil längst verschollen geglaubte Schriften und Kunstwerke wieder auftreten können; die Veränderung an der Universität von Princeton, in der elitäre und eher steife Traditionen neuen Energien und Unkonventionalität weichen müssen; die Veränderung junger Studenten hin zu gereiften jungen Männern; die Verarbeitung von Trauer durch den Blick zurück und den noch viel wichtigeren Blick nach vorn – all das haben die Autoren in diesen Roman gebettet. Es entstand eine Geschichte voller Gefühl und Leidenschaft für die Wissenschaft, dass man sich automatisch mitreißen lässt – von den zarten Szenen studentischer Liebe über die Leidenschaft für die Forschung bis hin zu Verbitterung und Hass, die aus Versagensgefühlen heraus geboren werden.

Die jungen Autoren sind dabei sehr sorgfältig vorgegangen, und auch die Perspektive – das Buch ist in der ersten Person, aus Toms Sicht, verfasst – ist selbst für Leute, die sich mit dieser Perspektive nicht so gut anfreunden können, so gut umgesetzt worden, dass sie die Lektüre nicht zu trüben vermag.

Die einzige Kritik am Buch – einmal abgesehen von dem unsinnigen Vergleich mit Dan Brown – geht nicht an den Inhalt, sondern an den auf der Buchrückseite verfassten Text. Als Hinweis für Interessierte: Der ominöse Hund, der zu Tode kommt, existiert lediglich in einem Vergleich, den ein Dozent anstellt, und die “Reihe von Morden” existiert in dieser Form ebenso wenig. Es gibt Tote, ja, aber eine Mordreihe stellt sich ein Großteil der Leser dann wohl eher ganz anders vor als im Roman tatsächlich beschrieben – nun, ja.

Wire in the blood: Hautnah – Die Methode Hill

Val McDermid ist eine schottische Krimiautorin, die mittlerweile mit drei Buchserien Erfolge feiert. Eine dieser drei Serien ist es, auf deren Basis „Wire in the Blood“, die TV-Serie, entstand, die im Deutschen eigentlich „Hautnah – Die Methode Hill“ heißt. Die ersten beiden Folgen der TV-Serie basieren direkt auf Titeln Val McDermids.
Die ersten drei Folgen erschienen im Februar 2007 als Mini-Box bei Epix, mittlerweile sind auch die zweite und dritte Staffel erhältlich.

Folge 1: Das Lied der Sirenen (The Mermaids Singing):
Polizistin Carol Jordan bittet den umstrittenen Psychologen Tony Hill auf eigene Faust bei den Ermittlungen gegen einen Mörder um Hilfe. Hill ist nicht sonderlich beliebt, weil er ein mit sich selbst sprechender und allzu ehrlich und frei heraus denkender Mann ist, vor allem aber, weil er regelmäßig Straftäter in der Psychiatrie und im Gefängnis besucht und über Jahre hinweg weiter betreut, eine Beziehung zu ihnen aufsucht und sich sogar von ihnen berühren lässt. Seine Art, mit der er Psychopathen besser verstehen können will, stößt nicht gerade auf Verständnis, auch wenn ihm bisherige Erfolge Recht geben.
Im aktuellen Fall geht es um ermordete Männer. Kaum ist Hill in den Fall einbezogen worden, stirbt ein dritter Mann: ein Polizist. Nur unwillig akzeptiert die Polizei Hills klare Annahme, dass es sich um einen Serientäter handelt und die Emotionalität, die mit der Ermordung des Polizisten in das Revier Einzug hält, ist nicht gerade förderlich für die Ermittlungen.
Hill gibt Hinweise, erstellt ein Profil, denn als Profiler ist er schließlich bekannt, allerdings scheinen manche Aspekte der Morde keinen Sinn zu ergeben. Hill gibt nicht auf, doch wird er die Lücken schließen können, bevor es weitere Opfer gibt?

