Willem Elsschot: Käse

Wieder mal ein eher schmales Ding mit 144 Seiten, das 2005 im Unionsverlag erschienen ist:

Vom Seitenumfang darf man sich hier allerdings nicht allzu sehr einlullen lassen, denn die Geschichte ist schon ein bisschen altbacken geschrieben. Der Autor, der eigentlich Alfons de Ridder hieß, lebte in der Zeit zwischen 1882 und 1960, was den etwas antiquierten Stil der Geschichte erklärt.

Laarmans ist ein Büroangestellter auf einer Antwerpener Schiffswerft, verheiratet und mit zwei Kindern gesegnet. Eines Tages macht er die Bekanntschaft eines ihm wohl sehr zugetanen Herren, der ihn zu gemeinsamen … Männerabenden, würde man heute sagen, einlädt. Laarmans folgt der Einladung gern immer wieder, doch eigentlich fühlt er sich im Kreis der Männer unwohl. Alle sind offenbar von Rang und Namen, wohlhabend und einfach aus besserem Kreise als Laarmans selbst. Das bemerkt er schon, als der Gastgeber ihn am ersten Abend vorstellt und keineswegs Laarmans echten Beruf angibt, sondern ein wenig fabuliert, so dass der Eindruck entsteht, Laarmans sei auf der Werft jemand, der richtig was zu sagen habe.
Anstatt dieser ihn fremden Welt jedoch den Rücken zu kehren, gesellt Laarmans sich immer wieder zu den Herren und immer größer wird seine Scham über das, was er macht, hat und ist.
Umso gelegener kommt ihm das wohlwollende Angebot des Gastgebers, sich bei einem gewissen Herrn zu bewerben, der einen Kaufmann sucht und bei dem der Gastgeber der Herrenabende ein gutes Wort für Laarmans eingelegt habe. Laarmans nimmt das Angebot an und ist plötzlich Kaufmann – und verantwortlich für ganz Belgien und Luxemburg.

Seiner Frau zuliebe kündigt Laarmans seinen bisherigen Job nicht, sondern lässt sich krank schreiben, richtet sich ein Büro ein und ist bereit für den sozialen Aufstieg. Einziger Haken: Seine neue Aufgabe, die sein Ansehen auch bei den Herrenabenden von Grund auf positiv verändert, besteht eigentlich darin, als Vertreter Edamer zu verkaufen, und zwar zehntausend Stück.
Doch er selbst und sein Umfeld sind sich sicher: Käse geht immer!


Dieses Buch hat mich mehrfach überrascht. Zuerst negativ, da mir der zeitliche Rahmen, in dem das Buch entstand, vor der Lektüre nicht klar war und ich daher mit etwas Seichterem gerechnet hatte. Alle Eindrücke danach waren aber durchweg positiv.

Die Handlung ist einerseits völlig absurd, grotesk und entsprechend sarkastisch. Dass das Ganze aus heutiger Sicht eher abstrakt und antiquiert wirkt, war für mich zumindest sehr hilfreich. So habe ich dauernd den Kopf geschüttelt und mich amüsiert, mir aber oft auch vor die Stirn geschlagen und mich gefragt, wieso dieser Laarmans das alles macht und warum er so wenig bei sich selbst, also seiner ureigenen Persönlichkeit bleibt. Mensch, dachte ich, der Mann hat eine nette Arbeit, nette Kollegen, eine nette Frau und ebenso nette Kinder. Alle unterstützen ihn, er ist seinem Umfeld wichtig – und dann macht er sich zum Affen wegen dieser Leute beim Herrenabend?

Erst wenn man die Lektüre beendet hat (zumindest, wenn man das Buch recht flott liest, zwischendurch abgelenkt wird oder nicht konkret darauf achtet), merkt man dieses mulmige Pieksen im Magen … und man stellt fest, wie wahnsinnig aktuell das Thema ist, das Elsschot sich mit “Käse” zur Brust genommen hat. Anstatt zu sehen, was wirklich ist und was man wirklich hat, strebt man immer weiter nach oben: Noch höher, noch besser, noch exklusiver! Heute lässt man sich wohl eher von den Medien beeinflussen, doch ich denke, im Leben eines jeden gab oder gibt es auch die Blender, wie man sie in “Käse” findet: Leute, die etwas darstellen, die sich über Symbole definieren. Wie geht man selbst mit solchen Leuten um, was bedeuten sie im eigenen Leben beziehungsweise: Gesteht man ihnen eine besondere Bedeutung zu? Inwieweit hört man eigentlich auf andere anstatt auf sich selbst?

