Eoin Colfer: Meg Finn und die Liste der vier Wünsche

Die 14-jährige Meg versucht zusammen mit ihrem 16-jährigen Partner Belch, bei einem Renter einzubrechen. Dummerweise werden die beiden von dem alten Lowrie erwischt. Viel dümmer ist allerdings, dass sich die beiden kurz darauf in einem Tunnel wiederfinden. Es ist der Tunnel, von dem aus man entweder in den Himmel oder in die Hölle gelangt, denn die beiden sind bei der Explosion eines Gastanks bei dem alten Herrn gestorben.
Belch wandert direkt in die Hölle, Meg jedoch erhält eine zweite Chance. Gut und Böse halten sich bei ihr die Waage und sie wird zurück zur Erde geschickt, um dort ausgerechnet beim alten Lowrie zu beweisen, dass sie es wert ist, in den Himmel zu kommen.
Zunächst stellt sich Meg alles ganz einfach vor. Sie spekuliert darauf, dem Rentner ein wenig bei der Hausarbeit zu helfen und das soll reichen. Lowrie hingegen hat ganz andere Vorstellungen von Megs Aufgaben:
Er hat eine Liste erstellt mit all den Dingen, die er in seinem Leben versäumt oder falsch gemacht hat. Für vier Dinge davon ist es noch nicht zu spät. Diese könnte er mit Megs Hilfe vielleicht noch korrigieren, bevor auch er, der ein schwaches Herz hat, aus dem Leben scheidet.
Und so machen sich die beiden auf, das junge Geistermädchen mit dem frechen Mundwerk und der alte Griesgram, um Lowries Liste der vier Wünsche in der Zeit, die sie beide haben, umzusetzen.
Als wäre das nicht schwer genug, hält der Teufel jedoch nichts davon, Meg an den Himmel zu verlieren und schickt Belch ebenfalls zurück zur Erde, um Megs Absichten, genug gute Taten für den Himmel zu sammeln, zu sabotieren.

Der irische Autor Eoin Colfer ist vor allem durch seine Reihe „Artemis Fowl“ bekannt, und so stellt man sich zunächst die Frage, wie die Geschichte eines Meisterdiebs und hochtechnisierter Elfen mit ausgesprochen eigenem Humor zu einer scheinbar rührenden Geschichte über ein Mädchen passt, das mittels guter Taten in den Himmel kommen will.

Tatsache ist, dass man sich an Meg Finn erst einmal gewöhnen muss. Man ist hin und her gerissen, wenn man von diesem Gör erfährt, die nun wirklich nicht viel Gutes in sich zu haben scheint. Meg hat ein großes Mundwerk, bringt unpassende und unhöfliche Kommentare, ist respektlos und scheint keine Skrupel zu haben, einen alten Mann auszurauben. Selbst nach ihrem Tod gewinnt sie nicht wirklich Sympathien, denn auch die Situation, tot und zwischen Himmel und Hölle zu sein, nimmt sie mit Gleichgültigkeit auf, vielleicht sogar mit einer gewissen Kaltschnäuzigkeit. Sie versucht zu pokern und selbst zurück auf der Erde sucht sie noch immer nach den leichtesten Wegen und ist frei von jeder Reue.
Alles Dinge, die einen sehr irritieren und den Weg in die Geschichte ein wenig schwer gestalten.
Dass Meg sich ändert und aus den beiden unterschiedlichen Charakteren schließlich Freunde werden, hält man zunächst für unmöglich.

Auf der anderen Seite hat der Autor es tatsächlich geschafft, seinen sehr eigenen Humor auch in diese Geschichte einzubinden und auch die Technik findet tatsächlich ihren Platz, wenn auch nicht ganz in dem Maße, wie man es von Artemis Fowl her gewöhnt ist. Beide Punkte bieten für neue Leser oder Hörer vermutlich weitere Irritationen, wer Eoin Colfer aber bereits kennt, wird sich sehr darüber freuen.