Folge 2: Schlussblende (Shadows Rising):
Eine Mädchenleiche wird in einem See gefunden. Wieder wird Tony Hill zu den Ermittlungen hinzugezogen, wobei es zunächst nicht so aussieht, als könne er in diesem Fall weiterhelfen. Dies ändert sich jedoch rasch, als eine weitere Leiche entdeckt wird und sich das Profil eines Serienkillers herauskristallisiert. Doch was treibt diesen Mörder an und natürlich vor allem: Wer ist er?
Parallel zu diesen Entwicklungen befassen sich Carol Jordan und Tony Hill mit einem Stalker, der Amanda Vance, den weiblichen Part eines bekannten TV-Moderatorenehepaars, verfolgt. Auch hier spitzt die Lage sich empfindlich zu, als es auch hier zu Todesfällen kommt, bei denen Amandas Hund nur das erste Opfer ist …

Folge 1: Mein ist die Rache (Justice Painted Blind):
Als seine junge Frau tot in einem Waldstück aufgefunden wird, erinnert die Art des Todes in manchen Details empfindlich an einen mehrere Jahre zurückliegenden Mord an einem elfjährigen Mädchen. So zögert man nicht, Tony Hill zu den Ermittlungen hinzuzuziehen, um den Fall möglichst rasch lösen zu können. Die Polizei sieht sich unter einem großen Druck, denn der Angeklagte im Mordfall des jungen Mädchens wurde damals frei gesprochen, wogegen sich die Öffentlichkeit empört hatte. Als nun mit der Toten im Wald ein scheinbar ähnlicher Mordfall bekannt wird, gehen die Menschen davon aus, dass es sich um denselben Täter handelt: um den Mann, der schon vor Jahren nach Meinung der Öffentlichkeit fälschlich als unschuldig entlassen wurde.

Die Begeisterung von Lesern und Fernsehzuschauern an Krimiserien ist ungebrochen, aber schon lange sind dabei Serien besonders gefragt, die auf eine besondere Weise an die Thematik herangehen. Ein erfolgreiches Beispiel für solch eine Serie ist „CSI“ (von der ich ebenfalls Fan bin bzw. von CSI: Las Vegas), bei der durch akribische Untersuchungen schließlich Mörder gefunden werden, doch auch die Profiler-Komponente erfreut sich wachsender Beliebtheit, so dass ein Protagonist wie Tony Hill offene Türen beim Publikum einrennt.
Obwohl die Serie also vordergründig zunächst einmal mit dem Trendwasser fährt, weist sie spezifische Elemente auf: Hills Eigenarten, die schon für sich genommen psychisch auffällig wirken, wenig auf Menschen des üblichen Umfelds ausgerichtet sind, und durch seine Methoden, etwa das Nachstellen von Opferszenen mit der eigenen Person, Selbstgespräche und Zwiegespräche mit den Mördern, Rollenspiele und derlei, wirkt Tony Hill wahrhaft außergewöhnlich. Dabei ist das, was dem Zuschauer als exotisch präsentiert wird, keinesfalls so seltsam, wie es wohl auf die meisten wirkt, sondern vieles wird im Alltag von Psychologen, Psychiatern, Pädagogen und anderen durchaus angewendet, eingesetzt und geübt.
Dennoch: Gerade der Charakter Tony Hills ist es, der bei dieser Serie unwahrscheinlich fesselnd wirkt.

Dargestellt wird der kauzige Psychologe von Robson Green, und dies auf eine durchweg authentisch wirkende Art und Weise. Green verkörpert alles für diesen Charakter Nötige sehr professionell und wirkt obendrein nicht nur auf Kollegin Carol Jordan, ebenfalls lebendig gespielt von Hermione Norris, auf eine besondere Art attraktiv.

