Dean Koontz: Trauma

Dean Koontz legte mit „Trauma“ seinen mittlerweile 58. Roman vor. Das 479-seitige Taschenbuch aus dem Heyne-Verlag weiß zu überraschen, denn es ist ganz und gar nicht so, wie man sich einen typischen Koontz-Roman vorstellt.

Jim Tocks Leben war schon ein aufregendes, bevor Jim überhaupt das Licht der Welt erblickte. Während seine Mutter mit ihm in den Wehen lag, beschließt Vater Rudy, nicht länger im Wartezimmer der Entbindungsstation zu verharren, wo ein weiterer werdender Vater auf sein Kind wartet. Es ist nicht so, dass Rudy lieber beim Großvater auf der Intensivstation als in der Nähe seiner Frau wäre, doch der andere Wartende vor der Entbindungsstation, ein Mann namens Konrad Beezo, ist Rudy nicht geheuer. Kaum auf der Intensivstation angekommen, erwartet Rudy jedoch etwas schier Unglaubliches: Der Großvater, der durch einen Schlaganfall nicht mehr sprechen kann und sich in schlechtem Gesamtzustand befindet, sitzt aufrecht im Bett und diktiert plötzlich Prophezeiungen. Er sagt nicht nur exakt voraus, was Jim Tock das Licht der Welt erblickt, sondern auch Größe, Gewicht und eine Besonderheit des Jungen. Wirklich schaurig ist jedoch, dass der Großvater fünf Daten mitsamt Wochentag diktiert und verkündet, dies werden die fünf schlimmen Tage im Leben des Jim Tock. Nach diesen Prophezeiungen stirbt der Großvater. Rudy macht sich verwirrt auf den Rückweg zur Entbindungsstation, gerade rechtzeitig, um noch mitzubekommen, wie der Arzt vor der Station von Konrad Beezo erschossen wird. Nach der ersten Aufregung über die Umstände der Geburt Jim Tocks geraten die prophezeiten Daten jedoch keineswegs in Vergessenheit, sondern Jim wächst mit ihnen auf und bereitet sich sein Leben lang darauf vor, diesen schrecklichen Tagen zu begegnen. Doch kann man für sein Schicksal gewappnet sein?

Koontz baut keine langsam schleichende Spannung auf, sondern konfrontiert den Leser im Grunde gleich zu Anfang mit den wesentlichen Inhalten des Romans. Der Leser weiß ebenso wie Jimmy, wann wieder etwas Schlimmes geschehen wird, doch ebenso wenig wie Jimmy weiß er, wo und was genau geschehen wird. Das Erstaunliche an diesem Konzept ist, dass es völlig aufgeht. „Trauma“ ist unglaublich mitreißend und spannend, so dass man den gesamten Roman in einem Zug verschlingt, obwohl man im Grunde weiß, worum es geht und auch, wie es enden wird, denn Jim selbst erzählt die Geschichte – offenbar also auch nach diesen fünf Tagen noch lebendig.

„Trauma“ ist entgegen möglicher anderer Erwartungen allerdings vor allem eines: urkomisch. In den spannendsten und gefährlichsten Situationen wird plötzlich sarkastischer Galgenhumor ausgepackt, der trotz der teilweise vorherrschenden Überdrehtheit authentisch wirkt. Auch hier gelingt Koontz ein Balanceakt. Zwar nimmt er in diesem Roman viele Klischees auf die Schippe, doch nimmt selbst dies der Geschichte nicht die Spannung und dem Leser nicht die Freude am Inhalt.

Neben allem Spaß und aller Spannung sind unterschwellig jedoch auch ernste Untertöne zu bemerken. Gibt es ein Schicksal, und wenn ja, kann man dieses durchbrechen oder sich zumindest darauf vorbereiten? Dass solche Fragen auf Interesse stoßen, sollte auf der Hand liegen, denn beispielsweise die „Final Destination“-Filme erfreuen sich großer Beliebtheit und beschäftigen sich mit einer ganz ähnlichen Frage (auch wenn die Freude der Zuschauer in diesem Fall unterschiedliche Ursachen hat).