Der Autor schafft es tatsächlich, der Geschichte Lebendigkeit zu geben.
Sie ist rührend und ein wenig traurig, ohne kitschig zu werden. Sie ist lustig, ohne lächerlich oder albern zu werden.
Ganz unbemerkt ändert sich die Stimmung. Sie beginnt irritierend, setzt dann viel auf Humor und wird plötzlich recht ernst und regt zum Nachdenken an, um schließlich sehr rührend und gefühlsbetont zu enden.
Eine Gratwanderung, die leicht hätte daneben gehen können, und für die Eoin Colfer sicherlich Achtung verdient. Bedenkt man dann noch, wie gelungen er technische Dinge und seinen sehr eigenen Humor in die Geschichte einwebt, kann man sein Buch mit einem einzigen Wort honorieren: Respekt!

Als Sprecher Rufus Beck einzusetzen, hat sowohl Harry Potter, als auch Artemis Fowl bereits sehr gut getan. Nicht umsonst wird der Mann als Vorleser in den höchsten Tönen gelobt, und auch hier verleihen seine unterschiedlichen Stimmnuancen den Figuren eigenen Charakter und seine Betonungen den gefühlvollen Stellen noch mehr Gefühl und den lustigen Stellen noch mehr Witz.

Meg Finn ist sicherlich keine Geschichte für jüngere Kinder, weil Gut und Böse in diesem Werk nicht allzu deutlich voneinander getrennt werden und zu sehr verwischen.
Für jugendliche Leser und Erwachsene hingegen ist Meg Finn eine tolle Empfehlung. Weil diese Geschichte deutlicher auf Werte und moralische Aspekte eingeht als die Artemis Fowl-Geschichten, hat Meg Finn gerade für Jugendliche vielleicht sogar eine besondere Bedeutung.

Arthur Schnitzler: Sterben

Die Novelle, die Hörbuch Hamburg im September 2007 als von Monica Bleibtreu gelesenes Hörbuch veröffentlichte, schrieb der österreichische Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler bereits 1892.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen Felix und Marie, ein innig verbundenes Paar, das durch eine ärztliche Prognose auf eine harte Probe gestellt wird: Ein Jahr hat Felix nur noch zu leben, so sagt man es ihm, und beide, Felix wie Marie, können mit dieser Aussicht nicht umgehen. Die Novelle beschreibt die beiden und ihr Erleben im Verlauf des Jahres von der Prognose an.

Felix wirkt zunächst gefasst, Marie kurzzeitig aufgelöst, dann jedoch sehr aufgeräumt. Spontan beschließt sie, das letzte Lebensjahr von Felix mit ihm zusammen zu verbringen und zugleich, es auch zu ihrem eigenen letzten Lebensjahr zu machen. Wenn es mit Felix zu Ende geht, so verkündet sie, dann will sie selbst sich das Leben nehmen und mit ihm zusammen sterben.

Diese klassisch romantisierte Sicht vom Tod ist jedoch nur der Anfang der knapp 140-seitigen Novelle, die in Hörbuchform ungekürzt vorgelesen wird. Schnitzler hat diese Geschichte im weiteren Verlauf zu etwas ganz anderem verwoben. Nach und nach wird immer deutlicher, welche inneren Konflikte in den beiden Figuren toben. Sie versuchen beide, an ihren Zusagen festzuhalten, doch immer größer wird die Angst. Felix versucht zunächst, Marie dieses Leid zu ersparen und sie loszuwerden, doch diesem Großmut kann er nicht lang treu bleiben und Misstrauen und Missgunst machen sich in ihm breit. Wird sie ihr Wort halten und ebenfalls sterben? Oder macht sie ihm nur etwas vor und genießt nach seinem Tod das Leben? Die Tatsache, dass sie die Wahl hat und er nicht, lastet schwer auf Felix. Umgekehrt will Marie ihrer großen Liebe und ihrem Wort treu bleiben, spürt jedoch mit der Zeit immer deutlicher den Drang zu leben, nimmt – zunächst peinlich berührt und aus den Augenwinkeln – andere Männer wahr …

„Sterben“ erzählt nicht die Geschichte des Sterbens selbst, sondern eine Geschichte über die Auswirkungen des Todes vor Augen – aus der Sicht dessen, für den er unweigerlich vor der Tür steht, und aus der Sicht derer, die sich noch gegen ihn entscheiden könnte. Die Novelle mutet wie eine Studie an, ist durchweg nachvollziehbar und realistisch, leidenschaftlich und kühl zugleich.

Sicherlich spielt es eine Rolle, dass „Sterben“ autobiografische Züge enthält. Schnitzler selbst war einmal mit der Diagnose Tuberkulose konfrontiert und erholte sich in Meran davon – in dem Ort, in dem auch Felix und Marie schließlich Erholung suchen.