Wer Krimiserien mag und sich dort auch für „Exoten“ interessiert, für Psychologen, Profiler und eben auch Serienkiller, der ist mit „Hautnah – Die Methode Hill“ oder eben „Wire in the Blood“ sehr gut beraten und kann sich rundum gut unterhalten fühlen. Der des Öfteren angestellte Vergleich zur Serie „Für alle Fälle Fitz“ hinkt jedoch, denn Fitz und Hill verkörpern völlig unterschiedliche Menschentypen, arbeiten völlig unterschiedlich und aus gänzlich verschiedenen Motivationen heraus, außerdem können die Folgen von „Wire in the Blood“ auch gut für sich allein stehen, während in „Für alle Fälle Fitz“ viel Privates, das sich im ständigen Wechselspiel befindet, eine größere Rolle einnimmt.

Man hat sich bei „Wire in the Blood“ nicht nur erfolgreich darum bemüht, dass die einzelnen Episoden für sich stehen können, sondern jede Folge weist zudem unterschiedliche Effekte auf, so dass es gelingt, den Zuschauer auch abseits der vorgestellten Handlung zu überraschen. Besonders gelungen zeigt sich dies in der dritten Folge, in der wiederholt laut eingehämmerte Buchstaben auf einer Schreibmaschine sowie Zeichnungen des – unbekannten und noch zu ermittelnden – Mörders eingeblendet werden.

Bei der DVD-Box wären mehr Extras als Biografien auf Texttafeln und den üblichen Trailern wünschenswert gewesen, auch wenn die drei Folgen mit knapp dreißig Euro für etwa 285 Minuten Laufzeit zu einem fairen Preis zu haben sind.

Sebastian Fitzek: Amokspiel

Sebastian Fitzek ist seit einiger Zeit ja in aller Munde, und so dauerte es nicht lang, bis seine Titel “Die Therapie” und “Amokspiel” als Hörbücher auf meinem Nachtschrank landeten.

Zuerst muss ich zugeben, dass dieses Hörbuch etwa ein Jahr lang auf meinem Nachttisch lag, bevor ich es komplett gehört habe. Dabei gab es einige Ansätze meinerseits, “Amokspiel” anzuhören. Wie das so ist vor dem Einschlafen; man hört ein paar Tracks und ist dann schon im Reich der Träume. Am nächsten Tag suche ich also die letzte Stelle, an die ich mich noch erinnern kann und höre von da ab weiter. Und “Amokspiel” hat mich dabei gänzlich verwirrt.

Das Ganze beginnt nämlich mit einem Mann, der einen Anruf seiner Verlobten bekommt, die ihm einbläut, er solle nicht glauben, was immer man ihm erzähle. Mitten in diesem Telefonat klingelt es an der Tür und ein Polizist teilt dem Mann mit, dass seine Verlobte vor einer Stunde bei einem Unfall ums Leben gekommen sei.
Danach macht die Geschichte einen Sprung und man befindet sich plötzlich in einem Radiosender, der gekidnappt wird. Über das Radio kommuniziert der Geiselnehmer mit dem Rest der Welt, und man engagiert kurzerhand die Kriminalpsychologin Ira, den Fall zu betreuen.

Mit keinem Wort wird auf die Eingangssequenz eingegangen, und so habe ich das Hörbuch immer wieder weggelegt in dem Glauben, etwas Entscheidendes verpasst zu haben oder einfach den richtige Dreh zum Hörbuch nicht zu bekommen. Und nun habe ich es also doch endlich mal geschafft …

Natürlich bleibt der Prolog nicht für sich stehen, sondern sehr viel später wird noch einmal Bezug auf ihn genommen. Und wenn man sie nicht gerade zum Einschlafen hören will, nimmt einen die Geschichte recht schnell gefangen. Sie ist spannend und – eben vielleicht einmal vom Prolog abgesehen – schlüssig.
Fitzek überrascht immer wieder mit neuen Informationen und Ereignissen, so dass das Hören nie langweilig wird. Tatsächlich habe ich nach meinen Anlaufschwierigkeiten den ganzen Rest innerhalb von anderthalb Tagen gehört.

Gelesen wird die Geschichte übrigens von Simon Jäger, den ich als Sprecher ganz gerne mag, so dass das Hören noch einmal mehr Freude macht.
“Amokspiel” kann ich uneingeschränkt als Hörbuch empfehlen – nur eben nicht zum Einschlafen.

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