Ist das Leben eines Menschen selbstbestimmt? Ist er das Opfer seiner Gene? Sorgt das Umfeld, sorgt die Familie für das, was einmal aus einem Kind wird? Auch diesen Fragen widmet sich Koontz und beantwortet sie für sich ganz eindeutig, ohne viel Raum für eigene Spekulationen zu lassen. Nicht schlimm, denn der Leser ist ohnehin vielmehr mit anderen Dingen beschäftigt – etwa mit dem Rätsel, was wohl als nächstes in Jim Tocks Leben geschehen wird.

So gekonnt Koontz sich des Themas auch annimmt und eine unglaublich unterhaltsame Geschichte kreiert, so zeigt der Roman allerdings zugegebenermaßen auch Schwachpunkte. Nach zweihundert Seiten hat Jim Tock beispielsweise gerade einmal den ersten der schlimmen Tage hinter sich und der Leser erkennt rasch, dass für die anderen vier zusammen somit nur noch knapp zweihundertachtzig Seiten verbleiben. So nimmt der Roman entsprechend an Tempo auf und verschluckt hier und da die netten Anekdoten am Rande, um noch lesbaren Umfang zu erhalten – allerdings schade aus Sicht der Leser, die sich an die eher ausschweifende Erzählform längst gewöhnt und diese lieb gewonnen haben.

Bei allem Spaß an der Geschichte bleibt zudem ein leicht schaler Nachgeschmack nach der Lektüre, da sich Koontz am Ende dann doch noch ein wenig zu weit aus dem Fenster lehnt. Die ohnehin abstruse Geschichte verliert dort an Authenzität, wird völlig absurd und verunglimpft damit den Leser ein Stück weit. Auch wenn dieser sich bisher bestens unterhalten fühlte und sich gern ein wenig auf die Schippe nehmen lässt, nachdem es vielen Klischees gerade aus dem fantastischen Genre nicht anders erging, so bleibt nicht verborgen, dass hier ein wenig zu arg gebogen wird.

Den Gesamteindruck des Werkes vermögen die Mängel zum Ende hin jedoch kaum zu schmälern. Wer Koontz noch nie gelesen hat, findet in „Trauma“ ein hervorragendes Buch, um damit anzufangen – vielleicht gerade weil es sich von dem üblichen Stil Koontz’ durchaus deutlich unterscheidet -, ein Fan des Autors wird hingegen begeistert sein von der Frische, die dieser Roman in gelbgrünen Umschlagsfarben auch zwischen den Buchdeckeln versprüht.

Torey L. Hayden: Jadie

Ehrlich, wirklich ganz ehrlich und ohne gekreuzte Finger hinter dem Rücken: Ich mag diese Schicksalsromane nicht. “Ohne meine Tochter” als Neuerscheinung damals, klar, das habe ich auch gelesen (gibt es eigentlich Leute, die es nicht gelesen haben? – Anm.: Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass es solche Leute durchaus gibt ;) ), aber ansonsten mache ich um diese “Berichte” einen großen Bogen.
Eines ist mir dann doch mal in die Finger gekommen, und das fand ich derart packend, dass es den Kamellen zuliebe sogar seinen Weg hier auf die Webseite findet:

Hinweis vorweg: In dieser Besprechung wird ausnahmsweise stark gespoilert, aber meiner Meinung nach lohnt die Lektüre auch nach dem Lesen der Kritik noch!