„Sterben“ ist ein wirklich gelungenes Werk, ein nachdenklich machendes und aufwühlendes. Etwas schwierig könnte der Ausdruck des Ganzen sein, denn die Novelle wird nicht in modernisierter Form gelesen und enthält viele entsprechend altbacken wirkende Formulierungen aus der Jahrhundertwende. Die ausgezeichnete Sprecherin Monica Bleibtreu liest das Buch souverän, betont allerdings – vermutlich ungewollt – den dramatischen Einschlag des Ganzen ein wenig zu sehr, so dass man ein wenig Geduld und Langmut mitbringen sollte. Gerade zu Anfang ist das zahlreich vorkommende „Felix! Oh, Felix!“, ebenso verzweifelt klingend wie gelesen, recht anstrengend und nicht allzu unterhaltsam.

Stephen King: Love

Lisey ist seit zwei Jahren Witwe. Seit ihr Mann Scott, ein berühmter Schriftsteller, starb, hat Lisey das Leben erstaunlich gut allein gemeistert – zumindest zwei Jahre lang. Nun jedoch zeigen sich die ersten Schatten, die rasch anwachsen, und sie zwingen Lisey zur Verarbeitung ihrer Trauer und der Aufarbeitung ihrer Ehe und Liebe zu Scott. Zum einen ist Liseys älteste Schwester, die mittlerweile sechzigjährige Amanda, ein Sorgenkind. Immer häufiger verletzt sie sich selbst, und als sie schließlich in einen katatonischen Zustand verfällt, muss Lisey sich schließlich um einen Betreuungsplatz für Amanda kümmern – eine Angelegenheit, um die Scott sich, wie Lisey erstaunt feststellt, zu Lebzeiten noch sehr umfassend gekümmert hatte.

Liseys größeres Problem sind jedoch die Leute, die Scotts Nachlass unbedingt haben wollen, in der Hoffnung, dass sich darunter Perlen wie unveröffentlichte Manuskripte befinden. Dafür, dass Lisey in den letzten zwei Jahren das Büro ihres Mannes keineswegs gesichtet oder gar aufgeräumt hat, haben nur wenige Verständnis – ganz sicher jedoch nicht der Wahnsinnige Zack McCool, der scheinbar in Zusammenarbeit mit einem Professor der Universität Pittsburgh auf Liseys Fersen bleibt und schließlich sogar ihr Leben bedroht, was sich nicht als leere Warnung herausstellt …

Doch obwohl Scott bereits zwei Jahre lang tot ist, ist er es, der Lisey durch diese schwierige Zeit begleitet; und die Zeit vor und während ihrer gemeinsamen Ehe ist es auch, die Lisey noch einmal ganz bewusst durchleben muss, um zum Ziel zu kommen.

In Stephen Kings vielleicht dichtestem und persönlichsten Roman geht es um die Geheimsprache der Liebe und die Allgegenwart des Wahnsinns“, so verrät der Klappentext. Vor allem diese Zeilen und das Nachwort Kings, in dem er feststellt, Scott sei nicht er und Lisey nicht seine Frau Tabitha – und sicherlich auch eine große Portion Neid – sind es, die Kritiker wohl dazu ermutigten, genau diese Punkte zum Zentrum ihrer Kritik am Buch zu machen. Natürlich sei der Roman stark autobiografisch, auch und gerade weil anderes behauptet würde, aber so viele Details seien authentisch, so auch die einstige Bedrohung Tabithas 1991, die Tatsache, dass Tabitha einige Schwestern habe wie Lisey im Roman auch und zuletzt seien fiktionale Elemente dem Wunschdenken Kings, etwa der Erhalt des Pulitzer-Preises, wie ihn Romanfigur Scott bekommen hat, zuzuschreiben.