Davon abgesehen behandelt “Käse” auf diesen wenigen Seiten allerdings noch mehr, beispielsweise die Angst vor der Arbeitslosigkeit – auch ein nach wie vor sehr aktuelles Thema.

Mich hat dieses Buch im nachhinein sehr zum Nachdenken angeregt und auch, wenn ich es gleich im Urlaub releast habe (Bookcrossing), ist es eines der wirklich wenigen Bücher, die ich mir bestimmt noch einmal kaufen und auch noch mehrfach lesen kann. Eigentlich lese ich Bücher nur einmal und lasse sie mittlerweile auch nur noch im Regal, wenn ich mit ihnen bestimmte Dinge verbinde, lese sie aber nicht noch mal. Dieses Buch hier ist es allerdings wert, oft gelesen zu werden, damit man sich immer wieder daran erinnert und sich damit auseinandersetzt, wer man ist, was man hat und was man braucht.

Jules Verne: Keraban der Starrkopf

GEO hat sich in Kooperation mit Random House Audio dazu entschlossen, eine Hörbuchedition auf den Markt zu bringen. Im Mittelpunkt der insgesamt zwölf Hörbücher steht jeweils das Abenteuer, das die Protagonisten – und den Hörer – in fremde Kulturen und Regionen entführt.
Als fünfter Klassiker dieser Edition erschien „Keraban der Starrkopf“ von Jules Verne.

Jan Van Mitten, ein niederländischer Tabakhändler, macht sich auf den Weg, seinen Handelspartner Keraban in Istanbul zu besuchen. Hintergrund zu dieser Reise ist in erster Linie der bei Van Mitten schief hängende Ehesegen, doch die Reise zu Keraban bringt ihn rasch vom Regen in die Traufe, wie Van Mitten erkennen muss. Kaum haben er und sein Diener Keraban ausfindig gemacht und eine Einladung zum Abendessen angenommen, stellt sich heraus, dass die Überfahrt zu Kerabans Heim, das auf der asiatischen Seite des Bosporus liegt, ab sofort besteuert wird. Keraban ist außer sich vor Zorn darüber und weigert sich, die Gebühr zu entrichten. Stattdessen will er es der neumodischen Regierung zeigen und lieber das Schwarze Meer umrunden, um nach Hause zu gelangen.
Van Mitten versucht sich zu verabschieden, wird von Keraban doch dazu genötigt, der angenommenen Einladung zum Abendessen in Kerabans Haus nachzukommen und entsprechend mit Keraban gemeinsam zu fahren. Zähneknirschend fügt sich der Niederländer und begibt sich auf eine aberwitzige Reise.
Doch Van Mitten ist nicht der einzige, der unter dem Starrsinn von Keraban zu leiden hat: eine Hochzeit, an der Keraban unbedingt teilnehmen muss, steht an, bei der die Zeit drängt – und es geht um viel Geld dabei …

Vier CDs sind es, die den Hörer in einer ungekürzten Fassung diese Reise miterleben lassen. Dabei stellt Verne nicht einfach nur jemanden dar, dem es schwer fällt, von den bisherigen Mustern Abschied zu nehmen und sich Neuerungen gegenüber offen zu zeigen, sondern er achtete auf zahlreiche Details.
Rasch erwachen die einzelnen Protagonisten der Handlung zum Leben, ebenso jedoch auch die Nebenfiguren und sogar die Schauplätze des Ganzen. Keine Minute lang fühlt man sich beim Hören gelangweilt, im Gegenteil: Vernes Parodie ist so voller Dynamik und Witz, dass es eher schwer fällt, sich von der Geschichte zu lösen, hat man einmal mit dem Hören begonnen.

Unterstrichen wird die sehr unterhaltsame Handlung durch die Lesung Peter Matićs. Der in Wien geborene Schauspieler, der vor allem als Synchronsprecher (beispielsweise als deutsche Stimme von Ben Kingsley) bekannt ist und 2001 den Albin-Skoda-Ring für herausragende Sprecherleistungen erhielt, macht seinem Ruf alle Ehre und trägt die gesamte Geschichte grandios und mit genau der richtigen Mischung aus Ernst und Leichtigkeit vor.