Die Psychologin Torey Hayden entschließt sich aus einer Laune heraus, ihren sicheren Arbeitsplatz an einer großen Klinik aufzugeben, um eine Stelle auf dem Land anzunehmen. Dem kleinen Ort fehlt es an einer Lehrbetreuung für die Sonderschulklasse, und obwohl die Arbeit schlechter bezahlt ist, in einem wirklich kleinen Ort liegt und Torey auch sonst auf einige Annehmlichkeiten wird verzichten müssen, reizt sie das Angebot.
Die Klasse besteht nur aus vier Kindern, später aus fünf. Darunter befindet sich nur ein einziges Mädchen: Jadie.
Torey Haydens Promotionsthema war psychologisch bedingter Mutismus, also Stummheit, und so ist es dieses Mädchen, das Torey besonders am Herzen liegt. Durch ihre selbst entwickelte Methode, mutistische Kinder zum Sprechen zu bringen, schafft sie es tatsächlich binnen weniger Tage, Jadie die ersten Aussagen zu entlocken.
Die Lehrerin wird zu einer engen Bezugsperson von Jadie und immer häufiger besucht das Mädchen sie auch nach Schulschluss noch, kommt ihr näher und vertraut ihr immer mehr an.
Durch diese immer vertrauteren Gespräche bringt Torey nach und nach allerdings eine unglaubliche Geschichte ans Licht: Jadie wird regelmäßig von einem Satanskult missbraucht, der auch vor ihren Geschwistern nicht Halt macht, Jadies Katze in ihrem Beisein tötete und nach Jadies Aussage sogar ein befreundetes Mädchen.
Torey ist entsetzt, beginnt aber auch an Distanz zu verlieren und ohne Beweise steht eine solche Geschichte in einem Ort, in dem jeder jeden kennt, sehr schlecht da. Kampflos aufgeben will sie aber auch nicht …

Dieser Bericht der Psychologin selbst ist unglaublich spannend geschrieben. Zwar kommt der Leser recht schnell auf einen Missbrauchshintergrund, da schwere psychologische Schädigungen ja eine Ursache haben müssen und sowohl Jadies Mutismus, ihre Körperhaltung und auch ihre sexuellen Andeutungen weisen einen klaren Weg, doch auf die Geschichte mit dem Satanskult ist der Leser nicht vorbereitet und daher sehr erschüttert.

Interessant, wenn auch für einige möglicherweise abschreckend, ist der Aspekt, dass diese Geschichte niemals aufgelöst wurde. Zwar wurden schließlich entsprechende Ämter und die Polizei eingeschaltet und umfangreiche Untersuchungen vorgenommen, doch konnte der Wahrheitsgehalt von Jadies Aussagen nie klar bewiesen werden. Umgekehrt gab es zwar auch starke psychotische Anzeichen bei dem Kind, die die Vermutung nahelegen, Jadie habe das alles nur phantasiert, aber auch dies ließ sich nie beweisen und bei beiden Versionen gibt es sowohl gute Punkte, die dafür sprechen, jedoch auch ebenso viele dagegen.
Unbefriedigend ist dieses Ende der Geschichte trotzdem nicht, denn das gesamte Buch hindurch wird der Leser selbst von einer Annahme zur nächsten geschleudert, werden Theorien aufgestellt, die sich als haltlos erweisen und so weiter. Von daher ist man auf einen ungelösten Fall in etwa vorbereitet und letztlich nimmt diese Tatsache dem Buch nicht die Berechtigung, sondern verstärkt sie eigentlich umso mehr. Ist es richtig, frühzeitig schon im Verdachtsfall an die Öffentlichkeit zu gehen oder sollte man Rücksicht auf die Schäden nehmen, die man vielleicht in einer intakten Familie anrichten könnte?
Gerade Fälle, die Kinder betreffen und bei denen sich psychiatrische Erkrankungen und Missbrauchserfahrungen möglicherweise vermischen, sind längst nicht so leicht abzuhandeln, wie es einem die Boulevard-Presse oftmals einzureden versucht. Ein Versuch, differenzierter an solche Angelegenheiten heranzugehen und sie entsprechend zu reflektieren und zu bedenken, bietet dieser Roman.

Insgesamt ein wirklich gelungener Roman, dessen Spannungspegel dicht an einen Thriller reicht, der sich aufgrund seiner detaillierten Ausführungen allerdings nicht unbedingt für Zartbesaitete eignet.

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