Leider übersehen diese Kritiker wohl aber die zahlreichen nicht-authentischen Elemente des Buches sowie die aus der Phantastik ebenso. Das Attentat auf Romanfigur Scott ist sicherlich weder realen King-Details noch Wunschdenken zuzuordnen und zu guter Letzt schreibt King in seinem Nachwort nicht, dass es keinerlei autobiografische Züge im Buch gebe – er verneint lediglich eine Gleichsetzung der Buchfiguren mit den real existenten Personen … George W. Bush vielleicht ausgenommen. Nein, korrekter gesagt muss es heißen, dass die Gleichsetzung der familiären Buchcharaktere zu den realen Personen nicht möglich ist – dennoch ist vieles in diesem Buch durchaus real, wenn vielleicht auch nicht autobiografisch. King zitiert von zahlreichen Autoren, aus vielen Büchern, Filmen und aus Liedern.

Neben den Zitaten bekannter und weniger bekannter Persönlichkeiten finden sich in diesem Roman viele typische Merkmale von Kings Stil: Natürlich spielt auch dieser Roman in Maine und einmal mehr begleitet der Leser im Grunde durchschnittliche Menschen auf einem immer weniger durchschnittlichen und realen Weg. Kings Stil ist zumeist gewohnt knapp und plastisch angelegt, was den Autoren allerdings nicht davon abhält, jemanden über viele Buchseiten hinweg schlicht eine Mahlzeit zuzubereiten lassen oder ähnliches. Dies ist ein durchaus nennenswerter Kritikpunkt am Buch: Es hat deutlich spürbare Längen, die das Lesen nicht nur zu einem Vergnügen werden lassen. Zwar werden lange Passagen meist wieder dadurch aufgepeppt, dass King sehr bewusst mit verschiedenen Zeiten jongliert, dennoch ziehen sich die ersten paar hundert Seiten teils kaugummiartig.

Ein weiterer Kritikpunkt kommt dem Experimentellen in „Love“ zu. King übertrifft sich selbst, wenn er zahlreiche neue Wörter erfindet, die zumeist gut ins Deutsche transportiert worden sind, oder wenn er verschiedene Dialekte in das Buch integriert. Dennoch sind diese das gesamte Buch durchziehenden Passagen teils anstrengend für den Leser, zumal sie in so geballter Fülle zu Tage treten.

Unabhängig von irgendwelchen biografischen Details ist dieses Buch das, was seine Titel versprechen: Es ist „Lisey’s Story“, die King hier erzählt, zugleich ist es eine Geschichte, die zuallererst von der Kraft der Liebe, von „Love“, erzählt.
Es ist ein „verschmickt“ gefühlvoller Roman, ein rührender, ein mythischer – ebenso mythisch wie der Pool, den King in diesem Roman beschreibt, der Pool in Boo’ya Mond. Und eines ist sicher: King hat es in und mit diesem Buch wirklich „umgeschnallt“.

Diane Broeckhoven: Ein Tag mit Herrn Jules

Eines der Bücher, bei denen ich mir schon zu ihrem Erscheinen vornehme, sie irgendwann mal zu lesen. Bei “Ein Tag mit Herrn Jules” hat es drei Jahre gedauert.

Gelesen habe ich das Ganze schließlich im Urlaub, obwohl das mit 96-123 Seiten (letzteres in der Großdruckvariante, die ich gelesen habe) eigentlich ein Buch ist, das mal eben so zwischen zwei Mahlzeiten oder ähnliches passt. Inhaltlich passt es aber eigentlich nicht ins “Zwischendurch”, und genau genommen ist es auch keine (zumindest klassische) Urlaubslektüre.

Zu Beginn des Buches erwacht die Erzählerin des Ganzen und nimmt als erstes den Kaffeeduft aus der Stube wahr. So ist es jeden Morgen, denn den Kaffee zu kochen und alles für das Frühstück zu richten, das ist in erster Linie die Aufgabe ihres Mannes Jules. Und so steht Alice auf – in Erwartung eines ganz normalen Tages.
Jules sitzt im Wohnzimmer und schweigt. Es dauert eine Weile, bis die Erzählerin versteht, was vor sich geht: Jules ist tot.

Es geht nicht um einen spektakulären Mord, um Geister oder sonst etwas Fantastisches oder Abstruses. Es geht einfach um den Tod, der bei einem alten Ehepaar erwartet eintritt, aber doch nicht zur rechten Zeit. Es geht darum, Abschied zu nehmen von einem geliebten Menschen, nicht einmal irgendeinem, sondern von dem Menschen, mit dem man einen Großteil seines Lebens er- und gelebt hat.