Erhältlich sind die einzelnen Hörbücher der GEO-Edition in stabilen Pappschubern, in denen die CDs gut geschützt aufbewahrt werden. Durch den Mix aus Eleganz, unterstrichen durch die atmosphärische Coverfotografie, und Schlichtheit ließ sich zudem ein ansprechender Kaufpreis für das Hörbuch erzielen, der den Erwerb noch einmal lohnenswerter macht.

Jules Verne: Die Jagd nach dem Meteor

In einem kleinen Städtchen entdecken zwei Hobby-Astronomen einen Meteor, und beide bestehen gleichermaßen darauf, ihn als Ersten entdeckt zu haben. Natürlich sorgt das für Unfrieden, zumal die Kinder dieser vermeintlichen Entdecker gerade ihre Hochzeit planen, doch eskaliert die Situation erst, als bekannt gegeben wird, dass der Meteor aus purem Gold bestehe.
Nun werden Zank und Streit laut, und nicht nur, dass die beiden Astronomen ihren Streit nicht nur persönlich, sondern auch vor Gericht und in der Lokalzeitung austragen, nein, auch die geplante Hochzeit der Kinder scheint daran zu scheitern.
Auch ansonsten sorgt der Meteor jedoch für viel Unruhe, denn die großen Sternwarten beleidigen die angeblichen Entdecker als Amateure und die Menschen spalten sich aufgrund der Besitzfrage derart in zwei Lager, dass nicht nur Ehen nicht geschlossen, sondern auch Scheidungen vollzogen werden.
Ganz anders hingegen die Geschehnisse in Frankreich, wo der sorglose Erfinder Xirdal schafft, was andere nicht vollbringen: Er berechnet genau, wo der Meteor aufkommen wird und kauft das entsprechende Grundstück.
Als es dann endlich soweit ist, dass einige Tausend gierige Menschen zur Absturzstelle rennen und zu diesem Zweck mitten in Grönland allem Wetter trotzen, unter ihnen ein dänischer Abgesandte, der ebenfalls Anspruch auf den Meteor anmelden will, gucken alle dumm aus der Wäsche, als sie vor einem Drahtzaun mitsamt einem Schild “Privatgrundstück!” stehen.

Natürlich gibt es für jedes Problem eine Auflösung, so auch hier, allerdings soll an dieser Stelle auch nicht zu vieles verraten werden.

Der Stil und die Kritik dieser Geschichte sind leicht zu verstehen. Es handelt sich um eine Satire, die Geld- und Goldgier in den Vordergrund stellt. Was mit alten Freunden, sogar mit Liebenden geschehen kann, wenn die Gier nach dem Materiellen die Oberhand gewinnt, wird hier sehr schön wieder gegeben.
Natürlich gibt es auch vieles mehr, das man aus diesem Werk ableiten und als Kritik werten kann, doch der zentrale Aspekt liegt bei dem eben Genannten.

Rufus Beck, bei Lesungen stets in seinem Element, wie man mittlerweile weiß, spricht diese ungekürzte Fassung. Dieses Hörbuch, das in stabiler Plastikverpackung ankommt, gehört im übrigen auch zur “Edition Rufus Beck” des Verlages Hörbuch Hamburg.
Tatsächlich ist die Aufgabe bei der vorliegenden Geschichte allerdings sehr viel schwerer, als gegenwärtig spielende Geschichten zu erzählen.
Natürlich ist die Sprache Jules Vernes eine andere als die heutige, die beschriebenen Orte, Personen und Geschehnisse wirken ein wenig fremd, denn der Autor lebte immerhin im neunzehnten Jahrhundert.
Dies einbeziehend, spricht Rufus Beck an einigen Stellen für meine Begriffe zu schnell, denn diese Geschichte braucht einfach etwas mehr Stellen, an denen etwas sich erst einmal beim Hörer setzen kann.

Insgesamt ist dieses Hörbuch für seine Zielgruppe, die bei Jugendlichen ab zwölf Jahren liegt, meiner Meinung nach nicht grundsätzlich geeignet. Besteht Interesse an eher klassischen Geschichten und Satiren, dann schon, ansonsten wirkt die Erzählung etwas mürbe und langweilig, und inwiefern die dahinter liegenden Absichten von allein von jungen Hörern erfasst werden können, halte ich für teilweise fraglich. Es gibt andere Werke von Jules Verne, zu denen sich deutlich leichter ein Zugang finden lässt.

Für Erwachsene und jung Gebliebene, die mit Jules Vernes Geschichten vielleicht ohnehin schon des öfteren Bekanntschaft gemacht haben, ist dieses Hörbuch eher zu empfehlen.

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