Alice macht an diesem Tage in der gewohnten Struktur das, was sie sonst zusammen mit Jules getan hat – und doch stolpert sie immer wieder über Dinge, die in Zukunft anders laufen werden und müssen. Sie kann nun essen, was sie möchte, trinken, was sie möchte. Sie kann an Kleidung tragen, was sie möchte und sie braucht nicht mehr genau auf bestimmte Manieren zu achten. Aber sie wird auch morgens keinen Kaffeeduft mehr riechen, der sie weckt, sie wird keine Gespräche mehr mit Jules führen, es gibt keine Arbeitsteilung mehr.
Sie redet mit ihrem toten Mann, als sei er noch da, und ohne jemanden zu informieren nimmt sie sich die Zeit, von Jules Abschied zu nehmen. Sie sagt ihm, was sie mochte, liebte, hasste und erzählt von alten Verletzungen, über die sie gemeinsam zu seinen Lebzeiten nicht sprachen.

Man sieht: Es sind nur 96 Seiten, aber es steckt unglaublich viel in diesem kleinen Büchlein. Vor allem der Stil ist es, der mitreißt. Nichts ist besonders Effekt heischend, dramatisch oder kitschig, sondern es ist eine Geschichte, die mitten aus dem Leben kommt und den Tod verabschiedet – den Tod, wie er einen wirklich betrifft, nicht fiktional, nicht im Kino, sondern gänzlich realistisch.
Dabei hat die Autorin alles so wunderbar detailliert eingefangen, so punktgenau beschrieben und hat doch vieles zwischen den Zeilen gelassen, das man als Leser entdecken kann, eine Geschichte des Alterns und des Alters, eine Liebes- und Ehegeschichte, eine Geschichte der Akzeptanz, des Respekts, eine Lebensgeschichte und eine Geschichte des Abschieds.

Einfach wundervoll zu lesen und sehr zu empfehlen. Wartet nicht auch drei Jahre, so wie ich, bis ihr dieses Buch zur Hand nehmt!

Neil Gaiman: Death – Der Preis des Lebens

Neil Gaiman mag ich ohnehin sehr gern, besonders gern mag ich allerdings seine “Sandman“-Comics. Es wäre jetzt ein bisschen diffus, alle Hefte oder Sammelbände dieser Serie einzeln vorzustellen, darum gibt’s an dieser Stelle quasi vertretungsweise einen kleinen Einblick in “Death – Der Preis des Lebens“.
Zur Erklärung vorab: Dieser Band versammelt Geschichten rund um Death, also den Tod persönlich, der in der “Sandman“-Reihe weiblich ist und im Grunde so gar nicht düster, sondern sehr tiefgründig und liebevoll. Death gehört genau wie die eigentliche Hauptfigur der Serie, Dream alias Morpheus, der Herrscher über das Traumreich, zu den sieben Ewigen. Die sieben Ewigen existieren – wie der Name schon verrät – ewig, ganz gleich, ob man an sie glaubt oder nicht. Neben Dream und Death sind das Destiny (Schicksal), Destruction (Zerstörung), Desire (Verlangen), Despair (Verzweiflung) und Delirium (Wahnsinn).
Vor allem Death ist bei den Lesern aber so beliebt, dass sie einen eigenen Comicband bekam, der 2004 bei Tilsner (Speedcomics) erschien, soweit ich weiß, aber mittlerweile schon nur noch gebraucht erhältlich ist.

Der sechzehnjährige Sexton hat die Nase von allem voll. Es ist nicht einmal so, dass er viele Probleme hätte, ihn vieles nerven würde oder ähnliches, nein, Sexton ist einfach gleichgültig und hat keinen Bock mehr. Wohlüberlegt verfasst er einen Abschiedsbrief am PC, absolut entschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen.
Seine Pläne werden jedoch von seiner Mutter Sylvia zunächst auf Eis gelegt, denn diese hat in einem manischen Anfall nichts besseres zu tun, als gut gelaunt die Wohnung zu putzen. Dieses Vorhaben geht sie derart bester Laune an, dass Sexton seine bisherigen Ergüsse auf dem PC abspeichert und das Haus verlässt, bis der Putzwahn sich gelegt hat – schließlich hat er es auch nicht allzu eilig, sein Vorhaben zu sterben in die Tat umzusetzen.
Auf einer Müllhalde rutscht er schließlich aus und gerät unter einen Kühlschrank. Ein fremdes Mädchen rettet ihn aus der misslichen Lage und da er ohnehin nicht viel besseres zu tun hat, begleitet er sie nach Hause. Dort macht er sich aber bald aus dem Staub, als er erkennt, dass das fremde Mädchen im Gothic-Outfit mit Zylinder auf dem Kopf offenbar nicht ganz richtig im Kopf ist – oder besser gesagt: Er versucht, sich aus dem Staub zu machen.
An der Haustür wartet jedoch bereits eine uralte Obdachlose auf ihn, die ihn mit einer abgebrochenen Glasflasche in der Hand zum Rückzug zwingt und völlig unfreiwillig befindet sich Sexton plötzlich in einer Geschichte, in der das fremde Mädchen, das sich für den Tod hält, scheinbar immer guter Dinge ist, alles von den Leuten geschenkt bekommt, der angeblich mehrere Hundert Jahre alten Obdachlosen verspricht, deren Herz zu suchen und schließlich zusammen mit Sexton von einem Eremiten entführt und eingesperrt wird.
Sexton versteht die Welt nicht mehr.

Die “Sandman“-Reihe ist bekannt dafür, auf einem Niveau zu agieren, das viele einem Comic (hier besser: Graphic Novel) von vornherein absprechen wollen. Sie ist aber auch bekannt dafür, Sinnfragen zu stellen und auf ihre Art und Weise zu erklären, ist fantasievoll, mystisch, traurig, erhebend und dramatisch – alles das und viel mehr zugleich. Was meist jedoch vorherrscht, ist die Schwere, das Düstere des Ganzen. Nicht so bei Death.
Death hält sich nicht für den Tod, sie ist der Tod, wie Leser der Serie längst wissen, doch mit den Erzählungen über den Tod, mit dem Gerippe mit Sense, hat sie nichts gemein. Alle hundert Jahre kommt das vermeintliche Mädchen, das so alt ist wie die Zeit, zu den Menschen und verbringt einen Tag als Sterbliche, um das Leben und das, was es zu bieten hat, stets mit Achtung zu behandeln. Nie soll sie vergessen, wovon sie die Lebewesen trennt, wenn sie sie abholen kommt. Und Death weiß das zu schätzen. Sie ist unbekümmert und immer freundlich, achtet auf die kleinen Dinge des Lebens, bedankt sich für alles und sorgt mit ihrer scheinbaren Naivität dafür, dass den Menschen, denen sie begegnet, das Herz aufgeht. Das Leben hält so vieles bereit, vor dem man leicht die Augen verschließt – und das erkennt auch Sexton im Verlauf der Geschichte.

Die farbigen Zeichnungen der Geschichte, die sich in mehrere Kapitel aufteilt, sind sehr detailliert und stimmungsvoll. Anders ist dies auf den letzten sechs Seiten des Comicbandes. Dort ist die eigentliche Geschichte längst beendet und stattdessen schließt sich “Death erzählt vom Leben“ an, ein kurzer Aufklärungscomic über HIV, andere Geschlechtskrankheiten und Safer Sex, präsentiert von Death, von einem anderen Künstler gezeichnet. Dieser Comic wurde von der Gesundheitsbehörde bereits als Broschüre herausgegeben und behandelt zweifellos ein wichtiges Thema, zudem scheint Death die ideale Person zu sein – wegen ihrer Lebensaufgabe und zugleich ihrer unbekümmerten Art -, um dieses Thema jemandem nahe zu bringen, dennoch passen sich die eher schwachen schwarzweißen Zeichnungen, der braune Hintergrund sowie der Inhalt nicht in den Comic ein und wirken deutlich deplaziert.

Nicht deplaziert, sondern hübsch gestaltet, dennoch aber überflüssig ist die Einleitung von Tori Amos, in der sich die Sängerin dem Charakter von Death in ihrer Wortwahl anzugleichen versucht mit dem Ergebnis, drei Seiten lang zu reden, ohne dabei irgendetwas zu sagen zu haben.

Insgesamt ist “Death: Der Preis des Lebens“ aber wohl einer der schönsten und zugleich leichtesten Bände der “Sandman“-Reihe, dennoch stören Einleitung sowie der eingebrachte abschließende Aufklärungs-Comic und nehmen dem Buch einiges an Flair.

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